Nein zur Trinkwasser-Initiative - «Bio Suisse schaut nur auf die eigene Marge»
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Nein zur Trinkwasser-Initiative«Bio Suisse schaut nur auf die eigene Marge»

Die Trinkwasser-Initiative gefährde das «faire Preisgefüge»: Aus Angst vor Preiszerfall lehnt der Vorstand von Bio Suisse die Vorlage ab. Dafür haben die Initiantin sowie Bio-Bauern kein Verständnis.

von
Pascal Michel
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Bio Suisse vereinigt über 7000 Bio-Betriebe unter sich.

Bio Suisse vereinigt über 7000 Bio-Betriebe unter sich.

BioSuisse
Der Vorstand empfiehlt ihnen nun, die Trinkwasser-Initiative abzulehnen.

Der Vorstand empfiehlt ihnen nun, die Trinkwasser-Initiative abzulehnen.

Marion Nitsch/Lunax
Die Delegierten entscheiden nächste Woche darüber.

Die Delegierten entscheiden nächste Woche darüber.

BioSuisse

Darum gehts

  • Der Vorstand des Verbands lehnt die Trinkwasser-Initiative ab.

  • Er fürchtet bei einem Ja einen Preiszerfall bei Bio-Produkten.

  • Die Initiantin, Franziska Herren, hat dafür kein Verständnis.

  • Der Vorstand wolle «Gewinne sichern und Ökologie im Luxusbereich halten», so Herren.

  • Bio Suisse erklärt: «Bio muss sich für alle lohnen.»

Die Trinkwasser-Initiative will Bauern, die Pestizide einsetzen, die Direktzahlungen streichen. Ebenso betroffen wären Betriebe, die mehr Tiere halten, als sie mit eigenem Futter ernähren können oder prophylaktisch Antibiotika einsetzen.

Widerstand gegen das Vorhaben kommt nun von unerwarteter Seite: Der Vorstand des Verbands Bio Suisse hat die Nein-Parole beschlossen. In einem Brief an die Mitglieder, den der «K-Tipp» zitiert, heisst es: «Eine massive Überversorgung der Märkte mit Bio-Milch und -Fleisch würde das heute faire Preisgefüge gefährden.» Die Delegiertenversammlung entscheidet nächste Woche über die Parole.

Die Annahme des Vorstands von Bio Suisse: Aufgrund der neuen Regeln würden viele Betriebe auf Bio umstellen und ihre Produkte auch so zertifizieren. Damit käme es zu einem viel grösseren Angebot an Bio-Produkten, was die Preise und Margen drücken würde.

«Bio Suisse will Ökologie im Luxusbereich halten»

Franziska Herren, Initiantin der Trinkwasser-Initiative, ist enttäuscht. «Dass der Verband so einen Tunnelblick hat und zuerst aufs eigene Geld und die eigene Marge schaut, ist für mich nicht nachvollziehbar», sagt Herren zu 20 Minuten. Völlig unverständlich sei, dass Bio Suisse den Konsumenten ökologische Produkte verspreche und sich jetzt dagegen stelle, solche Produkte durch die Umlenkung der Subventions-Milliarden für alle erschwinglich zu machen.

Sie sieht im Entscheid den Versuch der Verbandsspitze und der Detailhändler, die einen grossen Teil der höheren Biomarge einstreichen, ihre Gewinne zu sichern und Ökologie im Luxusbereich zu halten. «Offenbar wollen sie weiterhin mit Bio- und ökologisch produzierten Lebensmittel gute Geschäfte machen auf dem Buckel der Konsumenten», sagt Herren..

Laut Herren greift die Argumentation von Bio Suisse zu kurz. «Unsere Initiative will, dass pestizidfreie Lebensmittel – dazu gehören auch Bio-Produkte – für die breite Masse bezahlbar werden.» Sie ist überzeugt, dass es am Schluss so ohnehin günstiger für alle kommt: «Durch die Initiative gibt es Kostenwahrheit – denn heute bezahlt die Bevölkerung dreifach für ihre Lebensmittel: Mit Subventionen, für den Ladenpreis und für die Folgekosten. Die Direktzahlungen in Umweltverschmutzung, für die wir derzeit alle zahlen, werden umgelenkt in eine pestizidfreie nachhaltige Lebensmittelproduktion.» Sie betont, dass sich die Preise in einer achtjährigen Übergangsphase neu einpendeln könnten.

