Aktualisiert 01.07.2017 16:02

Theologe Stephan Jütte«Bibeltexte sind keine Gesetzesparagrafen»

Der Theologe Stephan Jütte von der Evangelischen Landeskirche fordert Christen auf, sich in Sachen Homosexualität zu reformieren.

von
miw
Es reiche nicht, wenn sich die Kirche nur distanziere, sondern sie müsse sich selbst reformieren, meint der Schweizer Theologe Stephan Jütte.

Es reiche nicht, wenn sich die Kirche nur distanziere, sondern sie müsse sich selbst reformieren, meint der Schweizer Theologe Stephan Jütte.

Keystone/Z1031/_jan Woitas

Herr Jütte*, in einem Blogeintrag zeigen Sie sich schockiert von den schwulenfeindlichen Tiraden des Bundes Evangelischer Schweizer Jungscharen (BESJ). Warum?

Ich war schockiert, weil diese homophoben Aussagen ja auf einer offiziellen Verbandsseite zu lesen waren. Der Verband BESJ hat diese Aussagen öffentlich zugänglich gemacht. Es sind nicht nur Sammlungen von Bibelstellen, sondern Bibelstellen unter kommentierenden Überschriften, die verstörend und verletzend sind. Das hätte ich heute nicht mehr für möglich gehalten. Christen werden durch solche Aussagen alle in Sippenhaft genommen: Wir als Landeskirche wie auch viele christliche Jugendarbeitende anderer Kirchen haben diese Haltung schon lange überwunden. Doch was denken nun Väter und Mütter, die ihre Kinder etwa an den Angeboten der Kirchgemeinden teilnehmen lassen? Solch homophobe Aussagen werfen auf uns alle einen Schatten.

Sie fordern nun Gläubige dazu auf, gewisse Aussagen der Bibel nicht für bare Münze zu nehmen; es reiche nicht, wenn sich die Kirche nur distanziere, sondern sie müsse sich selbst reformieren. «Sola scriptura» – die Kurzformel «allein durch die Schrift» – sei problematisch.

Durch meine Arbeit in der Praxis und mein Menschenbild bin ich schon lange der theologischen Überzeugung, dass Bibeltexte nicht eins zu eins übernommen werden dürfen. Aussagen aus der Bibel sind keine Gesetzesparagrafen, auf die man einfach verweisen kann. Wenn man die alten Schriften heute als absolute Wahrheit nimmt, können sie der eigentlichen Botschaft gar nicht mehr gerecht werden.

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«Die erwähnten Passagen gehen jedoch in eine Richtung, die wir nicht vertreten», sagt Adrian Jaggi, Mediensprecher und Mitglied der Bundesleitung des BESJ  Wie diese Inhalte damals den Weg auf die Website gefunden hätten, sei ihm nicht bekannt.

«Die erwähnten Passagen gehen jedoch in eine Richtung, die wir nicht vertreten», sagt Adrian Jaggi, Mediensprecher und Mitglied der Bundesleitung des BESJ Wie diese Inhalte damals den Weg auf die Website gefunden hätten, sei ihm nicht bekannt.

zvg
Seit den 90er-Jahren unterstützt der Bund den BESJ, dem über 15'000 Kinder und Jugendliche angeschlossen sind, finanziell.

Seit den 90er-Jahren unterstützt der Bund den BESJ, dem über 15'000 Kinder und Jugendliche angeschlossen sind, finanziell.

Yuryrumovsky
Sie stellten gern eine Themenkonkordanz «zeitgemässer Begriffe» zur Verfügung», kündigt der BESJ das Dossier auf seiner Website an. Inzwischen wurden die Inhalte gelöscht.

Sie stellten gern eine Themenkonkordanz «zeitgemässer Begriffe» zur Verfügung», kündigt der BESJ das Dossier auf seiner Website an. Inzwischen wurden die Inhalte gelöscht.

Screenshot/Besj.ch

Im 3. Buch Mose steht etwa: «Wenn jemand beim Knaben schläft wie beim Weibe, die haben einen Gräuel getan und sollen beide des Todes sterben; ihr Blut sei auf ihnen.» Der BESJ interpretiert dies als: «Analverkehr zwischen Männern forderte die Todesstrafe.» Wie soll aus Ihrer Sicht heute mit solch einer Bibelstelle umgegangen werden?

