Aktualisiert 23.04.2014 18:24

Premium-MarkenBierbrauer wollen sich Weintrinker angeln

Einfach nur runterkippen war gestern. Angesichts sinkender Verkaufszahlen beim traditionellen Bier werden die Hersteller kreativ – und erschliessen neue Zielgruppen.

von
Laura Frommberg
Bier-Menü von Meta Hildebrand: Erlesene Zutaten.

Bier-Menü von Meta Hildebrand: Erlesene Zutaten.

Weisse Servietten, poliertes Besteck, schicke Kellner, die das erlesene Essen servieren. Und dazu: ein Glas Bier. Klingt komisch? Ist aber offenbar die Zukunft, hoffen zumindest einige Bierbrauer. Sie wollen weg vom derben Image. Denn Bier hat Stil. Das dachte sich etwa Claude Degen, der seit 2006 eine kleine Brauerei betreibt und das Degenbier herstellt. «Das ist kein Bier zum Runterkippen am Fussballmatch», erklärt er. Daher werde sein Getränk traditionell auch im Weinglas serviert. «Damit der Geschmack voll ausgekostet werden kann.» Biergeniesser, die das Getränk als Genussmittel sehen und auf erlesene Zutaten setzen, sind seine Zielgruppe.

Er ist nicht der Einzige, der diese Nische erobern will. In den letzten Jahren entstanden zahlreiche Schweizer Biermarken, die sich durch Exklusivität auszeichnen wollen. Denn während der traditionelle Biermarkt momentan kein Wachstum verzeichnet, wächst die Nische der so genannten obergärigen Biere seit Jahren zweistellig. Diese sind wegen der etwas höheren Gärtemperatur aromatischer.

Für Weinliebhaber und Frauen

Profitieren davon wollen auch die Macher von Chopfab. Das Bier der Winterthurer Doppelleu-Brauerei soll «zusätzlich zu den ‹normalen› Biertrinkern auch Weinliebhaber und viele Frauen» ansprechen, erklärt Geschäftsführer Philip Bucher gegenüber 20 Minuten. Damit hat man offenbar Erfolg. «Unser Bierstil hat eingeschlagen wie eine Bombe, und wir wachsen viel schneller, als dies der kühnste Optimist erwartet hätte», berichtet Bucher. «Wir sind im März 2013 auf den Markt gekommen und planen momentan schon den dritten Kapazitätsausbau.» Weitere Details zu den Geschäftszahlen nennt er aber nicht.

Dass man das Publikum erweitern muss, haben inzwischen auch grössere Marken erkannt. Ein Beispiel: Feldschlösschen Premium. Man wolle damit «auch weitere Zielgruppen, die ein vollmundiges Bier mit einem ausgewogenen Geschmack mögen» erreichen, so Sprecherin Gabriela Gerber zu 20 Minuten. «Das Produkt ist auf dem Markt sehr gut angekommen und bestens etabliert. Wir sind mit der Entwicklung sehr zufrieden.»

«Bier-Panna-Cotta»

Auch beim Brauereiverband hat man die Entwicklung erkannt – und aus dem Anlass sogar von Biersommeliers und Profiköchin Meta Hildebrand ein Biermenü erstellen lassen. Ein Beispiel: Pannacotta vom Bier und Weidenheu mit einer Tranche von der rosa gebratenen Entenbrust mit einer Kruste von Limette und Rose auf einem Beet von Chicorée an Safran-Balsamicoreduktion. Das Bier dazu: Panix Perle von der Brauerei Adler. «Helle Farbe, elegante schlanke Struktur, spritzig, elegante, blumige Bittere, hopfenbetonter Abgang», beschreiben die Sommeliers es im Menü.

«Es gibt sicher einen Trend hin zu einem neuen Biergenuss», so Marcel Kreber, Geschäftsführer des Brauerei-Verbands, zu 20 Minuten. Doch man müsse das auch relativieren. Von insgesamt 423 angemeldeten Brauereien in der Schweiz würden nur 44 insgesamt 99,2 Prozent des Schweizer Bierausstosses auf sich vereinen. Der Rest sind also äusserst kleine aber nicht weniger innovative Betriebe. «Viele brauen daher auch nebenberuflich oder als Hobby», so Kreber.

«Immer zu wenig»

Auch Claude Degen hat neben seinem Brauer-Dasein noch einen anderen Beruf: 60 Prozent arbeitet er in einer Druckerei, 40 für seine Degenbier-Brauerei. Und seine produzierte Menge ist verglichen mit den grossen Brauereien verschwindend gering: 6000 Liter im Jahr produziert Degen – gegenüber etwa 340 Millionen Litern, die Feldschlösschen jährlich produziert. Aber er ist optimistisch: Sein Bier kommt gut an, er baut aus, wann immer er kann und der Kundenstamm erweitert sich – er komme der Nachfrage kaum hinterher. Ein bisschen geht es ihm also wie den wirklich leidenschaftlichen Konsumenten des Gerstensaftes: «Ich habe immer zu wenig Bier.»

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