Aktualisiert 05.02.2017 17:06

Pläne gestoppt«Billig-Hypotheken bergen grosse Risiken»

Keine lascheren Kriterien bei der Hypothekenvergabe: Der Bund pfeift Raiffeisen zurück. HEV-Chef Ansgar Gmür über die Gründe und wie es Junge dennoch zum Eigenheim schaffen.

von
S. Spaeth
1 / 14
«Dass Raiffeisen das Produkt nicht auf den Markt bringt, zeigt, dass der Regulator rigoros eingefahren ist», sagt HEV-Direktor Ansgar Gmür im Interview mit 20 Minuten.

«Dass Raiffeisen das Produkt nicht auf den Markt bringt, zeigt, dass der Regulator rigoros eingefahren ist», sagt HEV-Direktor Ansgar Gmür im Interview mit 20 Minuten.

Zentral wäre laut Gmür gewesen, eine verbindliche Regel zu definieren, ab welchem Anstieg des Zinsniveaus erneut die 5-Prozent-Tragbarkeit gegolten hätte.

Zentral wäre laut Gmür gewesen, eine verbindliche Regel zu definieren, ab welchem Anstieg des Zinsniveaus erneut die 5-Prozent-Tragbarkeit gegolten hätte.

Keystone/Martin Ruetschi
Die Finanzmarktaufsicht Finma stoppt die Pläne der Raiffeisen-Bank. Die Behörde befürchtet, dass mit dem Schritt zu günstigeren Hypotheken für junge Familien eine gefährliche Spirale in Gang gesetzt wird.

Die Finanzmarktaufsicht Finma stoppt die Pläne der Raiffeisen-Bank. Die Behörde befürchtet, dass mit dem Schritt zu günstigeren Hypotheken für junge Familien eine gefährliche Spirale in Gang gesetzt wird.

Keystone/Lukas Lehmann

Raiffeisen krebst auf Druck der Finanzmarktaufsicht (Finma) bei den Plänen für Billig-Hypotheken zurück. Wie schlecht ist diese Nachricht für ein Paar mit Eigenheim-Träumen?

Ich als Direktor des Hauseigentümer Verbandes Schweiz (HEV) hätte es als sinnvoll erachtet, wegen des rekordtiefen Zinsniveaus die Kriterien für die Tragbarkeit etwas zu vereinfachen. Raiffeisen wollte aber von den aktuellen rund 5 Prozent auf 3 Prozent hinunter. Mit einem kalkulatorischen Zinssatz von 4 Prozent wären die Chancen grösser gewesen, die Sache bei den Aufsichtsbehörden durchzubringen.

Was hätte die Aufsichtsbehörde sonst noch besänftigen können?

Zentral wäre gewesen, eine verbindliche Regel zu definieren, ab welchem Anstieg des Zinsniveaus erneut die 5-Prozent-Tragbarkeit gegolten hätten. Grundsätzlich ist billiges Geld für den, der es bekommt, nicht immer gut. Es birgt grosse Risiken. Zentral ist, dass die Leute das dank des Eigenheims gesparte Geld nicht verjubeln, sondern zur Abzahlung ihrer Hypothek einsetzen.

Haben Sie damit gerechnet, dass die Behörden bei den Raiffeisen-Plänen einschreiten wird?

Ja, denn Billig-Hypotheken sind der Finma ein Dorn im Auge. Dass Raiffeisen das Produkt nicht auf den Markt bringt, zeigt, dass der Regulator rigoros eingefahren ist. Erst in den letzten drei Jahren ist es der Finma gelungen, die Banken zur vernünftigeren Hypothekenvergabe zu bringen.

Die 5-Prozent-Regel ist doch nur eine Empfehlung an die Banken und keine harte Vorschrift…

Banken haben schon jetzt einen gewissen Spielraum. Sie rechnen im Rahmen einer Selbstregulierung mit 4,5 bis 5 Prozent. Halten sich die Banken nicht daran, würde die Finma harte Regeln durchsetzen. Es ist wie beim Vater, der zum Sohn sagt: Tu, was du willst. Doch der Sohn weiss genau, dass er das nicht darf.

