04.12.2017 18:27

Video-Interview

Bewerber müssen jetzt dem Roboter antworten

Vorstellungsgespräche bei Schweizer Firmen werden teilweise per Maschine durchgeführt. Peinlich und unangenehm, finden Betroffene.

von
R. Knecht
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Viele Bewerber müssen vor einem Gespräch erst mal ein Video von sich selbst aufnehmen.

Viele Bewerber müssen vor einem Gespräch erst mal ein Video von sich selbst aufnehmen.

20min
Bei der UBS werden hauptsächlich zur Rekrutierung von Praktikanten und Auszubildenden zuerst Videos gemacht.

Bei der UBS werden hauptsächlich zur Rekrutierung von Praktikanten und Auszubildenden zuerst Videos gemacht.

Keystone/Gaetan Bally
Dabei wird den Bewerbern auf dem Bildschirm eine Frage gestellt, auf die sie dann in einem Video antworten sollen. Die irische Firma Sonru bietet den Videoservice.

Dabei wird den Bewerbern auf dem Bildschirm eine Frage gestellt, auf die sie dann in einem Video antworten sollen. Die irische Firma Sonru bietet den Videoservice.

20 Minuten/Screenshot Sonru Website

Wer bestimmte Jobs bei Firmen wie UBS oder Salt will, muss sich erst einmal bei einer Maschine bewerben. Nachdem ein Kandidat bei der Schweizer Bank etwa die nötigen Informationen und Daten versandt und verschiedene Tests bestanden hat, wird er per Link zu einem Videointerview eingeladen. Der Clou: Das Gespräch findet nicht zwischen zwei Menschen statt. Der Kandidat antwortet auf Fragen, die auf dem Bildschirm als Text erscheinen – das System erstellt Videos der Antworten.

Die irische Firma Sonru bietet den Videoservice, der bei der UBS hauptsächlich zur Rekrutierung von Praktikanten und Auszubildenden eingesetzt wird, wie eine Sprecherin der Bank mitteilt. Ein Mitarbeiter bei der Bank, der anonym bleiben möchte, schildert seine Erfahrung mit dem System. Bewerber seien oft unsicher oder nervös: «Das ist peinlich für die Kandidaten, aber auch für diejenigen, die sich diese Videos ansehen müssen», so der Mitarbeiter.

«Den meisten war es sehr unangenehm»

Von Unternehmensseite habe man dem Mitarbeiter erklärt, dass sich viele jüngere Bewerber wegen ihres Kontakts mit Online-Plattformen gewohnt seien, vor der Kamera zu stehen. Davon merkte er jedoch nicht viel: Er habe ausgewählte Kandidaten gefragt, wie sie den Prozess empfunden hätten. Die einseitigen Videointerviews seien den meisten sehr unangenehm gewesen.

Dass Gespräche mit der Maschine als unangenehm empfunden werden, könnte im Rekrutierungsprozess für die Arbeitgeber aber auch von Vorteil sein: Bei Salt kommt das System von Sonru vor allem bei Bewerbungen für Stellen in Salt-Filialen und Call Centern zum Einsatz, wie ein Sprecher des Unternehmens sagt. Man wolle gerade von diesen Kandidaten sehen, wie sie sich in ungewohnten Gesprächssituationen wie dieser verhalten.

Die Videos sind kein Ersatz für das Vorstellungsgespräch

Die Videointerviews sind allerdings Bestandteil des Auswahlprozesses und ersetzen nicht das klassische Vorstellungsgespräch. Bei der UBS etwa werden die Videos in der Personalabteilung gesichtet, und die Personaler senden daraufhin eine Auswahl an Videos und Unterlagen zum zuständigen Mitarbeiter. Dieser entscheidet dann, welche Kandidaten zu einem persönlichen Vorstellungsgespräch eingeladen werden.

Diese Art von Bewerbungsvideo soll mehr Menschen die Möglichkeit geben, einen persönlichen Eindruck zu hinterlassen, erkärt Matthias Mölleney, Leiter Center für Personalmanagement an der Hochschule für Wirtschaft Zürich. «Der Mensch als Recruiter ist im Bewerbungsprozess ein limitierender Faktor», so Mölleney. Mit einem automatisierten System in der ersten Vorauswahl sei es möglich, wesentlich mehr Kandidaten die Chance zu geben, sich persönlich zu präsentieren, als wenn nur Personaler einzelne Gespräche führen würden.

Das System biete auch Vorteile für die Kandidaten, wie eine Sprecherin der UBS sagt. Die Interviews könnten zeit- und ortsunabhängig erfolgen, was gerade bei jungen Kandidaten ein Bedürfnis sei.

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