Taliban in Afghanistan - Biden will noch Tausende Menschen aus Kabul retten
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Taliban in AfghanistanBiden will noch Tausende Menschen aus Kabul retten

11’000 Menschen seien innerhalb von 36 Stunden in US-Maschinen ausgeflogen worden, sagte US-Präsident Joe Biden. Doch die Sorge der USA vor IS-Anschlägen in Kabul wächst.

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Joe Biden nahm vor den Medien zur Lage in Afghanistan Stellung. 

Joe Biden nahm vor den Medien zur Lage in Afghanistan Stellung.

REUTERS
Die US-Regierung ist nach Angaben von Präsident Joe Biden im Gespräch mit dem Militär über eine mögliche Verlängerung der Evakuierungsmission aus Afghanistan über das Monatsende hinaus.

Die US-Regierung ist nach Angaben von Präsident Joe Biden im Gespräch mit dem Militär über eine mögliche Verlängerung der Evakuierungsmission aus Afghanistan über das Monatsende hinaus.

AFP

Darum gehts

  • US-Präsident Joe Biden hat eingeräumt, dass die von ihm gesetzte Frist für einen Abzug aus Afghanistan und ein Ende der Luftbrücke Ende August möglicherweise nicht zu halten sei.

  • Er betonte, dass die Evakuierungsflüge des US-Militärs am Wochenende Fahrt aufgenommen hätten.

  • Seit dem 14. August seien es 28’000 Menschen ausgeflogen worden.

Die US-Regierung ist nach Angaben von Präsident Joe Biden im Gespräch mit dem Militär über eine mögliche Verlängerung der Evakuierungsmission aus Afghanistan über das Monatsende hinaus. «Es gibt Diskussionen zwischen uns und dem Militär über eine Verlängerung», sagte Biden am Sonntag im Weissen Haus. «Wir hoffen, dass wir nicht verlängern müssen.» Eine Woche nach der Machtübernahme der Taliban in Afghanistan versprach Biden erneut, jeden ausreisewilligen Amerikaner nach Hause zu bringen. Die US-Regierung bemühe sich ausserdem darum, afghanische Unterstützer des Einsatzes, andere gefährdete Afghanen sowie Staatsbürger von Partnerländern ausser Landes zu schaffen.

Biden sagte auf eine entsprechende Frage, sollten andere G7-Staaten um eine längere Präsenz der US-Truppen am Kabuler Flughafen bitten, werde er antworten, «dass wir sehen werden, was wir tun können». Die Staats- und Regierungschefs sieben wichtiger Industriestaaten kommen am Dienstag zu einem Online-Sondergipfel zu Afghanistan zusammen. Am Kabuler Flughafen herrschte am Wochenende weiter Verzweiflung. Der US-Sender CNN berichtet, am Sonntag hätten im Flughafen und an den Zugängen mehr als 20’000 Schutzsuchende ausgeharrt. Biden sagte, US-Truppen am Flughafen hätten die umliegende Sicherheitszone erweitert. Die Taliban seien dabei «kooperativ» gewesen.

Nach Angaben des US-Präsidenten haben die Evakuierungen deutlich an Fahrt aufgenommen. Biden sagte, seit dem Beginn der US-Evakuierungsmission am 14. August hätten US-Streitkräfte und ihre Koalitionspartner insgesamt fast 28’000 Menschen aus Kabul ausgeflogen. Innerhalb von 36 Stunden seien zuletzt rund 11’000 Menschen über die Luftbrücke in Sicherheit gebracht worden. Biden gab aber auch zu Bedenken: «Wir haben noch einen langen Weg vor uns, und es kann noch viel schiefgehen.»

Biden warnt vor IS-Anschlägen

Biden warnte vor der Gefahr von Terroranschlägen der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) am Flughafen in Kabul. «Wir wissen, dass Terroristen versuchen könnten, die Situation auszunutzen und unschuldige Afghanen oder amerikanische Truppen anzugreifen», sagte er. Als «wahrscheinliche Quelle» eines solchen Angriffs nannte er den regionalen Ableger des IS. Mit jedem Tag der Präsenz seien die US-Truppen und unschuldige Zivilisten am Flughafen dem Risiko eines Anschlags der Terrormiliz ausgesetzt. Die Taliban und der IS sind verfeindet und haben sich in der Vergangenheit bekämpft.

Biden nannte die Szenen am Flughafen in Kabul «herzzerreissend». Er zeigte sich aber unbeirrt in seiner Überzeugung, dass seine Entscheidung eines vollständigen Truppenabzugs kein Fehler war. «Ich denke, dass die Geschichte festhalten wird, dass dies die logische, rationale und richtige Entscheidung war.» Die Evakuierung von Tausenden Menschen aus Kabul wäre immer «hart und schmerzvoll» verlaufen, unabhängig vom Zeitpunkt ihres Beginns. Bidens Regierung wird vorgeworfen, zu spät damit begonnen zu haben.

G7-Staaten wollen sich abstimmen

Die militant-islamistischen Taliban hatten am Sonntag vergangener Woche Kabul erobert und die Macht übernommen. Seitdem fürchten Oppositionelle, Journalisten, Menschenrechtsaktivisten und auch Ortskräfte, die für westliche Staaten tätig waren, Racheaktionen. Viele Bürger befürchten, dass die Extremisten wie schon vor 25 Jahren ein islamisches «Emirat» errichten wollen und dabei mit drakonischen Strafen gegen Andersdenkende vorgehen.

