Aktualisiert 15.12.2010 06:47

Nach Gorbatschow-PrinzipBiels Transfer-Strategie der Armen

Biels Trainer und Sportchef Kevin Schläpfer (41) steht vor einer (fast) unlösbaren Aufgabe: Biel in der NLA halten und ein Team für die nächste Saison bauen.

von
Klaus Zaugg
Kevin Schläpfer. Bieler Cheftrainer und Sportchef in Personalunion. (Bild: Keystone)

Kevin Schläpfer. Bieler Cheftrainer und Sportchef in Personalunion. (Bild: Keystone)

Er wird im Seeland als «Hockeygott» verehrt. Er hat Biel als Sportchef in die NLA gebracht und als Nottrainer zweimal im siebten Spiel der Liga-Qualifikation in der höchsten Spielklasse gehalten. Jetzt ist Kevin Schläpfer Cheftrainer und Sportchef in Personalunion.

Eine wichtige Verhandlungsrunde hat er verloren: Kevin Lötscher (22), sein bester Schweizer Skorer, wechselt zum SC Bern. Gewährsleute erzählten, Schläpfer habe klug verhandelt und seine ganze Überredungskunst zelebriert. Aber ausgerechnet die eigene Vergangenheit hat sein bestes Argument entkräftet. Schläpfer bestätigt auf Anfrage von 20 Minuten Online das Finale der Verhandlungen mit Lötscher. Biels Sportchef legte dem Jahrzehnttalent dar, es sei für die sportliche und persönliche Entwicklung besser, noch ein Jahr in Biel eine wichtige Rolle zu spielen und sehr viel Eiszeit zu bekommen. In Bern müsse er hinten anstehen. Da habe ihm Lötscher keck erklärt: «Aber Sportchef, Du hast damals sogar schon mit 19 von Basel nach Lugano gewechselt.» Schläpfer sagt dazu gegenüber 20 Minuten Online: «Das stimmt ja. Was sollte ich denn da noch sagen?»

Nun, Lötschers Wechsel von Biel nach Bern ist eine Frage des Geldes und des lockenden Ruhmes in der grossen Stadt beim grossen SCB. Diesen Transfer war nicht zu verhindern. Und doch zeigt die Episode, wie schwierig es für eine «Playout-Mannschaft» wie Biel ist, Spieler zu halten oder zu holen. Und Schläpfer weiss, dass für Teams, die sich keine Stars leisten können, die Chemie in der Kabine entscheidend ist. Das Beispiel der SCL Tigers zeigt es ja auch.

Wird Nüssli ein zweiter Fall Lötscher?

Es ist deshalb denkbar, dass Biel Thomas Nüssli (28), seinem zweitbesten Schweizer Skorer und einem der interessantesten Spieler der Liga, den auslaufenden Vertrag nicht mehr erneuert - oder allenfalls zu einem stark reduzierten Salär von weniger als 200 000 Franken.

Nüssli kann ein Mann für die wichtigen Momente und Tore sein. Aber er ist es nicht immer und nicht verlässlich dann, wenn es wirklich zählt. Er ist der Mann, der provoziert und provoziert wird. Das ist er eigentlich immer. Die NHL Scouts haben ihn einst als tauglich für die beste Liga der Welt taxiert, Vancouver sicherte sich die Rechte an Nüssli im Draft 2002 (Nr. 277).

Aber weder in Zug, noch bei den Lakers oder in Basel ist er richtig glücklich geworden. Und bei Biel ist der Leistungsrückgang statistisch fassbar: 48 Spiele und 19 Tore in der ersten Saison, 35 Spiele und 13 Tore in der zweiten und nun 32 Spiele und 7 Tore in der dritten Saison.

Seydoux wie Nüssli

Schläpfer hat noch einen zweiten Spieler wie Nüssli, der sein enormes Potenzial nicht ausschöpfen kann, obwohl auch er ein NHL-Draft (Ottawas Nr. 100, 2003) ist: Verteidiger Philippe Seydoux (25). Im Sommer wollte ihn Biel aus dem noch bis Ende Saison laufenden Vertrag weggeben - doch niemand wollte den ehemaligen SCB-Junior. Seine Bilanz in dieser Saison ist bescheiden: 27 Spiele, 1 Tor, 2 Assists und defensive Lotterhaftigkeit. Dabei hätte auch Seydoux, wie Nüssli, Postur und Talent für die grosse Karriere.

Beiden kommt zugute, dass sie mit Andy Rufener einen exzellenten Spieleragenten haben: Rufener hat unter anderem Luca Sbisa und Nino Niederreiter in die NHL gebracht. Seydoux und Nüssli in der NLA zu behalten, kann unter Umständen schwieriger werden, als die NHL-Karrieren von Sbisa und Niederreiter zu lancieren. Aber vielleicht gelingt es ihm ja, Langnaus Cheftrainer John Fust dazu zu überreden, das Risiko einzugehen und mit Nüssli und Seydoux das Talent im Team aufzupeppen. Aber eben: Halt mit dem Risiko, dass dann die Chemie im Team nachhaltig geschädigt wird.

Nach Gorbatschow-Prinzip

Schläpfers Transferstrategie ist die Strategie der Armen der Liga. Sie passt auch zu Ambri und zu den SCL Tigers und ist so etwas wie ein «reziproker Gorbatschow»: Der ehemalige Sowjetführer prägte den Spruch: «Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben.» Schläpfer sieht es umgekehrt: «Wer spät kommt, kann profitieren.» Will heissen: Biel kann keine Topstars bezahlen. Aber es kann sein, dass die Titanen im Laufe des Sommers oder gar im Laufe einer Saison diesen oder jenen Spieler aus wirtschaftlichen Gründen trotz laufendem Vertrag ausmustern werden. Oder dass vermeintliche Stars immer noch keinen Vertrag haben - und wer dann die Nerven hatte, zu warten, kann profitieren.

Auf diese Weise sind die Lakers im «Transfer-Schlussverkauf» zu Torhüter Daniel Manzato und Claudio Neff, die SCL Tigers zu Brendan Brooks und Daniel Steiner, der HC Davos zu Jaroslav Bednar, Biel zu Rico Fata und Gottéron zu Cristobal Huet gekommen. Aber so hat Lugano David Aebischer und so haben die Lakers Loïc Burkhalter und Michel Riesen transferiert.

Auch diese Strategie der Armen hat also ihre Risiken.

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