Turnerin Ariella Kaeslin outet sich - «Bin ich bi? Bin ich lesbisch? Es fällt mir schwer, das zu definieren»
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Turnerin Ariella Kaeslin outet sich«Bin ich bi? Bin ich lesbisch? Es fällt mir schwer, das zu definieren»

«Ich fand Frauen schon immer attraktiv», sagt Ariella Kaeslin und erzählt nach ihrer Sportlerinnen-Karriere von ihrem Coming-Out.

von
Erik Hasselberg
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Arielle Kaeslin wurde drei Mal zu Schweizer Sportlerin des Jahres gewählt.
(Valeriano Di Domenico/SRF/freshfocus)

Arielle Kaeslin wurde drei Mal zu Schweizer Sportlerin des Jahres gewählt.
(Valeriano Di Domenico/SRF/freshfocus)

An der EM in Berlin gewinnt sie 2011 im Sprung ihre insgesamt vierte Medaille an Grossanlässen.

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AFP
An den Olympischen Spielen in Peking wird sie starke Fünfte.

An den Olympischen Spielen in Peking wird sie starke Fünfte.

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Darum gehts

  • Ariella Kaeslin ist eine ehemalige Schweizer Spitzenturnerin.

  • Nun outet sich die 33-jährige Luzernerin öffentlich.

  • Gleichzeitig sagt sie: «Bin ich lesbisch? Bin ich bisexuell? Es fällt mir schwer, das zu definieren».

Die ehemalige Kunstturnerin Arielle Kaeslin (33) hat sich im «Magazin» der Tamedia-Zeitungen geoutet. «Ich fand Frauen schon immer attraktiv, doch wenn mir eine besonders gefiel, dachte ich, das liege daran, dass ich sein möchte wie sie. Vielleicht stimmte das auch – früher. Vor einiger Zeit merkte ich dann, dass sich etwas veränderte. Ich verknallte mich», sagt Kaeslin, der es lieber wäre, wenn es den Artikel gar nicht bräuchte. «Ich möchte mich nicht verstecken. Ich möchte auch nicht noch einmal gefragt werden, ob ich wieder einen Freund habe, nur weil die Leute nicht wissen, dass ich doch jetzt eine Freundin habe. Würde ich einfach nicht darüber reden, käme mir das vor wie lügen».

Kaeslin gewann 2009 im Sprung die Europameisterschaft in Mailand, holte im gleichen Jahr an der WM in London Silber. Ein Jahr zuvor war sie an den Olympischen Spielen in der gleichen Disziplin noch Fünfte geworden. 2011 gab sie ihren Rücktritt vom Spitzensport bekannt. Und vier Jahr später brach die Luzernerin schon ein erstes Tabu, enthüllte in ihrem Buch die rücksichtslose Seite des Sport, sprach über ihre Erschöpfungsdepression, Mobbing, psychische Gewalt, Machtmissbrauch am Leistungszentrum des Schweizerischen Turnverbands in Magglingen.

«Es fühlte sich nicht an wie ein Coming-out»

«Als ich meinem privaten Umfeld sagte, dass ich eine Frau liebe, fühlte sich das überhaupt nicht an wie ein Coming-out. Ich erzählte es einfach, als wäre es … nein, falsch! Es IST etwas Normales!», sagt Kaeslin. Sie sei immer glücklich mit Männern gewesen, hätte gute Beziehungen gehabt. «Aber rückblickend erkenne ich diverse Anzeichen, dass mich vermutlich schon länger beide Geschlechter anziehen. Ich weiss noch, wie ich als Kind ein Bub sein wollte, und dieses betont Weibliche des Frauenkunstturnens machte mir früh zu schaffen. Mir war nie ganz wohl in meiner Rolle als Turnerin».

Doch dann habe sie die Queer-Community entdeckt, was sie als riesige Befreiung empfunden habe. «Es ist völlig in Ordnung, von der Norm abzuweichen. Ich möchte jetzt aber auch nicht sagen, dass ich für immer nur noch auf Frauen stehe. Bin ich lesbisch? Bin ich bisexuell? Es fällt mir schwer, das zu definieren» Diese Uneindeutigkeit belaste sie.

Doch sie wisse inzwischen, dass es dafür einen Begriff gebe: internalisierte Homophobie. «Damit werden negative Gefühle gegenüber der eigenen Homosexualität bezeichnet. Die Gefühle entstehen, weil wir mit Normen aufwachsen, die Homosexualität abwerten. Sie nisten sich in der Wahrnehmung ein, richten sich gegen die eigene Psyche». Es helfe ihr zu wissen, dass sie nicht allein sei mit diesem Phänomen.

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Pro Juventute, Beratung für Kinder und Jugendliche, Tel. 147

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