02.06.2015 16:02

Dr. MuscleBewegung ist nicht immer Muskelkraft

Kennen Sie den Unterschied zwischen pliometrischer und miometrischer Kraftproduktion? Dr. Muscle erklärt es Ihnen.

Eine junge Joggerin läuft eine Treppe hoch.

Eine junge Joggerin läuft eine Treppe hoch.

Wenn Ihre Muskeln Kraft produzieren und sich dabei verkürzen, nennt man diesen Vorgang bzw. dieses Resultat korrekterweise miometrische Kraftproduktion. Umgangssprachlich ist der Begriff «exzentrische Kontraktion» jedoch noch geläufiger. Während der miometrischen Kraftproduktion wird die Trainingslast überwunden, z. B. beim Anheben einer Hantel. Ein typischeres Beispiel aus dem Alltag ist das Hochsteigen einer Treppe. Dabei produzieren Ihre Oberschenkel- und Gesässmuskeln miometrisch Kraft. Umgekehrt spricht man von pliometrischer Kraftproduktion (umgangssprachlich «exzentrische Kontraktion»), wenn Ihre Muskeln während der Kraftproduktion länger werden bzw. aktiv gedehnt werden. Dies geschieht bei Bremsbewegungen, z. B. beim Hinabsteigen einer Treppe. Die dritte mögliche Auswirkung der Kraftproduktion ist die isometrische Kraftproduktion (umgangssprachlich «isometrische Kontraktion»).

Dabei produzieren die Muskeln zwar Kraft, dies führt äusserlich jedoch zu keiner sichtbaren Bewegung. Denken Sie nur an das Tragen einer schweren Einkaufstasche, wo mehrere Muskeln (u. a. Schulter-, Nacken-, Unterarmmuskeln) isometrisch Kraft produzieren, während sich die Einkaufstasche bezogen auf Ihre Körpersegmente praktisch nicht von der Stelle rührt. Schliesslich trifft man im Zusammenhang mit der äusserlichen Auswirkung der Kraftproduktion häufig auch auf die beiden Eigenschaftswörter isometrische Kontraktion «positiv» und «negativ» (z. B. «Negativtraining»). Diese Eigenschaftswörter haben im Zusammenhang mit Training nichts mit gut und schlecht zu tun, sondern sie beziehen sich auf das Vorzeichen (Plus für positiv oder Minus für negativ) der während der Bewegung verrichteten externen mechanischen Arbeit (die vom Körper aufgewendete Energie), die wie folgt berechnet werden kann: Arbeit = Kraft mal Weg.

Im Beispiel des Treppensteigens entspricht die Kraft Ihrem Körpergewicht und der Weg der zurückgelegten Treppenhöhe (Höhe einer Treppenstufe mal Anzahl Treppenstufen). Beim Hochsteigen der Treppe (überwindende Phase) ist die verrichtete Arbeit definitionsgemäss positiv, trägt also ein positives mathematisches Vorzeichen, beim Hinabsteigen der Treppe ist das Vorzeichen negativ. «Negativtraining» beschreibt also das Gleiche wie «exzentrisches Training» oder eben pliometrische Kraftproduktion. Ganz wichtig für das Verständnis ist Folgendes: Wie in einer früheren Kolumne beschrieben, ist eine Funktion des Muskels, dass er Kraft produziert. Dabei versucht er immer, sich zu verkürzen. Die Muskelverkürzung ist aber nicht immer das Resultat Ihrer Kraftanstrengung. Ob äusserlich eine Bewegung sichtbar wird (und wie schnell diese Bewegung ist), hängt nämlich nicht nur vom Krafteinsatz Ihrer Muskeln, sondern auch von der Höhe der externen Last ab.

Anders ausgedrückt versucht der Muskel immer, miometrisch Kraft zu produzieren, je nachdem in welchem Verhältnis jedoch Ihre Muskelkraft (bzw. Ihre Kraftanstrengung) zur externen Kraft (Last) steht, ist das Resultat miometrisch, isometrisch oder pliometrisch.

Was man unter «exzentrischem Krafttraining» bzw. «Negativtraining» versteht und wie Sie im Krafttraining die pliometrische Kraftproduktionsphase betonen können, erfahren Sie in der nächsten Kolumne.

Dr. sc. nat. Marco Toigo befasst sich im Rahmen seiner universitären Forschungsarbeit im Labor für Muskelplastizität der Universitätsklinik Balgrist mit den Mechanismen des Muskelaufbaus und -abbaus. Nebst seiner Forschungstätigkeit ist er als ETH-Dozent für Muskel- und Sportphysiologie sowie als Buchautor tätig. Er verfügt zudem über jahrelange Erfahrung in der Ausbildung von Fitnesstrainern und der Instruktion und Betreuung von Trainierenden.

Deine Meinung

Fehler gefunden?Jetzt melden.