18.04.2020 15:42

Forscher kritisiert BAG

«Bezweifle, dass Schulen geöffnet werden sollten»

Mit der Aussage, dass Kinder nicht am Coronavirus erkranken würden, säte der Bund Verunsicherung. Institutsdirektor Adriano Aguzzi übt heftige Kritik.

von
Joel Probst

Am Donnerstag gab Daniel Koch vom Bundesamt für Gesundheit (BAG) noch Entwarnung: Jüngere Kinder seien keine Träger des neuen Coronavirus und sie infizierten sich auch kaum damit, sagte er vor der Presse. Doch schon am Freitag ruderte er zurück.

Auch Kinder könnten sich anstecken, präzisierte Koch. Gleichzeitig betonte er: «Kinder sind mit Sicherheit keine Treiber dieser Epidemie. Sie sind sehr marginal betroffen.» Koch gab an, sich dabei auf Kenntnisse zu stützen, die ihm Kinderärzte durchgegeben hätten.

Institutsdirektor übt harsche Kritik

Für diese Informationspolitik muss das BAG Kritik einstecken. Besonders lautstark meldet sich Adriano Aguzzi, Direktor des Instituts für Neuropathologie am Universitätsspital Zürich, der auch zum neuen Coronavirus forscht, auf Twitter zu Wort: «Der Schweizer Gesundheitsminister hat verkündet, dass Kinder CoV2 nicht auf andere übertragen. Könnte mich bitte jemand auf eine Arbeit mit Peer-Review (Verfahren zur Qualitätssicherung, Anm. Red.) hinweisen, die dieses erstaunliche Ergebnis beschreibt? Ich scheine das verpasst zu haben.»

Auf Anfrage von 20 Minuten sagt er: «Es ist mir klar, dass sich die Erkenntnisse schnell ändern. Es ist aber wichtig, dass man die Lockerung anhand von verifizierbaren Daten vorantreibt. Wenn man behauptet, Kinder könnten das Virus nicht übertragen, sollte man wenigstens die entsprechenden Quellen offenlegen, so dass sich alle eine Meinung dazu bilden können.»

Aguzzi bezweifelt, dass Schulen geöffnet werden sollten

Nun steht bekanntlich die Wiederaufnahme des Schulbetriebes bevor. Für Aguzzi ist alles andere als klar, dass eine Schulöffnung der richtige Schritt ist: «Ich bezweifle, dass die Schulen schon geöffnet werden sollten.» Bevor die Schulen öffneten, müsse gesichert sein, dass Kinder weniger infektiös seien als Erwachsene. Dafür habe er aber bislang keine wissenschaftliche Evidenz gesehen.

Der Institutsdirektor fordert deshalb: «Das BAG muss das zuerst mit stichhaltigen Daten belegen. Es reicht nicht, zu sagen, ‹ich habe das von Kinderärzten gehört›. Denn so laufen wir ins Risiko, dass es viele häusliche Infektionsherde gibt und die Kinder ihre Eltern anstecken. Das würde zu einem massiven Anstieg an Erkrankungen in der Familie führen.»

Es ist nicht das erste Mal, dass sich Aguzzi pointiert zur Corona-Krise äussert. Mitte März appellierte er in einem Video auf Youtube an die Bevölkerung, doch bitte daheim zu bleiben; die flammende Rede wurde hunderttausendfach geklickt (siehe oben).

Sogar Kinderärzte verunsichert

Christoph Aebi, Kinder-Infektiologe am Berner Inselspital und Vorstandsmitglied der Schweizerischen Gesellschaft für Pädiatrie, äusserte sich im «Tages-Anzeiger» zum aktuellen Wissensstand über Kinder mit Coronavirus.

Klar sei gemäss dem Artikel, dass sich Kinder mit dem Virus infizieren können. Doch bei Kindern bricht Covid-19 laut Aebi seltener aus. Unter 10-Jährige machten nur 0,4 Prozent der positiv Getesteten aus, Jugendliche bis 19 Jahre 2,6 Prozent. Obwohl die beiden Altersgruppen zusammen 20 Prozent der Bevölkerung bilden.

Wie viele Kinder sich ansteckten, aber keine Symptome hätten, sei nicht bekannt. Dafür aber, dass Kinder sehr selten schwer erkranken. So waren in der Schweiz bis Freitag keine Todesfälle von Kindern bekannt. Zudem spricht laut Aebi alles dafür, dass Erwachsene viel häufiger Kinder anstecken. Aber auch Kinder könnten das Virus übertragen.

Auch jetzt sollten die Grosseltern deshalb keine Kinder hüten, sagte Koch vom BAG am Freitag. Erlaubt sei aber, dass Kinder zusammen spielen.

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