Bundesgericht: Bijouterie-Räuber (74) will bessere Verteidigung
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BundesgerichtBijouterie-Räuber (74) will bessere Verteidigung

Die Berner Justiz muss im Fall eines Bijouterie-Räubers prüfen, ob er genügend gut verteidigt wurde. Der Senior hatte Geiseln genommen und ein Schmuckgeschäft ausgeraubt.

von
pal
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Vor dem Regionalgericht Berner Oberland wurde am Mittwoch ein 74-Jähriger Mann aus Italien verurteilt.

Vor dem Regionalgericht Berner Oberland wurde am Mittwoch ein 74-Jähriger Mann aus Italien verurteilt.

Keystone/Marcel Bieri
Er verschaffte sich 2016 gewaltsam Zutritt zu einer Familienwohnung im Thuner Bälliz-Quartier, dort bedrohte er ein Ehepaar und dessen Tochter und nahm sie als Geiseln.

Er verschaffte sich 2016 gewaltsam Zutritt zu einer Familienwohnung im Thuner Bälliz-Quartier, dort bedrohte er ein Ehepaar und dessen Tochter und nahm sie als Geiseln.

zvg
Erst beim Bahnhof Thun, liess er von seinen Opfern ab.

Erst beim Bahnhof Thun, liess er von seinen Opfern ab.

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Der Fall sorgte für Schlagzeilen: 2016 nahm ein Senior in Thun drei Geiseln, zwang eine davon zu Oralsex und raubte eine Bijouterie aus. Nun hat sich das Bundesgericht mit dem Fall auseinandergesetzt. Der 74-jährige Italiener behauptete, dass seine amtliche Verteidigerin sich zu wenig um seinen Fall gekümmert habe und ihn im Verfahren nicht genügend unterstützt habe.

«Ihr Verhalten ist unverständlich und man versteht nicht, was sie sagt und tut», beschwerte sich der Italiener. Unter anderem forderte er einen anderen Anwalt, weil er in seine amtliche Verteidigerin jedes Vertrauen verloren habe. Die Anwältin ihrerseits gab an, dass jede Zusammenarbeit mit dem Mann unmöglich geworden sei.

Weil er seine Berufung zwei Wochen zu spät einreichte, ging das Berner Obergericht nicht darauf ein.

Vorwürfe näher untersuchen

Dass die amtliche Verteidigerin keine Berufung einlegte, stellt für das Bundesgericht eine sachgemässe Verteidigung nicht in Frage. Allerdings hätte die Berner Justiz aufgrund der vorgebrachten Kritik das Italieners überprüfen müssen, weshalb das Begehren um Weiterzug zu spät eintraf und ob dies allenfalls einer Pflichtwidrigkeit der Verteidigerin geschuldet sei.

Die Lausanner Richter haben daher den Nichteintretensentscheid der Justiz aufgehoben und die Sache zur näheren Überprüfung zurückgewiesen. In ihrem am Dienstag publiziertem Urteil überweisen sie die Sache zur näheren Überprüfung an die Berner Justiz.

Raubüberfall mit Geiselnahme

Der 74-jährige Italiener wurde im Juni 2018 vom Regionalgericht Oberland in Thun zu einer Freiheitsstrafe von sieben Jahren verurteilt. Er war Ende September 2016 vor dem Wohnhaus der Filialleiterin einer Thuner Bijouterie aufgetaucht und hatte sich mit einer täuschend echten Spielzeugwaffe Zugang zur Wohnung erzwungen. Dort fesselte er die Frau, den Mann und die Tochter und drohte sie zu töten, sollten sie sich ihm widersetzen.

Dem Mann und der Tochter verabreichte er starke Beruhigungsmittel. Die Tochter zwang er zudem zu Oralsex, was DNA-Spuren an ihrer Kleidung und in ihrem Gesicht eindeutig bewiesen. In der Wohnung behändigte er dann Wertsachen von rund 70'000 Franken. Schliesslich zwang er die Familie, ihn zur Bijouterie in der Innenstadt zu begleiten. Dafür klebte er seinen Opfern etwas auf den Rücken und gab vor, dass es sich um Sprengstoff handle: Er drohte, diesen zu zünden, sollten sie zu fliehen versuchen.

Die Filialleiterin und ihr Mann mussten im Laden den Alarm ausschalten und den Schmuck zusammenraffen.

Währenddessen nahm der Italiener die Tochter als Geisel und wartete in der Nähe des Geschäfts. Die Sicherheitsfirma rief im Geschäft an, da sie registrierte, dass die Alarmanlage ausserhalb der Ladenöffnungszeiten ausgeschaltet worden war.

Die Ehefrau meldete den Täter, der daraufhin mit weiteren Wertsachen für rund 45'000 Franken die Flucht ergriff.

Die Beute machte er anschliessend in Italien und Spanien zu Geld. In Spanien wurde er schliesslich gefasst und an die Schweiz ausgeliefert. Nach seiner Verhaftung lieferte ein DNA-Test Hinweise, dass der Mann mit dem gewaltsamen Tod einer Rentnerin im zürcherischen Küsnacht im Jahr 1997 zu tun haben könnte. Die Zürcher Justiz leitete deshalb ein Verfahren wegen Mordverdachts ein.

(pal/sda)

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