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Doktor Sex«Bin ich so anders als der Rest der Männer?»

Michael macht für Sex keinen Umweg und üppige Dekolletés oder kurze Röcke lassen ihn kalt. Das war schon immer so, doch manchmal macht er sich Sorgen.

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In Sachen Sex nicht zu ticken wie die Mehrheit kann verunsichern. (Symbolbild: Colourbox.de)

In Sachen Sex nicht zu ticken wie die Mehrheit kann verunsichern. (Symbolbild: Colourbox.de)

Frage von Michael (35) an Doktor Sex: Ich kann den allgemeinen Rummel um das Thema Sex beim besten Willen nicht verstehen. Gilt die Aussage «Sex ist die schönste Nebensache der Welt» heute nicht mehr? Mir scheint, mittlerweile ist er zur Hauptsache geworden. Ich jedoch mache dafür keine Umwege. Daher hatte ich in den letzten zwei Jahren auch keinen Sex. Bei mir kommt auch nicht automatisch Verlangen auf – egal, ob ein Dekolleté üppig oder ein Rock kurz geschnitten ist. Ich weiss nämlich, dass die Inszenierung nicht mir gilt und dann ist das Thema ebenso schnell vom Tisch wie ein Werbe-Pop-up vom Bildschirm. Das war bei mir immer so und hat nichts mit dem Alter zu tun. Natürlich habe auch ich das Bedürfnis nach Sex, aber da besteht kein Zusammenhang dazu, im Alltag Frauen zu begegnen. Ich trenne diese Bereiche strikt, denn alles andere wäre lediglich Wunschdenken und für mich sehr kontraproduktiv. Ich wüsste gerne: Bin ich so anders als der Rest der Männer? Denn das Verlangen nach Sex wird gemeinhin ganz anders dargestellt, als ich es empfinde.

Antwort von Doktor Sex

Lieber Michael

Sex wird überschätzt. Genauso wie Essen dient er als Kompensation für allerlei unerfüllte Wünsche und Bedürfnisse, die nicht im Entferntesten etwas damit zu tun haben.

In der Werbung und von den Medien wird aufreizende Nacktheit als Blickfang eingesetzt, die Verlage versuchen mit intimen Enthüllungen und derben Geschichten den Absatz ihrer Bücher anzukurbeln, die Pornoindustrie liefert Wichsvorlagen für Männer auf Entzug und Sexanleitungen für gelangweilte Paare; besorgte Eltern, gestresste Pädagogen und umtriebige Präventionsfachleute kämpfen an allen Fronten gegen die in ihren Augen drohende Gefahr der «Übersexualisierung» von Kindern und Jugendlichen, während Heerscharen von Beratern sich den Mund wundreden im Bemühen, ihrer Klientel Techniken und Tricks für den todsicheren Orgasmus zu vermitteln.

Kein Wunder, dass bei dir der Eindruck entsteht, die einst «schönste Nebensache der Welt» sei mittlerweile zur Hauptsache und zudem auch noch völlig zweckentfremdet worden.

Was deinen bewussten Umgang mit Reizen und deinen sexuellen Bedürfnissen angeht, bist du sicher anders als ein Grossteil der Männer. Jedoch möchte ich anmerken, dass das, was von einem Menschen äusserlich sichtbar wird, nicht zwingend das ist, was in seinem Inneren vorgeht. Sei dir daher bewusst, dass du die öffentliche Darstellung von Sexualität möglicherweise etwas überbewertest.

Aus zahlreichen Gesprächen mit Männern weiss ich, dass manche davon sich im Alltag und insbesondere im Kontakt mit Frauen auf eine Art verhalten, die ihnen nicht wirklich entspricht. Da wird gebalzt, getrickst und der Schein gewahrt, da werden Sprüche geklopft und Plattitüden zum Besten gegeben, die den eigenen Wünschen komplett entgegengesetzt sind. Als Grund dafür geben sie an, dass die Gesellschaft halt so sei und sie sich dem Mainstream nicht entziehen könnten. Dabei vergessen sie jedoch, dass sie mit ihrem Verhalten die Chancen massiv schmälern, tatsächlich der Frau zu begegnen, die ihnen im Herzen entsprechen würde.

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