Verwirrende Infos: Bin Ladens Tod im «Nebel des Krieges»

Aktualisiert

Verwirrende InfosBin Ladens Tod im «Nebel des Krieges»

Wie starb Osama Bin Laden? War er bewaffnet oder nicht? Die US-Regierung verstrickt sich in Widersprüche und macht sich damit angreifbar.

von
Peter Blunschi

Präsident Barack Obama fasste es in seiner Ansprache am Sonntag kurz und bündig zusammen: «Nach einem Feuergefecht töteten sie Osama Bin Laden und bemächtigten sich seiner Leiche», sagte er zum Einsatz der Elitesoldaten in Pakistan. Doch danach begann das Problem, denn zu den Umständen lieferten seine Mitarbeiter verwirrende Angaben.

So behauptete Obamas Antiterror-Berater John Brennan am Montag vor den Medien, der Al-Kaida-Chef habe sich an einem Feuergefecht mit den in sein Zimmer stürmenden US-Soldaten «beteiligt». Ausserdem habe er sich «hinter einer Frau versteckt, die er als Schutzschild benutzte». Es habe sich «vermutlich um seine Ehefrau» gehandelt. Zwar betonte Brennan auch, es sei unklar, ob Bin Laden selbst eine Waffe abgefeuert hatte. Doch die Botschaft war eindeutig: Der berüchtigte Terrorist war ein jämmerlicher Feigling.

«Er war nicht bewaffnet»

Tags darauf musste die US-Regierung zurückrudern. Osama Bin Laden habe sich nicht hinter seiner Frau versteckt, sagte Jay Carney, Pressesprecher des Weissen Hauses. Sie sei vielmehr auf die US-Soldaten «zugerannt». Diese hätten ihr ins Bein geschossen, sie aber nicht getötet. Bin Laden sei darauf durch Schüsse getötet worden. «Er war nicht bewaffnet», sagte Carney.

Zwar betonte der Sprecher, Bin Laden habe sich den US-Truppen «widersetzt», und «für Widerstand braucht man keine Feuerwaffe». In welcher Weise dies geschah, wollte Carney nicht sagen. Jedenfalls geriet die US-Regierung in die Defensive, denn prompt kam die Frage nach der Verhältnismässigkeit des Einsatzes auf. Bereits zuvor gab es widersprüchliche Angaben, ob Osama Bin Laden verhaftet oder getötet werden sollte.

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Chaotische und komplexe Operation

Es sei schwierig, im «Nebel des Krieges» die Fakten zu sichten, rechtfertigte sich Jay Carney. Andere Regierungsvertreter betonten, man sei immer noch daran, sich ein genaues Bild der «chaotischen und komplexen Operation» zu machen, so die «Washington Post». Sie verwiesen auf die enormen Risiken, etwa die Gefahr, dass Bin Ladens Anwesen vermint war. Ein Beamter erklärte, die Treppe zum dritten Stockwerk, in dem Bin Laden lebte, sei durch Barrikaden geschützt gewesen, was man nicht habe vorhersehen können.

«Bin Ladens Tod ist eine Katastrophe»

Andere Quellen bezogen sich auf den Zeitpunkt kurz nach Mitternacht: Es sei stockdunkel gewesen, die Soldaten hätten Nachtsichtbrillen getragen. Unter diesen Umständen wäre eine Festnahme sehr schwierig gewesen. Bin Laden hätte sich «nur ergeben können, wenn er in keinster Weise eine Bedrohung dargestellt hätte», sagte John Brennan dem US-Sender Fox. Die Soldaten hätten ihn nur verhaften können, wenn sie sicher gewesen wären, dass er nicht Sprengstoff am Körper getragen oder sonst eine Waffe versteckt gehabt hätte.

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Was sah Bin Ladens Tochter?

Dennoch hat sich die US-Regierung mit ihrer verwirrenden Informationspolitik angreifbar gemacht und die Türen für Verschwörungstheorien aller Art geöffnet. «Wir können Ärger bekommen, wenn gewisse Leute dies für politische oder propagandistische Zwecke ausnützen», sagte der republikanische Abgeordnete Mike Rogers, Vorsitzender der Geheimdienst-Ausschusses im Repräsentantenhaus, der «Washington Post».

Dies scheint bereits der Fall zu sein. Laut dem Fernsehsender Al Arabiya soll Osama Bin Ladens zwölfjährige Tochter gegenüber pakistanischen Ermittlern gesagt haben, die US-Soldaten hätten ihren Vater lebend gefangen und vor den Augen der Familie erschossen. Verifizieren lässt sich dies kaum, es könnte sich um einen Versuch des pakistanischen Geheimdienstes handeln, vom eigenen Versagen abzulenken und die USA zu diskreditieren.

Da hatten es die Amerikaner mit Saddam Hussein schon einfacher. Der irakische Diktator wurde lebend aus seinem Loch gezogen. Zwar gab es auch um seine öffentliche Zur-Schau-Stellung eine Kontroverse, doch sein Ableben am Galgen lässt sich kaum bestreiten.

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