Rohstoff: «Bis mit Erdöl verklebte Eisbären auftauchen»
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Rohstoff«Bis mit Erdöl verklebte Eisbären auftauchen»

Die Schweiz müsse schleunigst ihre Abhängigkeit von Erdöl und Erdgas reduzieren, fordert die Schweizerische Energie-Stiftung. Die Rohstoff-Lobby hält dagegen.

von
Desirée Pomper
Tamoil-Raffinerie in Collembey.

Tamoil-Raffinerie in Collembey.

Die Schweiz verbraucht 250'000 Fass Erdöl pro Tag. Das sind pro Person 5 Liter - etwa 20-mal so viel wie der Milchkonsum. Für diese Menge an Erdöl bezahlen die Schweizer jeden Monat über eine Milliarde Franken für Erdölprodukte. Das zeigt die neue Studie des Swiss Institute for Peace and Energy Research SIPER, welche die Schweizerische Energie-Stiftung SES in Auftrag gegeben hat. «Wir haben den Überblick über die riesigen Volumen verloren», so Studienautor Daniele Ganser. «Wir heizen das Klima auf, plündern die Ressourcen und führen Krieg um Öl und Gas.» Ausserdem berge die Abhängigkeit von Erdöl und Erdgas Risiken für die Schweiz: «Als rohstoffarmer Staat sind wir zunehmend mit dem Thema Versorgungssicherheit konfrontiert.»

So sehe sich der Schweizer Energiekonsument mit steigenden Preisen konfrontiert. 1999 kostete das Fass Erdöl 10 Dollar, jetzt liege der Preis bei 100 Dollar. Weil die Rohstoffgewinnung immer komplexer werde, stiegen auch die damit verbundenen Kosten. «Dank speziellen Bohrtechniken wird Erdöl bereits in der Arktis gefördert, wo Russland, USA, Kanada und Norwegen um ihren Einflussbereich streiten.» Einen Aufschrei werde es aber wohl erst geben, wenn Bilder von schwarzen, mit Erdöl verklebten Eisbären auftauchten. Ganser warnt, dass der hohe Erdölpreis die USA oder Deutschland wie schon 2008 in die Rezession treiben könnte. «Darunter würde auch die Schweizer Wirtschaft leiden.»

Energieunabhängigkeit dank Fracking?

Deshalb plädiert er für eine Reduktion der Abhängigkeit von Erdöl und Erdgas. Im Moment stammen 66 Prozent der in der Schweiz benötigten Energie aus dem Ausland. «Die eine Milliarde, die wir pro Monat für Erdöl ausgeben, müssten wir in Effizienz und erneuerbare Energien wie Photovoltaik, Biogasanlagen, Solarthermie oder Wasserkraft investieren», sagt Ganser.

Um das Ziel der Energieunabhängigkeit zu erreichen, setzen die USA auf die Förderung von Schieferöl und Schiefergas durch Fracking im eigenen Land. Es könne als Ersatz für Erdöl Autos antreiben, Treibhausgasemissionen senken, Arbeitsplätze schaffen und die Wirtschaft ankurbeln, hoffen Befürworter. Ganser warnt: «Die USA sind beim Erdöl weiterhin auf Importe angewiesen. Schiefergas ist endlich und hat negative Folgen für die Umwelt. Fracking ist der Anfang vom Ende.»

«Abkehr ist utopisch»

Dem widerspricht Roland Bilang, Geschäftsführer der Erdöl-Vereinigung Schweiz: «Wir sind gegen ein Technologieverbot.» Würden in der Schweiz geeignete Fracking-Gebiete gefunden, sollte man diese auch nutzen.

Die Forderung Gansers, die Abhängigkeit von Erdöl und Erdgas zu reduzieren und stattdessen auf alternative Energie zu setzen, findet Bilang utopisch: «Erstens bekommt man für das gleiche Geld viel weniger Energie. Zweitens sind alternative Energien unzuverlässig und schwierig zu speichern.» Erdöl und Erdgas dagegen seien etablierte Energieträger mit einer hohen Energiedichte.

Auch dass der Erdölpreis weiter in die Höhe schnellen wird und somit Wirtschaftsmächte in die Rezession stürzen könnte, bezweifelt Bilang: «Der Erdölpreis hat sich in den letzten Monaten stabil gezeigt. Aufgrund der grossen und breiten Versorgungslage gehen wir davon aus, dass er auf diesem Niveau bleiben dürfte.»

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