Falscher Kontext: Bild von Gefangenem mit Nazi-Tattoos stammt nicht aus der Ukraine

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Falscher KontextFoto von Gefangenem mit Nazi-Tattoos stammt nicht aus der Ukraine

Auf Social Media kursiert das Bild eines Militärarztes, der einen angeblich ukrainischen Kriegsgefangenen mit Nazi-Tätowierungen untersucht. Doch anders als behauptet, ist das Bild nicht aktuell und wurde auch nicht im ukrainischen Donezk aufgenommen.

von
Fee Anabelle Riebeling
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In den sozialen Medien wird behauptet, dieses Foto stamme aus dem aktuellen Ukraine-Krieg und sei in Donezk aufgenommen worden. Doch das ist falsch. 

In den sozialen Medien wird behauptet, dieses Foto stamme aus dem aktuellen Ukraine-Krieg und sei in Donezk aufgenommen worden. Doch das ist falsch. 

Screenshot Telegram
Das ergab die Bilder-Rückwärtssuche. Das Foto ist zwar laut der Bildagentur Getty Images echt, ist aber schon 17 Jahre alt. Anders als in den Posts behauptet, wurde es nicht in der Ukraine, sondern in Belarus aufgenommen.  

Das ergab die Bilder-Rückwärtssuche. Das Foto ist zwar laut der Bildagentur Getty Images echt, ist aber schon 17 Jahre alt. Anders als in den Posts behauptet, wurde es nicht in der Ukraine, sondern in Belarus aufgenommen.  

AFP

Laut der Bildbeschreibung konkret im 15. Gefängnis in der belarussischen Stadt Mogiljow. Diese ist rund 840  Kilometer von Donezk entfernt. 


Laut der Bildbeschreibung konkret im 15. Gefängnis in der belarussischen Stadt Mogiljow. Diese ist rund 840  Kilometer von Donezk entfernt. 

Screenshot My Google Maps

Darum gehts

  • In sozialen Medien verbreitet sich das Foto eines Häftlings mit Hakenkreuz-Tattoos bei einer ärztlichen Untersuchung. 

  • Das Bild ist echt, doch es zeigt nicht das, was in den Posts und Kommentaren behauptet wird. 

  • Das Foto stammt aus dem Jahr 2005 und hat keinerlei Bezug zur Ukraine.  

«Nur eine ärztliche Untersuchung eines Gefangenen, nichts weiter ...», heisst es in einer Beschreibung des Fotos, das derzeit rege auf Plattformen wie Facebook, Twitter und Telegram geteilt wird. Es zeigt einen jungen Mann mit Hakenkreuz-Tätowierungen bei einer ärztlichen Untersuchung. Die Hashtags #Donezk und #Ukraine stellen einen Zusammenhang mit dem aktuellen Krieg in der Ukraine her. Die Region im Osten des Landes ist heftig umkämpft.

Der Gedanke wird in den Kommentaren unter den Posts aufgegriffen: «Schon wieder so ein Nazi, den es gar nicht gibt», schreibt etwa ein Telegram-User. «Aha, keine Nazis, oder?», ein anderer. «Na ‹Gott sei Dank›, gibts ja keine Nazis in der Ukraine», ein dritter. Sie werten das Foto offenkundig als Beleg dafür, dass die Ukrainer ein Volk von Nazis seien. Mit dieser Behauptung rechtfertigt der russische Präsident Wladimir Putin seinen Angriffskrieg.

Doch das Bild belegt gar nichts. Weder ist es aktuell noch hat es einen Bezug zur Ukraine. Es wurde im Jahr 2005 aufgenommen. In einem Gefängnis in Belarus.

17 Jahre alte Aufnahme

Mithilfe der Bilder-Rückwärtssuche von Google und der Suchbegriffe «swastika» (Hakenkreuz) und «prisoner» (Gefangener) fand 20 Minuten das Foto in der Datenbank der Fotoagentur Getty Images (siehe Bildstrecke). Als Urheber wird dort der AFP-Fotograf Viktor Drachev genannt.

Die Beschreibung des Bildes verrät, dass es in der belarussischen Stadt Mogiljow gemacht wurde. Konkret steht dort übersetzt: «Ein weissrussischer Gefängnisarzt untersucht einen Häftling mit Nazi-Tätowierungen im 15. Gefängnis in der Stadt Mogiljow, etwa 200 km von Minsk entfernt, 22. Juni 2005. Etwa 4000 Gefangene wurden im Rahmen der Amnestie zum 60. Jahrestag des Endes des Zweiten Weltkriegs freigelassen, und etwa 5000 werden innerhalb eines Jahres freigelassen.»

Foto wurde schon früher für Fake News verwendet

Dass es sich wirklich um eine bereits 17 Jahre alte Aufnahme handelt, bestätigen die Angaben unter einem weiteren Bild der Untersuchung, das ebenfalls bei Getty Images zu finden ist. Es zeigt den Medizincheck aus einer anderen Perspektive. Arzt und Häftling sind eindeutig zu erkennen. Auch diese Aufnahme stammt vom 22. Juni 2005, wie der ähnlich lautenden Beschreibung zu entnehmen ist. Ein Hinweis auf die Ukraine findet sich auch hier nicht. Beide Bilder sind auch bei der Bildagentur AFP zu finden.

Tatsächlich wurde das Foto schon früher aus dem Zusammenhang gerissen – in Form von Memes, aber auch in Form von Falschmeldungen, wie Correctiv.org unter Berufung auf die Faktencheck-Organisation Stopfake.org schreibt. Demnach wird das Bild schon länger in einen Zusammenhang mit der Ukraine gesetzt. Damals, so Correctiv-Autorin Paulina Thom, sei auf einer russischen Webseite fälschlicherweise behauptet worden, das Foto zeige die Rekrutierung von Freiwilligen für das Regiment «Asow», das unter anderem von Russland als nationalistisch und rechtsextremistisch eingestuft wird.  

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