Ebenfalls empört zeigt sich Bio-Bauer Markus Bucher aus Grossaffoltern BE. Zum «K-Tipp» sagt er: Das Privileg, möglichst hohe Preise zu erzielen, könne nicht das wichtigste Ziel sein. «Wir können nicht unsere Lebensgrundlage weiter zerstören.»

Ökonom: Marktmacht bleibt ungleich verteilt

Werden sich sich die Preise bei einem Ja zur Trinkwasser-Initiative auf einem Niveau stabilisieren, dass sich viele Bio leisten können und die Bauern dafür einen vernünftigen Preis erhalten? Daran glaubt Volkswirtschaftsprofessor Mathias Binswanger jedoch nicht.

«Tatsächlich ist es im Moment so, dass der Handel bei Bio-Produkten – etwa Eier oder Fleisch – den Hauptteil der Marge abschöpft.» Eine mögliche Austarierung mit tieferen Preisen für Bioprodukte nach einem Ja zur Initiative werde wohl weiterhin nicht zu Gunsten der Bauern ausfallen, sagt er. «Die Marktmacht der Händler bleibt: Ihnen stehen viele Kleinbetriebe gegenüber, denen sie die Preise diktieren können.»

Binswanger sieht die grösste Gefahr der Initiative darin, dass sie den Einkaufstourismus befeuern wird. Er glaubt, dass dann das, was neu «konventionell», aber nicht bio-zertifiziert wäre, für Konsumenten teurer wird und der Import von Lebensmitteln ohne entsprechende Schutzmassnahmen zunimmt. «Das sind keine guten Nachrichten für die Bauern. Ich verstehe darum, dass sich viele gegen die Initiativen engagieren.»

«Gerechten Lohn garantieren»

Der Verband Bio Suisse verteidigt die Position des Vorstands zur Trinkwasser-Initiative. Zum Vorwurf, der Verband versuche nur, die eigenen hohen Margen zu sichern, sagt Sprecher David Herrmann: «Bio muss sich für alle lohnen. Für den Produzenten heisst das: Preise, die ihm einen gerechten Lohn für seine Arbeit garantieren und Investitionen für die langfristige Sicherung des Betriebs sicherstellen.» Er betont, dass Bio-Preise die wahren Kosten der Lebensmittel zeigten. «Wer Bio kauft, schützt Boden und Wasser, fördert Tierwohl und Biodiversität.»

Detailhändler Coop, der eng mit Bio Suisse zusammenarbeitet, geht «aktuell nicht von einem Preisverfall bei der Annahme der Initiative aus» – und betont: «Unter dem Strich verdienen wir an Label-Produkten nicht mehr als an konventionellen.»

Zweite Initiative findet Anklang

Während der Bio Suisse-Vorstand die Trinkwasser-Initiative ablehnt, hat sie bei der Initiative zum Verbot von synthetischen Pestiziden die Ja-Parole herausgegeben. Das erstaunt zunächst: Würde doch auch diese Initiative wohl dazu führen, dass viele Bauern auf Bio umstellen würden. Sprecher David Herrmann erklärt: «Die Trinkwasserinitiative will das Problem des belasteten Grundwassers, überdüngter Böden und Artensterbens lösen, indem sie neue Vorschriften nur für die Landwirtschaft erlässt.» Die Pestizidinitiative hingegen nehme die ganze Gesellschaft in die Verantwortung und verbiete den Einsatz von synthetischen Pestiziden nicht nur im Landwirtschaftsbereich. Zudem umfasse der Initiativtext ebenfalls Importprodukte.

Dominik Waser vom Komitee freut die Ja-Parole von Bio Suisse zur Pestizid-Initiative sehr. Er ist aber erstaunt darüber, dass der Verband sich in den letzten Monaten so leise für eine pestizidfreie Landwirtschaft eingesetzt hat. «Von einem Verband, der für ökologische Lebensmittel wirbt, hätten wir ein klareres Zeichen erwartet. Nun kann Bio Suisse jetzt noch ihren Platz als Pionier der Bio-Landwirtschaft einnehmen und im Abstimmungskampf laut und klar für eine ökologischere Landwirtschaft einstehen.» Schliesslich zeigten 8000 Bio-Bauernbetriebe heute schon, dass eine pestizidfreie Landwirtschaft möglich sei, die der Gesundheit der Bevölkerung Rechnung trägt.

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