Die Aussage muss als Erstes in einen historischen Kontext gebracht werden. Es muss einem als Leser bewusst sein, dass diese Aussage in einer noch völlig anderen Kultur geschrieben wurde. Seither haben wir einen Lernprozess gemacht. Es wäre abstrus, durch eine wortwörtliche Interpretation nun Rückschritte zu machen. Wir unterstützen, dass es zwischen Staat und Kirche eine Trennung geben muss. Wenn wir aber anhand von Bibeltexten Strafen fordern, widersprechen wir uns selber. Zudem geht es in diesem Text weder um Analsex noch um den Sex zwischen zwei sich ebenbürtigen Männern. Vielmehr soll laut dem Buch Mose derjenige mit dem Tode bestraft werden, der von einem ihm unterlegenen Menschen gewaltsam Sex erzwingt. Die Interpretation ist also auch noch falsch.

Wie soll ein Gläubiger diese Bibelstelle lesen: «Du sollst nicht bei einem Mann liegen wie bei einer Frau; es ist ein Gräuel.»

Ich gebe offen zu: Wenn man die Bibel liest, kommt man nicht auf die Idee, dass Homosexualität eine gute Lebensform ist. Aber die Bibel vermittelt eine Grundmentalität, die zu Liebe und Freiheit aufruft und die einen lehrt, über niemanden zu richten und andere nicht zu verurteilen. Diese Aussagen sollten über all dem anderen stehen. Doch konkret zur obigen Bibelstelle: Dass ein Mensch in der Antike noch diese Einschätzung hatte, kann viele Gründe haben. Nun müssen wir uns aber fragen: Stimmt das heute noch immer? Wir müssen gemeinsam zu einer vernünftigen, zeitgemässen Einstellung bezüglich solcher Themen finden.

Was denken Sie, wenn sie eine Bibelauslegung wie «Homosexualität gehört zu den Taten der Gottlosen» hören?

Erstens ist Homosexualität keine Tat. Schwul oder lesbisch zu sein, ist sicher nicht etwas, das jemanden in Gottes Augen abqualifiziert. Das Verstörende dieser Bibelexegese ist die Annahme, dass mit Homosexualität vor 2000 dasselbe gemeint war wie heute. Hier wird ohne nachzudenken ein Begriff übernommen, der damals noch etwas völlig anderes bedeutete. Ich glaube, dass sich alle Gläubigen zu jeder Zeit wieder neu fragen und dafür rechtfertigen müssen, was sie richtig finden.

Wie verbreitet sind Ressentiments gegen Schwule in der christlichen Gemeinde überhaupt?

Es gibt die liberale Haltung der Landeskirche. Diese besagt, Homosexualität sei ein Aspekt des Menschseins und genauso gut wie Heterosexualität. Dann gibt es die Position einzelner Freikirchen, die Homosexualität als eine Art Krankheit oder Sünde einstuft, diesem sogenannten Defizit gleichzeitig aber mit Barmherzigkeit gegenübertritt. Dies ist subtil gewaltsam! Schliesslich gibt es noch die dogmatische Haltung, gemäss der man Leute mit einer anderen sexuellen Gesinnung ausschliessen und verstossen soll. Diese kenne ich aber eher vom Hörensagen. Wenn Sie die Reaktionen auf meinen Beitrag lesen, sehen Sie, dass die liberale Haltung längst die Mehrheitsmeinung ist.

Wieso fällt es noch heute im Jahr 2017 vielen religiösen Christen schwer, ihren Glauben auszuleben und gleichzeitig die Freiheiten des liberalen Schweizer Rechtsstaates zu akzeptieren?

Letztlich ist bei einigen – längst nicht der Mehrheit – ein Konzept im Hinterkopf, es gebe eine göttliche Wahrheit, ein absolutes Recht. Wenn man das wirklich so sieht, dann ist es sehr schwierig, die pluralen Lebensformen der Moderne zu akzeptieren. Die meisten wissen aber, dass die Bibel keine einfache Antwort gibt, sondern zum Nachdenken einlädt.

Ganz allgemein: Was steckt Ihrer Meinung nach hinter dieser schwulen- und lesbenfeindlichen Haltung bei Evangelikalen?

Das hat mit einer Gegentendenz zur Moderne zu tun. Man nimmt an, die Welt gehe vor die Hunde, alles werde pervers und komisch. Und dann wünscht man sich Sicherheit. So verbeissen sich Gläubige in Interpretationen, die der heutigen Zeit gar nicht mehr gerecht werden.

*Dr. Stephan Jütte ist Bereichsleiter der Hoch- und Mittelschule in der Abteilung Lebenswelten der Evangelisch-reformierten Landeskirche des Kantons Zürich und ist zuständig für den Blog diesseits.ch

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