10.09.2016 12:58

Neue Massnahme

Bildschirmsüchtige sollen zum Psychologen

Bis zu 7,4 Stunden täglich hängen Jugendliche vor TV, Handy und PC herum. Lausanne finanziert nun die Betreuung von Bildschirmsüchtigen.

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Die 11- bis 15-Jährigen in der Schweiz verbringen heute im Schnitt unter der Woche 4,4 und am Wochenende 7,4 Stunden pro Tag vor dem Fernseher, Computer, Tablet oder Smartphone. Dem Suchtmonitoring Schweiz von 2015 zufolge weisen gut 7 Prozent der 15- bis 19-Jährigen eine problematische Internetnutzung auf.

Die 11- bis 15-Jährigen in der Schweiz verbringen heute im Schnitt unter der Woche 4,4 und am Wochenende 7,4 Stunden pro Tag vor dem Fernseher, Computer, Tablet oder Smartphone. Dem Suchtmonitoring Schweiz von 2015 zufolge weisen gut 7 Prozent der 15- bis 19-Jährigen eine problematische Internetnutzung auf.

Keystone/Christof Schuerpf
Besonders hoch ist das Suchtpotenzial Experten zufolge bei Online-Games. Vor allem junge Männer versuchten oft, ihre realweltlichen Probleme mit Spielerfolgen zu kompensieren. Dadurch würden sie reale soziale Kontakte gegenüber den virtuellen vernachlässigen.

Besonders hoch ist das Suchtpotenzial Experten zufolge bei Online-Games. Vor allem junge Männer versuchten oft, ihre realweltlichen Probleme mit Spielerfolgen zu kompensieren. Dadurch würden sie reale soziale Kontakte gegenüber den virtuellen vernachlässigen.

Keystone/Jean-christophe Bott

Die Zahlen von Sucht Schweiz lassen aufhorchen: Gemäss einer internationalen Schülerbefragung verbringen die 11- bis 15-Jährigen in der Schweiz heute im Schnitt unter der Woche 4,4 und am Wochenende 7,4 Stunden pro Tag vor dem Fernseher, Computer, Tablet oder Smartphone. Dem Suchtmonitoring Schweiz von 2015 zufolge weisen zudem gut 7 Prozent der 15- bis 19-Jährigen eine problematische Internetnutzung auf.

Aufgrund dieser Zahlen greift die Stadt Lausanne nun durch. Bereits am Montag beginnt ein Betreuungsprogramm: Drei Psychologen sollen bildschirmabhängige Jugendliche behandeln. «Wir haben einen Spezialfonds von 30'ooo Franken geschaffen, um die Behandlungen zu finanzieren», sagt Stadtrat David Payot zu «24 heures».

Die Eltern sind oft überfordert

Auch der Leiter des Schulpsychologischen Dienstes, Raphaël Gerber, ist alarmiert: Die Zahl der Fälle, in denen Jugendliche vom Bildschirm abhängig wurden, habe stark zugenommen. «Ich höre von Lehrern, dass Kinder häufig das Smartphone nicht mehr aus der Hand legen können und im Unterricht dann müde sind. Ich hatte auch mit Eltern zu tun, die damit völlig überfordert waren.» Die Jugendlichen sollen nun einerseits zusammen mit den Eltern psychologisch beraten werden, andererseits sollen die Psychologen auch eine Selbsthilfegruppe führen.

«Einen kalten Entzug mit den Jugendlichen zu machen ist nicht der richtige Weg», sagt Gerber. Das würde nur zu schlimmen Streitereien innerhalb der Familien führen. «Bildschirme sind heute Teil unserer Gesellschaft. Wir müssen lernen, richtig damit umzugehen.»

«Die Jugendlichen sind gereizt oder aggressiv»

Auch in anderen Kantonen ist die Bildschirmsucht ein bekanntes Problem. Laut Marion Thalmann, Beraterin und Therapeutin der Berner Gesundheit, melden sich in letzter Zeit vermehrt Eltern, die sich Sorgen um die Bildschirmabhängigkeit ihrer Kinder machen. «Viele Eltern sind verunsichert, weil ihre Kinder viel Zeit am PC oder Smartphone verbringen.»

Der Medienkonsum der Jugendlichen führe in vielen Familien auch zu Spannungen. Die Jugendlichen seien gereizt oder würden gar aggressiv, wenn Eltern die Zeit am Bildschirm beschränken wollten. Auch Schlafmangel und Schulprobleme seien Folgen. Auch in Bern reagiert man deshalb: «Wir Berater bilden uns auf diesem Gebiet stetig weiter, damit wir auf der Höhe der Zeit bleiben und die Jugendlichen und ihre Familien unterstützen können», so Thalmann.

«Junge Männer versuchen, Probleme zu kompensieren»

Beim Schulpsychologischen Dienst der Stadt Zürich mehren sich in letzter Zeit die Fälle, in denen Jugendliche zu viel am Smartphone hängen, ebenfalls. «Anders als beim TV im Wohnzimmer entzieht sich das Spielen auf Smartphones oft der elterlichen Kontrolle», sagt Jürg Forster, Leiter des Dienstes. Jugendliche, die eine Behandlung brauchen, würden an Therapiestellen weitergeleitet.

Suchtexperte Franz Eidenbenz, Zentrum für Spielsucht, RADIX, hat selber schon viele bildschirmsüchtige Jugendliche betreut. Dass sich nun weitere Projekte dem Problem annehmen, begrüsst er. Denn: «Internet und Smartphone sind immer selbstverständlicher, und immer jüngere Kinder wollen ein Smartphone und bekommen dieses auch.» Gerade in Migrantenfamilien wolle man den Kindern die gleichen teuren Smartphones bieten können, die auch die Schweizer Kinder haben, während dem verantwortungsvollen Umgang mit dem Gerät oft weniger Beachtung geschenkt wird.

Besonders hoch ist das Suchtpotenzial ihm zufolge bei Online-Games. Vor allem junge Männer versuchten oft, ihre realweltlichen Probleme mit Spielerfolgen zu kompensieren und würden reale soziale Kontakte gegenüber den virtuellen vernachlässigen. Neben den neuen Angeboten der Suchtberatungsstellen gebe es auch verschiedene Präventionstellen um den richtigen Umgang mit dem neuen Medien aufzuzeigen.

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