Glauben Sie, dass Raiffeisen immer damit gerechnet hat, von den Behörden und der Konkurrenz auf den Deckel zu bekommen, die Sache aber marketingtechnisch geschickt genutzt hat?

Das glaube ich nicht. Raiffeisen wollte die Billig-Hypotheken für junge Familien tatsächlich. Das Marketing rund um die Idee ist aber sicher ein willkommener Nebeneffekt. Die Kritik gewisser Konkurrenten an der Sicherheit liegt wohl vor allem in der Angst, weitere Marktanteile zu verlieren.

Tiefere Tragbarkeitskriterien hätten zu einem Preisanstieg bei den Objekten führen können, weil die Nachfrage gestiegen wäre. Damit hätten erneut die jungen Familien das Nachsehen gehabt…

Es gibt immer unerwünschte Nebeneffekte. Es ist eine Tatsache, dass die Preise in gewissen Regionen angestiegen wären. Aber der Hype wäre wohl nur kurz gewesen. Andere Banken haben Raiffeisen auch so kritisiert, weil sich Raiffeisen marketingtechnisch geschickt positioniert hat. Ganz begraben wurden die Pläne ja noch nicht. Womöglich kommt ein Produkt mit strengeren Nebenbedingungen.

Was sollte ein junges Paar nun tun, damit es sich in einigen Jahren ins Eigenheim ziehen kann?

Heute hat ein Paar theoretisch die viel besseren Möglichkeiten zu sparen als früher: Meistens verdienen beide Partner, zudem kommen die Kinder später. Wenn das Paar zusammen jährlich 20'000 Franken spart, hat es nach zehn Jahren das Eigenkapital, um eine Liegenschaft im Wert von einer Million Franken kaufen zu können.

Das mit dem Sparen ist nicht so einfach…

Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg. Er würde aber bedeuten, auf Reisen, ein teures Auto und eine teure Wohnung zu verzichten. Klar ist: Ein Eigenheim gibt es nicht ohne Konsumverzicht. Zudem ist es ratsam, früh mit dem Einzahlen in die Säule 3a zu beginnen. Eine Möglichkeit ist zudem, die Eltern um einen Erbvorbezug zu bitten. Und wer sagt, dass man nicht auch in einem älteren und damit günstigeren Haus auf dem Land glücklich werden kann?

Gehen Sie davon aus, dass es künftig schwieriger wird, sich ein Eigenheim zu finanzieren?

Es dürfte künftig eher günstiger werden. Das liegt aber weniger an den Kriterien der Hypothekenvergabe als an der Bautätigkeit in gewissen Regionen. Derzeit gibt es 45'000 leere Mietwohnungen und 11'000 zum Kauf ausgeschriebene Einfamilienhäuser. Die Preise werden sinken. Das Problem ist, dass die günstigen Objekte in den Augen vieler am falschen Ort stehen.

Hauskauf war noch nie so schwierig

Von den tiefen Zinsen profitieren vor allem jene, die bereits Eigentum besitzen. Wer jetzt ein Haus kaufen möchte, hat höhere Finanzierungshürden als früher. Ein Experte sagt zudem, dass die Jungen heute nicht mehr bereit sind, für Eigentum zu sparen. Doch was sagen junge Menschen dazu?

Banken sind sich bei Tragbarkeit uneins

Während Raiffeisen, die Migros Bank und der Hypthekenvermittler Moneypark auf tiefere Regeln bei der Tragbarkeit drängen, sind vor allem die Grossbanken und die ZKB dagegen. Zwar könnten sich bei einer Tragbarkeit bzw. eines kalkulatorischen Zinses von 3 Prozent viele Käufer ein bis zu 30 Prozent teureres Eigenheim leisten, mittelfristig würde das aber zu einem deutlichen Preisanstieg führen: «Die Folge wäre, dass die Haushalte, denen man den Zugang zu Wohneigentum ermöglichen wollte, erneut ausgeschlossen würden», heisst es bei der ZKB. Derzeit ziehen die Banken im Rahmen einer Branchenübereinkunft einen Zinssatz von 4,5 bis 5 Prozent heran, um zu berechnen, ob das Einkommen für eine Hypothek ausreicht. (sas)

Deine Meinung

Fehler gefunden?Jetzt melden.