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Doktor Sex«Bin ich vielleicht beziehungsunfähig?»

Melina fühlt sich schnell eingeengt, wenn ihr Partner Zukunftsfragen aufs Tapet bringt. Sie versucht dann, schnell das Thema zu wechseln. Auf Dauer kann das aber keine Lösung sein.

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Menschen haben unterschiedliche Bedürfnisse und versuchen, diese durchzusetzen - auch in Beziehungen. (Symbolbild: Colourbox.com, Khakimullin Aleksandr)

Menschen haben unterschiedliche Bedürfnisse und versuchen, diese durchzusetzen - auch in Beziehungen. (Symbolbild: Colourbox.com, Khakimullin Aleksandr)

Frage von Melina (22) an Doktor Sex: Seit etwa einem halben Jahr bin ich wieder in einer Beziehung. Ich bin glücklich und liebe meinen Freund. Jedoch habe ich Probleme, wenn es um Fragen geht, die eine gemeinsame Zukunft betreffen. Es ist nicht so, dass ich mir eine solche nicht vorstellen könnte, aber sobald er darüber zu reden beginnt, fühle ich mich eingeengt - und versuche schnell, das Thema zu wechseln. Natürlich mache ich mir Gedanken über Heirat, Kinder und Zusammenziehen, aber ich kann einfach nicht damit umgehen, wenn er davon spricht. Mein früherer Freund hat mich sehr eingeengt und kontrolliert – könnte meine Reaktion darauf zurückzuführen sein? Oder bin ich vielleicht gar beziehungsunfähig? Und was kann ich gegen dieses Engegefühl tun?

Antwort von Doktor Sex

Liebe Melina

Beziehungsunfähig bist du sicher nicht. Aber äusserst sensibel, wenn es um deinen Raum geht beziehungsweise die Möglichkeit, dass dieser eingeschränkt werden könnte. Das ist grundsätzlich gesund – auch wenn du angesichts dessen, was du mit deinem Ex-Freund erlebt zu haben scheinst, in deiner neuen Beziehung im Moment wohl ein wenig überreagierst.

Sei dir bewusst, dass du etwas dazu beigetragen hast, dass dich dein ehemaliger Partner derart einengen und kontrollieren konnte. Und wenn es nur ist, dass du nicht rechtzeitig für dich und das, was dir wichtig ist, eingestanden bist und dich abgegrenzt hast. Diesbezüglich solltest du genau hinschauen. Sonst läufst du nämlich Gefahr, entweder dauerhaft in einem übertriebenen Abwehrreflex deinem neuen Freund gegenüber gefangen zu bleiben oder noch einmal im selben Schlamassel zu landen.

Um deinen Anteil an der Geschichte zu erkennen, ist eine sorgfältige Analyse des Geschehenen notwendig sowie die unbedingte Bereitschaft, dir selber gegenüber kritisch und ehrlich zu sein. Das ist nicht ganz einfach und kann zeitweilig ziemlich unangenehm werden.

Möglicherweise wirst du auf Eigenschaften und Verhaltensweisen von dir stossen, die schon in früheren Beziehungen zu Situationen geführt haben, in denen du dich ähnlich eingeengt und kontrolliert gefühlt hast - beispielsweise im Umgang mit deinen Eltern, mit Geschwistern oder Freunden. Vielleicht entdeckst du aber auch ganz neue und unbekannte Seiten oder wirst mit starken Emotionen und Ängsten konfrontiert, die dich dazu verleiten könnten aufzugeben, bevor du die Sache ganz durchdrungen hast. Und schliesslich sind da auch noch die sogenannten «blinden Flecken», also all das, was du beim besten Willen nicht selber erkennen kannst und bei dem du auf einen Blick von aussen angewiesen bist.

Es könnte daher sinnvoll sein, dir Unterstützung bei jemandem zu holen, dem du vertraust und der oder die auch in der Lage ist, dich mit unbequemen Tatsachen zu konfrontieren. Falls es niemanden gibt aus deinem Bekanntenkreis, dem du diese Rolle zutraust, kannst du dir Hilfe bei einer Fachperson holen.

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