Nachwahlbefragungen: Bis zu 15 Prozent der Befragten schwindeln
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NachwahlbefragungenBis zu 15 Prozent der Befragten schwindeln

Die Resultate von Bürgerbefragungen nach Abstimmungen und Wahlen sind mit Vorsicht zu geniessen. Dies zeigt eine neue Studie.

Im Auftrag der Berner Agglomerationgsgemeinde ermittelte der Zürcher Politologiestudent Oliver Heer anhand der Ausweise während zweieinhalb Jahren die Beteiligung von 472 Stimmbürgerinnen und Stimmbürgern bei 15 kommunalen Abstimmungen und Wahlen sowie bei Gemeindeversammlungen.

Laut Heers Betreuer Adrian Vatter, Professor für Politologie in Bern, ist es erst die dritte Studie dieser Art in der Schweiz. Die 472 Personen entsprechen zehn Prozent der Bolliger Stimmbürger; die Auswahl ist repräsentativ.

Die anonym vorgenommene Auswertung hat ergeben, dass sich in Bolligen 15,4 Prozent der Stimmbürger nie an Wahlen und Abstimmungen beteiligen. Weitaus die meisten tun dies selten bis gelegentlich, ein Prozent immer.

Vermögen, Alter, Geschlecht und Anzahl Kinder beeinflussten die Teilnahme an Urnengängen und Gemeindeversammlungen in Bolligen nicht. Hingegen tun dies das Einkommen, die berufliche Stellung, die Dauer des Aufenthalts in der Gemeinde und der Zivilstand, wie Vertreter der Gemeinde, Heer und Vatter am Mittwoch in Bolligen vor den Medien sagten.

Bis zu 15 Prozent schwindeln

Dass sich häufiger an Abstimmungen und Wahlen beteiligt, wer eine gute berufliche Stellung und somit auch ein gutes Einkommen hat, überraschte weder die Vertreter der Gemeinde noch Heer und Vatter. Speziell ist für sie aber der Befund, dass ältere Leute nicht mehr abstimmen und wählen als jüngere. Das sei etwas, das anderen Untersuchungen widerspreche, hiess es am Mittwoch.

Laut Vatter ist dieser Befund ein Hinweis mehr auf das an sich bereits bekannte Phänomen, dass bei Telefonbefragungen Bürger die Befrager anschwindeln. Bis zu 15 Prozent der Leute sagten, sie hätten an Wahlen und Abstimmungen teilgenommen, obwohl es gar nicht stimme.

Der Fachbegriff dafür lautet «over-reporting» und die Erklärung dafür ist, dass die Leute nicht gerne zugeben, die «Bürgerpflicht» nicht erfüllt zu haben.

Landesweit bekannt für Umfragen nach Wahlen und Abstimmungen ist etwa das gfs-Institut in Bern. Das Phänomen, dass etwa in Vox- Analysen die tatsächliche Beteiligung tiefer als die bekundete Teilnahme ist, führe das Institut in erster Linie auf die Schwierigkeit zurück, Personen für ein 20-Minuten-Interview über die Abstimmungen zu gewinnen, die nicht teilgenommen haben.

Damit seien Teilnehmende automatisch übervertreten, sagt gfs- Sprecher Lukas Golder auf Anfrage.

Das gfs werde dem Umstand nachgehen, dass die Bolliger Studie keine Unterschiede beim Stimm- und Wahlverhalten bezüglich Alter hervorgebracht habe. Es sei zu hoffen, dass auch in anders strukturierten Gemeinden solche Studien durchgeführt würden. «Damit werden Hypothesen über die nationale Situation möglich und prüfbar».

Laut Vatter nicht auszuschliessen ist, dass Bolligen ein Sonderfall ist. Laut Gemeindepräsident Rudolf Burger leben dort überdurchschnittlich viele ältere Leute.

Legislaturziel Beteiligung erhöhen

Der Bolliger Gemeinderat gab die Studie in Auftrag, weil es zu den Legislaturzielen der Exekutive gehört, die traditionell hohe Stimm- und Wahlbeteiligung in Bolligen hoch zu halten respektive noch zu erhöhen. Laut Burger gehört Bolligen mit einer Beteiligung von meist rund 50 Prozent im Kanton Bern stets zu den Spitzenreitern.

Vatter empfiehlt nun der Gemeinde, bei den Neuzuzügern anzusetzen, um das Ziel zu erreichen. Allerdings zeigte die Studie, dass kein signifikanter Zusammenhang besteht zwischen Aufenthaltsdauer einer Person in der Gemeinde und Häufigkeit der Stimm- und Wahlabgabe bei Gemeindeversammlungen.

Burger will nun immer wieder die Stimm- und Wahlbeteiligung in Bolligen publizieren, so die Bevölkerung für diese Bolliger Besonderheit sensibilisieren und damit das Legislaturziel erreichen. Burger, selber ein Politologe, wertete es als «beruhigend», dass nur 15,4 Prozent nie abstimmen oder wählen. (sda)

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