Amtlich bewilligt: Bio-Waffe gegen drohende Mückenplage
Aktualisiert

Amtlich bewilligtBio-Waffe gegen drohende Mückenplage

Der Kanton Zürich lässt Mücken keinen Stich: Er will ihre Larven durch den Einsatz von Bakterien töten. Naturschützer befürchten, dass mückenfreie Sommer bald zum Normalfall werden.

von
L. Hanselmann

Stechmücken nerven. Beim Einschlafen treiben sie einen mit ihrem Surren in den Wahnsinn und nach dem romantischen Spaziergang am Wasser heisst es oft kratzen statt küssen. Die Bewohner der Zürcher Gemeinde Ellikon konnten im letzten Sommer am Abend nicht einmal mehr draussen sitzen. Die Renaturierung der Thurmündung führte zu stehenden Gewässern entlang des Flusses und einer Mückenplage. Seine Helferinnen seien auf der Erntemaschine fast gefressen worden, klagte damals ein Bauer der «Andelfinger Zeitung». Der «Landbote» schreibt von einem «halben Volksaufstand».

Dieses Jahr soll sich das nicht wiederholen: Der Kanton Zürich hat diese Woche die geplanten Massnahmen gegen die Stechmücken vorgestellt. Unter anderem sollen im Naturschutzgebiet auch Bakterien eingesetzt werden können. Die nötige Bewilligung dazu wurde heute im Amtsblatt des Kantons publiziert. Gibt es keine Rekurse, kann die Bio-Waffe in einem Monat verspritzt werden.

Umweltschützer warnen vor Folgen

Gegen die Bakterien haben die Mücken im wahrsten Sinn des Wortes keinen Stich: Das Bacillus thuringiensis israelensis (BTI) produziert ein Gift, die Larven der Stechmücken fressen dieses und sterben. In der Magadinoebene TI und am Greyerzersee FR wird BTI schon eingesetzt. In Deutschland am Oberrhein werden die Bakterien gleich mit Helikoptern versprüht. Der Bestand wurde so um bis zu 95 Prozent reduziert. Der flächendeckende Einsatz sorgt aber seit längerem für Kritik von Umweltschützern: BTI würde auch die harmlose Zuckmücke und die für die Nahrungskette wichtigen Grünalgen abtöten.

Auch in der Schweiz gibt es Skepsis: Der Verband Aqua Viva – Rheinaubund schreibt von einer «fragwürdigen Entwicklung». Es würden auch andere Organismen vom Gift betroffen, der Eingriff in die Nahrungskette wirke sich negativ auf Libellen oder Vögel aus und es könnten sich Resistenzen gegen BTI bilden.

Trotz allem wird er die Bewilligung des Kantons voraussichtlich nicht anfechten, um weitere Revitalisierungsmassnahmen nicht zu gefährden.

Bakterien für den Gartenteich

Mückenexperte Pie Müller vom Schweizerischen Tropen- und Public-Health-Institut in Basel, hat hingegen keine Vorbehalte gegen die Bio-Waffe. Studien hätten gezeigt, dass sie keinen negativen Effekt auf das Ökosystem hat. «BTI wirkt sehr spezifisch auf Stechmücken und wird rasch und gut abgebaut.» Dasselbe sagt Biologe Ralph Schwarz, Geschäftsführer von Andermatt Biogarten. «Die Frage ist, ob man die Stechmücken überhaupt bekämpfen will. Wenn ja, dann ist BTI sicher besser als chemische Mittel.»

Schwarz verkauft auch BTI-Mittel für den Hobbygärtner, bei denen die Bakterien inzwischen sehr beliebt sind. Der Rheinaubund befürchtet denn auch, dass BTI je länger je mehr eingesetzt wird, weil sich die Bevölkerung an die mückenfreien Gebiete gewöhne. Im Ausland wird bereits Mais und Baumwolle angepflanzt, die durch ein eingeschleustes Gen selbst BT-Gift produzieren, um Insekten abzuwehren. In der Schweiz ist der Anbau der Gen-Pflanzen allerdings (noch) verboten.

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