Sozialhilfequote: Biel ist und bleibt das Armenhaus der Schweiz
Aktualisiert

SozialhilfequoteBiel ist und bleibt das Armenhaus der Schweiz

Eine Karte zeigt, wo in der Schweiz am meisten Sozialhilfebezüger leben. Die Westschweiz samt Biel stellt die «Tabellen-Leader». Etwas dagegen tun könne die Stadt nur bedingt, stellt sie klar.

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ct
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Eine neue Karte mit statistischen Daten über die Sozialhilfequote in der Schweiz zeigt rot und deutlich auf: Biel ist das Armenhaus der Deutschschweiz.

Eine neue Karte mit statistischen Daten über die Sozialhilfequote in der Schweiz zeigt rot und deutlich auf: Biel ist das Armenhaus der Deutschschweiz.

bfs.admin.ch
Auf den unrühmlichen vierten und fünften Rängen folgen die Agglo-Gemeinden Brügg und Nidau, die mit Biel zusammengewachsen sind. In den Top 20 sind fast nur Westschweizer Ortschaften zu finden.

Auf den unrühmlichen vierten und fünften Rängen folgen die Agglo-Gemeinden Brügg und Nidau, die mit Biel zusammengewachsen sind. In den Top 20 sind fast nur Westschweizer Ortschaften zu finden.

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Die Steuerkraft der Bieler ist halb so hoch wie jene der Stadtberner – unter den grössten zehn Städten der Schweiz ist Biel wirtschaftlich die schwächste. Hier im Bild: Die Altstadt mit dem Wochenmarkt.

Die Steuerkraft der Bieler ist halb so hoch wie jene der Stadtberner – unter den grössten zehn Städten der Schweiz ist Biel wirtschaftlich die schwächste. Hier im Bild: Die Altstadt mit dem Wochenmarkt.

Stadt Biel

Eine aktuelle Karte des Bundes mit statistischen Daten über die Sozialhilfequote in der Schweiz zeigt deutlich auf: Die Region Biel ist das Armenhaus der Deutschschweiz. Die Zahlen basieren auf Erhebungen aus dem Jahr 2016.

Nach La Chaux-de-Fonds mit 11,9 Prozent Sozialhilfebezügern folgt Biel auf dem national zweiten Platz mit 11,8 Prozent – jeder achte Bieler bezieht also Sozialhilfe. Die geografisch mit Biel zusammengewachsenen Agglo-Gemeinden Nidau (10,3) und Brügg (10,6) komplettieren hinter Mauborget VD die unrühmlichen Top 5.

Problem seit Jahren bekannt

Ein Grund sind die strukturellen Voraussetzungen der Uhrenstadt mit den vielen Arbeitern aus dem Industriesektor – der Sparte, wo es auch am meisten Arbeitslose gibt. Die Uhrenbranche etwa stellt immer noch jede zehnte Stelle.In Biel liegt die Arbeitslosenquote bei 4,8 Prozent, der Schweizer Durchschnitt liegt bei 3,3 Prozent.

Zudem sind die Mieten in Biel sehr tief, was finanzschwache Zuzüger und Sozialhilfebezüger anlockt. Die Stadt bot in der Hochkonjunktur der Uhrenbranche in den 60er- und 70er-Jahren Platz für 65'000 Einwohner – heute leben nur noch knapp 55'000 Menschen dort.

Entsprechend ist die Leerwohnungsziffer in Biel dreimal so hoch wie etwa in der Stadt Bern. Die Steuerkraft der Bieler ist hingegen nur halb so hoch wie jene der Stadtberner – unter den grössten zehn Städten der Schweiz ist Biel wirtschaftlich die schwächste.

Mietausgaben senken

Das Problem der armen Stadt Biel mit den vielen Sozialhilfebezügern ist nicht neu. Die Stadt hat dies schon vor Jahren erkannt und kämpft mit verschiedenen Mitteln dagegen. So haben die Behörden vor ein paar Jahren entschieden, die Miete der Sozialhilfebezüger nicht direkt den Hauseigentümern, sondern den Bezügern zu überweisen, welche das Geld den Vermietern dann selber entrichten. So waren von der Sozialhilfe abhängige Personen plötzlich nicht mehr die pünktlichsten und am sichersten zahlenden Mieter.

Zudem hat die Stadt Biel vor zwei Jahren eine mietrechtlich ausgerichtete Fachstelle im Sozialdienst gegründet, die Sozialhilfebezügern hilft, gegen missbräuchlich hohe Mieten vorzugehen.

Laut René Merz, Generalsekretär der Bieler Direktion Soziales und Sicherheit, ist die Mietfachstelle ein Erfolg. «Es wurden schon diverse Mietsenkungen erreicht. Grundsätzlich ist dies aber eine Sisyphusarbeit.»

Langfristig denken

Merz leitete ein Projekt über die sozialpolitische Perspektive der Stadt Biel. «Das ist immer ein Bund von Massnahmen und wenn sich die Quoten verändern, dann kann man im Nachhinein nur spekulieren, welche der einzelnen Massnahmen erfolgreich waren und welche nicht.»

Nebst der Mietfachstelle gehörten auch baupolizeiliche Interventionen bei erheblich vernachlässigten Mietliegenschaften, die Frühförderung von Kindern aus bildungsfernen Verhältnissen oder mit Migrationshintergrund zu den Massnahmen. Auch Sensibilisierung im Bildungsbereich, die Wirtschaftsstandort-Förderung oder ganz konkrete Projekte wie das Eingliedern alleinerziehender, junger Mütter in den Arbeitsprozess wurden umgesetzt.

Merz bilanziert: «Das Projekt mit den alleinerziehenden jungen Müttern ist vielversprechend angelaufen. Aber wie stark sich das auf die Sozialhilfequoten auswirken wird, ist reine Spekulation.» Bei vielen Massnahmen gehe es auch darum, die Dauer der Abhängigkeit von der Sozialhilfe zu verringern. «Man muss dabei langfristig denken. Eine Sozialhilfequote lässt sich nicht einfach steuern, sonst hätten wir das längst gemacht.»

Immerhin: Trotz leicht steigender Sozialhilfequote seien die Ausgaben der Stadt Biel im letzten Jahr leicht gesunken.

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