Dem Krebs erlegen: Biografie von Ernst Leuenberger
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Dem Krebs erlegenBiografie von Ernst Leuenberger

Mit SP-Ständerat Ernst Leuenberger hat die Schweiz einen prominenten Politiker verloren. «Dr Aschi», wie er in seinem Heimatkanton Solothurn liebevoll genannt wurde, war populär wie sein Vorbild, der verstorbene Bundesrat Willy Ritschard.

von
Sepp Beck
sda

m Bundeshaus galt der bekennende 68er als witziger und wortgewandter Redner, der sich dem Volk gut verständlich machen konnte. Gleichzeitig galt der Sozialdemokrat und Gewerkschafter als konsens- und kompromissfähig.

Rolf Ritschard, der Sohn des ehemaligen Bundesrates Willy Ritschard, verglich Leuenberger 1997 nach dessen Wahl zum Nationalratspräsidenten mit Gotthelf. Ähnlich einem Dorfpfarrer predige er seinen Mitbürgern frank zu frei die Wahrheit, gehe liebevoll mit ihnen um und trete unerschrocken gegen die Mächtigen auf.

Als Staatsfeind fichiert

Als «kleiner Revoluzzer» hatte Leuenberger seinen ersten politischen Auftritt als 21-Jähriger im November 1966. Zusammen mit anderen Studierenden hatte er an der Uni Bern das «forum politicum» gegründet und die erste Vietnam-Demonstration organisiert.

Die Diskussion um den Vietnamkrieg sei von zentraler Bedeutung für seine Politisierung gewesen, betonte Leuenberger später immer wieder. Sein Engagement beim Protest trug ihm einen Eintrag in seine Fiche ein.

Gegen Leuenberger wurde ein polizeiliches Ermittlungsverfahren eröffnet, mit Verdacht auf «umstürzlerische Agitation». In der Extremistenkartei war er in die Verdächtigkeitskategorie zwei, der zweithöchsten Kategorie, eingestuft. Von dem Eintrag erfuhr er erst 20 Jahre später, als 1989 der Fichenskandal aufflog.

Kritische Distanz zum Staat

Diese Erfahrung liess bei Leuenberger bis zuletzt eine Restmenge Staatskritik zurück. Einerseits sei der Staat für ihn als Sozialdemokrat zentral und wichtig, andererseits sei er aber auch eine «brutale Macht und Gewalt ausübende Instanz», hielt er im August 2008 in einem Rückblick auf die Studentenunruhen 1968 fest.

Geboren wurde Leuenberger am 18. Januar 1945 in Bätterkinden BE als eines von vier Kindern einer Arbeiterfamilie. Sein Vater war Kranführer bei von Roll in Gerlafingen SO und daneben Störmetzger. Die Herkunft prägte Aschis politische und berufliche Laufbahn: Zeitlebens schlug sein Herz für die Arbeiter.

Nach dem Studium der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften trat der Nachwuchs-Sozialdemokrat der Gewerkschaft Bau und Holz bei und politisierte in seiner Heimatgemeinde Bätterkinden BE. Dort gehörte er der Schulkommission an und verpasste keine Gemeindeversammlung. Schon damals liebte Leuenberger den «direkten Schlagabtausch».

Bundesrat Ritschard als Vorbild

1973 zog er nach Solothurn und übernahm das Sekretariat des kantonalen Gewerkschaftsbundes. In Solothurn schloss er auch Freundschaft mit dem damaligen Bundesrat Willy Ritschard, der ihn als Mensch und Politiker tief beeindruckte.

Im Jahre 1983 wählte ihn das Solothurner Volk in den Nationalrat, dem er ununterbrochen bis 1999 angehörte. Er profilierte sich als Vertreter der Arbeitnehmer, Förderer des öffentlichen Vekehrs und Spezialist in Finanzfragen.

Als 1995 Bundesrat Otto Stich zurücktrat, wurde Leuenberger parteiintern angefragt, ob er für dessen Nachfolge kandidieren wolle. Leuenberger bat sich Bedenkzeit aus, verzichtete dann aber auf eine Kandidatur.

Balsam auf die Seele

Zu seinen politischen Höhepunkten gehörte 1999 die Wahl in den Ständerat. Seinen Heimatkanton in der kleinen Kammer vertreten zu dürfen, war Balsam auf eine Seele, die 20 Jahre vorher von der Regierung beschimpft worden war. Diese hatte ihm «unsolothurnisches Verhalten» vorgeworfen - ein Vorwurf, den Leuenberger hart traf.

Leuenberger feierte viele Erfolge, blieb aber nicht von Niederlagen verschont. 1992 unterlag er in einer Kampfwahl gegen den späteren Solothurner CVP-Regierungsrat Thomas Wallner. Bei der Wahl zum Präsidenten des Schweizerischen Gewerkschaftsbundes (SGB) scheiterte er 1990 an Walter Renschler.

Nach dieser unerwarteten Niederlage wechselte Leuenberger als vollamtlicher Vizepräsident zum Schweizerischen Eisenbahnerverband (SEV), der ihn 1997 zum Nachfolger des zurücktretenden Präsidenten Charly Pasche wählte. Dieses Amt übte er bis 2005 aus. Danach wollte er sich ganz auf die Arbeit im Ständerat konzentrieren.

Das Volk liebte ihn

Leuenberger war ein volksnaher Politiker. Seine direkte Art kam an. Das Solothurner Volk liebte ihn, und er liebte den Kanton Solothurn. Gleichzeitig hatte er aber zu seinem Heimatkanton auch stets eine kritische Distanz bewahrt.

«Ich fühle mich wohl und gehöre dazu. Manchmal gehöre ich wieder nicht mehr dazu, etwa wenn Solothurn vergisst, sich auf seine liberal-radikal-sozialen Wurzeln und Werte zu besinnen», umschrieb er 2005 in einem Beitrag im Text- und Bildband «Leben am Jurasüdfuss» sein ambivalentes Verhältnis.

Ständeratssitz bleibt vorerst vakant

Nach dem Tod des Solothurner SP-Ständerates «Aschi» Ernst Leuenberger bleibt sein Sitz in der kleinen Kammer vorerst vakant. Über die Nachfolge entscheidet das Solothurner Wahlvolk frühestens am eidgenössischen Abstimmungswochende vom 27. September.

Der Regierungsrat habe aus Gründen der Pietät noch keinen Wahltermin festgelegt, sagte Dagobert Cahannes, Mediensprecher des Regierungsrates, am Mittwoch auf Anfrage der SDA. Er werde in den nächsten Wochen festlegen, wann die Ersatzwahl stattfinden solle.

Bei der Erneuerungswahl im Oktober 2007 hatte das Volk Leuenberger und FDP-Ständerat Rolf Büttiker problemlos bestätigt. Der CVP-Kandidatin Anneliese Peduzzi gelang es nicht, den 1999 von Leuenberger eroberten Sitz zurückzuholen.

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