Erdogans Offensive in Syrien: Bilanz nach einem Monat «Operation Olivenzweig»
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Erdogans Offensive in SyrienBilanz nach einem Monat «Operation Olivenzweig»

Am 20. Januar hat die Türkei ihre Offensive auf die syrische Kurden-Enklave Afrin gestartet. Ankara zufolge läuft alles wie geschmiert. Stimmt das?

von
Ann Guenter
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Türkisches Artilleriefeuer vor der syrischen Kurden-Enklave Afrin.

Türkisches Artilleriefeuer vor der syrischen Kurden-Enklave Afrin.

AFP/George Ourfalian
«Afrin fällt nach und nach», sagte der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan vor  Anhängern im türkischen Gaziantep. «Nun erwarten wir die Eroberung.»

«Afrin fällt nach und nach», sagte der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan vor Anhängern im türkischen Gaziantep. «Nun erwarten wir die Eroberung.»

AP/stf
Die Rhetorik des Präsidenten rund um die Militäroffensive in Syrien weckt hohe Erwartungen bei seinen Anhängern (im Bild: uniformierte Kinder jubeln Erdogan bei einer AKP-Veranstaltung in Ankara zu). Gut einen Monat, nachdem die «Operation Olivenzweig» angelaufen ist, fragt sich, ob diese erfüllt werden.

Die Rhetorik des Präsidenten rund um die Militäroffensive in Syrien weckt hohe Erwartungen bei seinen Anhängern (im Bild: uniformierte Kinder jubeln Erdogan bei einer AKP-Veranstaltung in Ankara zu). Gut einen Monat, nachdem die «Operation Olivenzweig» angelaufen ist, fragt sich, ob diese erfüllt werden.

AP/Burhan Ozbilici

Seit etwas mehr als einem Monat läuft die türkische «Operation Olivenzweig» gegen die syrische Kurden-Enklave Afrin. An der Offensive hält die Türkei trotz der UNO-Resolution für eine Waffenruhe in Syrien fest. Man werde weiterhin «entschlossen» gegen «terroristische Organisationen» kämpfen, die die «territoriale Unversehrtheit und politische Einheit Syriens bedrohen», liess Ankara verlauten.

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan will den Einsatz so lange fortsetzen, «bis der letzte Terrorist vernichtet ist». Er fügte hinzu, dass man seit Beginn der Offensive über 2000 «Terroristen neutralisiert» habe. Das Wort «neutralisieren» verwenden türkische Behörden meist, ohne näher zu erklären, ob die gemeinten Personen getötet, gefangen genommen oder ausgeliefert wurden. Die Zahl ist für Medien nicht überprüfbar.

Warum die Offensive stockt

Erst am Montag bezeichnete Erdogan die Operation als vollen Erfolg: «Afrin fällt nach und nach», sprach er zu einer Menschenmenge im türkischen Gaziantep. «Nun erwarten wir die Eroberung.»

Ist der propagierte Hurra-Optimismus berechtigt? Eher weniger, meint Gudio Steinberg in einer vorläufigen Bilanz zur «Operation Olivenzweig».

«Gut einen Monat nach Beginn der Offensive scheint die türkische Armee Probleme damit zu haben, mehr als wenige Kilometer nach Afrin vorzudringen», sagt der Nahostexperte und Islamwissenschaftler. Das Stocken habe drei Gründe: «Der logistische Aufwand ist enorm. Die Versorgungswege müssen geschützt werden. Und: Die türkische Armee ist nicht auf dem Stand, auf dem sie sein sollte.»

Säuberungen machen sich auch in Syrien bemerkbar

Letzteres ist eine Konsequenz der Säuberungen seit dem Putschversuch im Juli 2016. «Die Säuberungswelle ist mit enormen Einschnitten in den militärischen Reihen einhergegangen», sagt Steinberg. «Intellektuelle Fähigkeiten gingen verloren, im Kampf gegen die kurdischen Milizen fehlen jetzt das Know-how und der militärische Sachverstand erfahrener Offiziere. Das merkt man nun auch in Syrien.»

