«Time-out» mit Klaus Zaugg: «Big Bang» - die grosse Gefahr fürs Eishockey
Aktualisiert

«Time-out» mit Klaus Zaugg«Big Bang» - die grosse Gefahr fürs Eishockey

Immer mehr Spieler erleiden durch harte, aber meist faire Checks Gehirnerschütterungen - und niemand weiss, was dagegen zu tun ist. «Big Bang» ist eine grosse Gefahr für das Eishockey und ein (zu?) hoher Preis für ein schnelleres, dynamischeres und besseres Spiel. Aber Eishockey ohne Checks ist so wenig denkbar wie Liebe ohne Sex.

von
Klaus Zaugg

Der kanadischen Hockeybibel «The Hockey News» ist das Thema in dieser Saison eine siebenseitige Frontstory wert. Das mag zeigen, wie dramatisch die Sache inzwischen geworden ist. Der Hinweis auf die NHL steht hier zur Einleitung, weil damit die Argumentation vom Tisch ist, Gehirnerschütterungen und die Probleme mit den harten Checks sei bloss ein Problem der weichen Schweizer, die angeblich nicht wissen, wie Checks aufzufangen sind.

In der NLA sind in dieser Saison durch Gehirnerschütterungen bereits 20 Spieler, Schweizer und Ausländer, für kürzere oder längere Zeit ausgefallen und die Liste erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Das bedeutet, dass bei uns in jeder zweiten Runde (!) ein Spieler eine Gehirnerschütterung erleidet. Am vergangenen Wochenende erwischte es auch ZSC-Captain Mathias Seger, der nach einem Check von Christian Berglund leichte Gehirnerschütterung erlitt und das Spitzenspiel gegen Servette in Genf nicht bestreiten konnte.

Ein hoher Preis

Was ist los? Das Eishockey bezahlt einen hohen Preis für ein schnelleres und dynamischeres Spiel. Im Sommer 2005 kreiert die NHL die «Null-Toleranz» - die konsequente Anwendung des Regelwerkes, die inzwischen in allen Ligen der Welt angewendet wird. Die Spieler haben «freie Fahrt». Das Halten und Haken in der neutralen Zone ist verschwunden, das Tempo ist so hoch wie nie zuvor. Hinzu kommt, dass das Spiel durch die Aufhebung des Zweilinienpasses ebenfalls beschleunigt worden ist und dass die Spieler grösser, schwerer, kräftiger und schneller geworden sind und in leichteren Ausrüstungen spielen. Bei Checks prallen die Spieler heute in viel höherem Tempo aufeinander («Big Bang») und die zerstörerische Aufprallenergie erhöht sich im Quadrat zur Geschwindigkeit.

Der Check war einst das Mittel, um einen Gegenspieler vom Puck zu trennen. Nun führt ein Check oft dazu, dass der Gegenspieler nicht die Scheibe, sondern das Bewusstsein verliert. Auch dann, wenn der Check korrekt ausgeführt worden ist. Das macht die Sache so heikel: legale Checks führen zu Gehirnerschütterungen. Es wäre einfacher, wenn Fouls zu diesen Verletzungen führen würden. Dann könnten die Schiedsrichter (und im Nachgang der Einzelrichter) hart durchgreifen und das Problem wäre bald gelöst.

Ratlosigkeit bei den Verantwortlichen

Einzelrichter Reto Steinmann, der sich ja berufshalber immer wieder mit solchen Szenen auseinandersetzt, gibt gegenüber 20 Minuten Online zu, dass er ratlos ist. «Ich weiss nicht, wie wir die Spieler besser schützen können.» Dr. René Fasel, der Präsident des Internationalen Eishockeyverbandes und als ehemaliger Schiedsrichter mit dieser Problematik vertraut, spricht gegenüber 20 Minuten Online sogar von möglichen Regeländerungen. «In der NHL resultieren etwa 80 Prozent der Gehirnerschütterungen aus Checks auf offenem Eis in der neutralen Zone. Müssen wir Checks in der neutralen Zone verbieten? Können wir durch verbesserte Ausrüstung die Spieler besser schützen? Wir führen über diese Problematik intern mit allen möglichen Fachleuten intensive Diskussionen.» Immerhin ein Lichtblick: Eine Firma im Besitz von Ex-NHL-Superstar Mark Messier hat einen Helm entwickelt, der die Gefahr von Gehirnerschütterungen um rund 70 Prozent reduziert. Das Produkt ist von der EU noch nicht homologiert und kann (noch) nicht aus Nordamerika nach Europa und in die Schweiz importiert werden.

Huras fordert Eingreifen der Liga

Möglich, dass das Verbot eines Checks in der neutralen Zone in der NHL die Gefahr reduziert - in der NLA hingegen nicht: Checks auf offenem Eis sind eher selten, die meisten Gehirnerschütterungen erleiden die Spieler bei «normalen» Checks an der Bande. SCB-Trainer Larry Huras sieht in der NLA ein Problem: «Es darf nicht mehr sein, dass Spieler vor dem Check aufspringen. Das erhöht die Gefahr. Deshalb hatten die Checks von Heins gegen Josi, von Forster gegen Deveraux und nun von Boumedienne gegen Stettler gravierende Folgen. Hier muss die Liga eingreifen.»

Eine Lösung wäre natürlich, die Checks zu verbieten. Aber ein solches Verbot kann ausgeschlossen werden. Die Checks sind ein zentraler Bestandteil des Spiels. Eishockey ohne Checks wäre wie eine stürmische Liebesaffäre ohne Sex ...

Spieler mit einer Gehirnerschütterung in der laufenden Saison

- Andrey Bykow (Fribourg)

- Dave Schneider (Ambri), Saisonende

- Claudio Moggi (SCL Tigers)

- Ralph Bundi (Ambri)

- Marc Schulthess (Kloten)

- Sandy Jeannin (Fribourg)

- Beni Plüss (Fribourg)

- John Gobbi (Servette)

- Beat Gerber (SCB)

- Roman Josi (SCB)

- Andreas Camenzind (SCL Tigers)

- Céderic Botter (Fribourg)

- Kirby Law (Ambri)

- Witali Lachmatow (Fribourg)

- Martin Stettler (SCB)

- Marco Truttmann (Biel)

- Michel Zeiter (Kloten)

- Frédéric Rothen (Kloten)

- Pascal Müller (ZSC Lions)

- Boyd Devereaux (Lugano, beim Spengler Cup)

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