Verwirrung in Libyen: «Bin gekommen, um die Lügen zu widerlegen»
Aktualisiert

Verwirrung in Libyen«Bin gekommen, um die Lügen zu widerlegen»

Die Verhaftung von Saif al-Islam galt als sicher, auch der internationale Strafgerichtshof bestätigte die Meldung. Plötzlich zeigte sich der Gaddafi-Sohn gut gelaunt mitten in Tripolis und gab sich kämpferisch.

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Nach sechsmonatigen Kämpfen zwingen die Rebellen in Libyen das Regime von Machthaber Muammar Gaddafi offenbar in die Knie. Die Aufständischen rückten am Sonntag immer weiter in die Hauptstadt Tripolis vor. Gaddafis Leibgarde habe ihre Waffen niedergelegt, sagte der Informationsminister der Rebellen, Mahmud Schammam. Der Chefankläger des Internationalen Strafgerichtshofs (IStGH) sagte, Gaddafis Sohn Seif al-Islam sei festgenommen worden.

Der Anführer der für den Schutz Gaddafis und der Hauptstadt zuständigen Einheit der Streitkräfte «hat sich der Revolution angeschlossen und seine Soldaten angewiesen, ihre Waffen niederzulegen», sagte Schammam der Nachrichtenagentur AP. Einer der Rebellen, Mohammed al-Sawi, sagte, die Aufständischen könnten noch in der Nacht den Grünen Platz in Tripolis erreichen.

AP-Reporter, die die Aufständischen begleiteten, berichteten, die Rebellen seien auf ihrem Vormarsch von den westlichen Randbezirken der Hauptstadt auf keinen nennenswerten Widerstand gestossen. Sie hätten den Vorort Ghot Schaal eingenommen und auf dem Weg Kontrollposten errichtet. Anschliessend seien sie in das Viertel Girgasch eingerückt, etwa drei Kilometer vom Grünen Platz entfernt.

IStGH-Chefankläger Luis Moreno-Ocampo sagte der AP, Gaddafis Sohn Seif al-Islam Gaddafi sei von «Spezialkräften» der Aufständischen festgenommen worden. Am Morgen werde mit den Rebellen gesprochen, sagte er. Seif al-Islam Gaddafi wird von dem Gericht in Den Haag wie sein Vater und der libysche Geheimdienstchef der Verbrechen gegen die Menschlichkeit beschuldigt.

Aufenthaltsort von Gaddafi unklar

Über den Aufenthalt von Gaddafi selbst wisse er nichts, sagte Moreno-Ocampo. Der IStGH hatte im Juni einen Haftbefehl für Gaddafi ausgestellt. Der Machthaber wird den Richtern zufolge beschuldigt, zu Beginn des Aufstands die Gefangennahme sowie gewaltsame Übergriffe bis zur Tötung von Hunderten Zivilpersonen betrieben zu haben. Er soll versucht haben, die mutmasslichen Verbrechen zu vertuschen.

Die NATO erklärte, Gaddafis Regime sei offensichtlich am Bröckeln. Generalsekretär Anders Fogh Rasmussen sagte am frühen Montagmorgen in Brüssel, die Zeit sei gekommen, ein neues, demokratisches Libyen zu schaffen. Die NATO werde die Truppen Gaddafis beobachten und bombardieren, falls die Zivilbevölkerung durch sie bedroht sei.

Verteidigungsminister Thomas de Maizière (CDU) hält einen Bundeswehreinsatz zur Stabilisierung Libyens für möglich. Auf die Frage, ob sich Deutschland nach einem Sieg der Rebellen an einer militärischen Stabilisierung Libyens beteiligen würde, sagte de Maizière der Düsseldorfer «Rheinischen Post» (Montagausgabe) laut Vorabbericht: «Wenn es Anfragen an die Bundeswehr gibt, werden wir das konstruktiv prüfen, wie wir das immer tun.» (sda/dapd)

Schwere Kämpfe an Journalisten-Unterkunft in Libyens Hauptstadt

In der libyschen Hauptstadt Tripolis hat es am Sonntagabend schwere Kämpfe in der Nähe eines Hotels gegeben, in dem Journalisten untergebracht sind. Wie ein Journalist der Nachrichtenagentur AFP berichtete, standen vor dem Hotel Rixos im Zentrum von Tripolis Getreue des libyschen Machthabers Muammar al-Gaddafi, die mit Kalaschnikow-Sturmgewehren in östliche Richtung schossen. Möglicherweise schossen sie auf Rebellen, dies konnte der AFP- Journalist aber nicht sehen. In dem Hotel wohnen neben Journalisten auch Vertreter der libyschen Führung.

Bereits am Nachmittag waren in der Nähe des Hotels Rixos Schüsse zu hören gewesen. Angehörige der Hotelleitung sowie der Chef, ein Schweizer, verliessen das Gebäude. Dem Chef zufolge hatten die Rebellen gedroht, das Hotel anzugreifen, weil dort Vertreter der libyschen Regierung wohnen. Journalisten brachten weisse Bettlaken mit den Buchstaben «TV» aussen am Hotel an, um ihre Präsenz zu zeigen. (SDA)

Gaddafi fordert Hautptstadteinwohner zum Kampf auf

Der libysche Machthaber Muammar al-Gaddafi hat das libysche Volk am Sonntag in einer weiteren Audio-Botschaft dazu aufgerufen, um das Land zu kämpfen. Seine Rede wurde am Sonntag im Staatsfernsehen verbreitet. Gaddafi sprach von einer Verpflichtung für alle Libyer. «Es ist eine Frage von Leben und Tod», sagte er. Und weiter: Alle Stämme müssten nach Tripolis marschieren, um es zu beschützen. «Wenn nicht, werdet Ihr Sklaven der Kolonialisten werden.»

Nach Angaben der Nachrichtenagentur dpa stoppte Gaddafis Stimme jedoch plötzlich. Für die Unterbrechung der Nachricht gab es keine Erklärung. Unklar war, von wo aus Gaddafi gesprochen hatte. Es war die zweite Audiobotschaft innerhalb von 24 Stunden und es hörte sich an, als ob er über Telefon spreche. (AP/SDA)

NATO: Gaddafi vor dem Ende

Das Regime des libyschen Machthabers Muammar al Gaddafi steht nach Einschätzung der NATO vor seinem Ende. NATO-Generalsekretär Anders Fogh Rasmussen erklärte am frühen Montagmorgen in Brüssel, die Zeit sei gekommen, ein neues, demokratisches Libyen zu schaffen. Die NATO werde die Truppen Gaddafis weiterhin beobachten und bombardieren, falls die Zivilbevölkerung durch sie bedroht sei, sagte Rasmussen. Das Militärbündnis hat in den vergangenen fünf Monaten fast 20 000 Einsätze in Libyen geflogen, darunter etwa 7 500 Angriffe gegen die Regierungstruppen. (AP)

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