Nicht, dass eine Einnahme der kurdischen Stadt militärisch besonders knifflig wäre, doch: «Die türkische Armee kann das nur mit schierer Feuerkraft und massiver Gewaltanwendung tun. Das dürfte auch mit unverhältnismässig grossen Verlusten für die Türkei einhergehen», sagt Steinberg. «Darüber hinaus muss Ankara nach der Einnahme Afrins damit rechnen, dass die Kurdenpartei PYD und ihr militärischer Arm YPG in den Untergrund gehen und eine Kampagne starten werden, der das türkische Militär nicht unbedingt gewachsen ist.»

Afrin dürfte nur schwer zu halten sein

Eine weitere Schwierigkeit wird sein, Afrin halten zu können. «Die Stadt ist der türkischen Armee gegenüber ausschliesslich feindselig gestimmt, immerhin ist Afrin die Hochburg der PYD – oder der PKK in Syrien, wenn man so will», sagt Steinberg.

Um all diese Schwierigkeiten wisse auch Ankara. «Tatsächlich sieht es im Moment so aus, als ob die Türkei in Afrin nur mit angezogener Handbremse vorgeht und die Stadt vielleicht gar nicht einnehmen wird. Eben weil sie die damit einhergehenden Gefahren kennt.»

Zusätzliches Risiko: Assads Hilfe für die Kurden

Mittlerweile haben die Kurden den syrischen Machthaber Bashar al-Assad um Hilfe gebeten. Ist von ihm tatsächlich Unterstützung gegen die Türkei zu erwarten? «Ausgeschlossen ist es nicht», sagt Steinberg. «Immerhin hat die Assad-Regierung vor einer Woche einige Milizen zur Verstärkung geschickt.»

Das verleiht der «Operation Olivenzweig» einen weiteren riskanten Aspekt. Denn das Assad-Regime hat zum Ziel, die Kontrolle über ganz Syrien in den Grenzen von 2011 wieder herzustellen. «Selbstverständlich hat Assad kein Interesse daran, dass dann in Afrin die Türken stehen», erklärt Steinberg.

Kommt dazu, dass die syrischen Kurden sich der Rebellion nie offen angeschlossen haben. Sie kooperierten mit den Amerikanern und den Russen und, vor allem bei den Kämpfen um Ost-Aleppo, mit dem syrischen Regime. «Deswegen gibt es jetzt eine Grundlage für eine künftige Zusammenarbeit zwischen diesen beiden Seiten», sagt Steinberg. «Das macht die Operation in Afrin für die Türkei zusätzlich gefährlich, weil sie sich damit eben auch gegen das langsam erstarkende syrische Regime stellt.»

Mehr Schaden oder mehr Nutzen für Erdogan?

So fragt sich, ob die «Operation Olivenzweig» Erdogan unter dem Strich mehr schadet als nützt. Der Leiter der oppositionsnahen Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte in London, Rami Abdel Rahman, etwa bezweifelt, dass die Türkei in Afrin so einfach siegen wird.

Andere Beobachter hingegen vertreten den Standpunkt, dass Erdogan längerfristig profitieren wird, weil er mit der Offensive die islamisch-nationalistische Mehrheit für die Wahl 2019 mobilisieren kann.

Wie sieht Steinberg das? «Mittlerweile hat es bei Erdogan Tradition, dass er innenpolitisch punktet, wenn er die nationalistische Karte spielt und rigoros gegen die PKK auftritt – und damit auch gegen die syrischen Kurden.» Insofern sei die Interpretation, dass Erdogan innenpolitisch von der «Operation Olivenzweig» profitiere, nicht falsch.

Nur: Bis 2019 dauert es noch lange. Und: «Die Rhetorik rund um diese Operation hat bestimmte Erwartungen geweckt. Ich bin mir nicht sicher, wie die türkische Regierung der Bevölkerung das verkaufen will, wenn die Fortschritte gegen die PYD und die YPG nicht erwartungsgemäss ausfallen.»

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