Die G7-Staaten wollen am Dienstag auf einem Sondergipfel ihr Vorgehen in Afghanistan abstimmen, unter anderem bei den Evakuierungen. Eine Fortführung des Evakuierungseinsatzes ohne die USA gilt als ausgeschlossen. Die britische Regierung, aber auch deutsche Politiker setzen sich für eine Verlängerung der Rettungsmission über das Monatsende ein. So forderte beispielsweise der Grünen-Aussenpolitiker Omid Nouripour in der «Welt», die Bundesregierung müsse in Washington darauf hinwirken, «dass die US-Truppen die Evakuierungsflüge über den August hinaus möglichst absichern».

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Der erste westliche Staat, der sich in der Neuzeit in Afghanistan engagierte, war das Britische Empire im 19. Jahrhundert. Dies in direkter Konkurrenz zum Russischen Reich. Die Russen wollten ihr Herrschaftsgebiet bis zum Indischen Ozean ausdehnen, um einen eisfreien Marinehafen zu errichten. Das bedrohte die Herrschaft der Briten in Südasien. (Bild: Britische Truppen nehmen 1839 die Festung in der Schlacht von Ghazni ein.)

Der erste westliche Staat, der sich in der Neuzeit in Afghanistan engagierte, war das Britische Empire im 19. Jahrhundert. Dies in direkter Konkurrenz zum Russischen Reich. Die Russen wollten ihr Herrschaftsgebiet bis zum Indischen Ozean ausdehnen, um einen eisfreien Marinehafen zu errichten. Das bedrohte die Herrschaft der Briten in Südasien. (Bild: Britische Truppen nehmen 1839 die Festung in der Schlacht von Ghazni ein.)

PD
Um seine Vormachtstellung im zentralasiatischen Raum abzusichern, unternahm das Britische Empire ab 1839 einen ersten Versuch, Afghanistan zu erobern. Im Ersten Anglo-Afghanischen Krieg gelang es der gut ausgerüsteten Armee schnell, das Land einzunehmen. Doch bereits 1842 mussten sich die Briten nach einem Aufstand der Bevölkerung wieder aus Afghanistan zurückziehen. (Bild: Die britische Armee überschreitet den Bolan-Pass.)

Um seine Vormachtstellung im zentralasiatischen Raum abzusichern, unternahm das Britische Empire ab 1839 einen ersten Versuch, Afghanistan zu erobern. Im Ersten Anglo-Afghanischen Krieg gelang es der gut ausgerüsteten Armee schnell, das Land einzunehmen. Doch bereits 1842 mussten sich die Briten nach einem Aufstand der Bevölkerung wieder aus Afghanistan zurückziehen. (Bild: Die britische Armee überschreitet den Bolan-Pass.)

PD
Mitte des 19. Jahrhunderts unterwarf das Russische Reich weitere Gebiete in Zentralasien und gründete das Generalgouvernement Turkestan in unmittelbarer Nachbarschaft zu Afghanistan. 1878 gewann Russland mit der Einrichtung einer Gesandtschaft in Kabul an Einfluss in Afghanistan. (Bild: Der Kampf um Samarkand, heutiges Usbekistan.)

Mitte des 19. Jahrhunderts unterwarf das Russische Reich weitere Gebiete in Zentralasien und gründete das Generalgouvernement Turkestan in unmittelbarer Nachbarschaft zu Afghanistan. 1878 gewann Russland mit der Einrichtung einer Gesandtschaft in Kabul an Einfluss in Afghanistan. (Bild: Der Kampf um Samarkand, heutiges Usbekistan.)

PD

Die Scharia

Die Bedeutung des Begriffs Scharia hängt von dessen Auslegung ab. Prinzipiell bedeutet der Begriff Weg oder Weg zur Quelle, also zur göttlichen Wahrheit, inklusive der Riten, Überzeugungen und Normen. Die Interpretation des Begriffs ändert sich je nach Zeit , Ort und Gesellschaft. Die üblicherweise transportierte Bedeutung einer gewalttätigen, diskriminierenden Scharia entspricht nicht der Realität der Schweizer Muslime, ebenso wenig tut dies die von den Taliban propagierte Sichtweise.

Einige Punkte, wie die Scharia bei den Taliban interpretiert wird:

  • Diebe werden öffentlich ausgepeitscht oder durch Amputationen bestraft.

  • Ohne Burka und ohne einen männlichen Blutsverwandten ist es Frauen untersagt, vor die Tür zu gehen.

  • Frauen sollen in der Öffentlichkeit nicht sprechen. Kein Fremder soll die Stimme einer Frau hören.

  • Sollten Schwule beim Geschlechtsverkehr erwischt werden, werden sie gesteinigt, oder von einer Mauer, die auf sie fallen gelassen wird, zerquetscht.

  • Frauen zu fotografieren oder zu filmen, ist untersagt. Ebenso ist es verboten, weibliche Personen zur Schau zu stellen – wie etwa auf Magazinen oder Plakaten.

  • Frauen ist es nicht gestattet, sich auf der Terrasse oder dem Balkon ihrer Wohnungen oder Häuser aufzuhalten.

  • Unverheiratet Unzucht zu betreiben, wird mit Peitschenhieben bestraft.

  • Der Konsum von berauschenden Substanzen – zum Beispiel Alkohol – wird mit Schlägen geahndet.

(DPA/lea/chk)

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