Belinda Bencic: «Bis zum Grand-Slam-Sieg ist es ein langer Weg»
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Belinda Bencic«Bis zum Grand-Slam-Sieg ist es ein langer Weg»

Belinda Bencic gewann 2015 ihre ersten beiden Profi-Turniere. Die 18-Jährige im Exklusiv-Interview über Spielen mit Links, den Sieg über Serena und die Zukunft.

von
Adrian Hunziker

Belinda Bencic, die Saison ist vorüber. Was macht dann eine Tennisspielerin wie Sie?

Wieder vorbereiten, ich bin schon länger mitten in der Vorbereitung, habe viel Konditionstraining hinter mir und spiele auch wieder Tennis. Nach der Saison hatte ich ein wenig Ferien, aber nicht lange, bis ich wieder mit dem Training begann.

Den Fingerbruch vom Herbst haben Sie locker wieder auskuriert?

Jaja, das war keine grosse Sache. Ich habe in der Zwischenzeit auch mit links gespielt, was mir auch hilft für mein Spiel.

Wofür ist das Training mit links hilfreich?

Es ist dafür da, dass man das Timing nicht verliert und Zeit auf dem Platz verbringen kann. Es ist zudem nicht schlecht für meinen Ausgleich und für meine Rückhand.

Wie ist denn der Fingerbruch passiert?

Wir haben uns im Training einen Football zugeworfen und beim Fangen ist es dann passiert.

Sie haben erwähnt, dass Sie in den Ferien waren. Auf Twitter konnte man mitverfolgen, dass Sie auf den Malediven und in Dubai nicht alleine waren. Wie kam es dazu, dass Sie mit Ihrer Kollegin Kristina Kiki Mladenovic die Ferien verbrachten?

Wir sind beste Kolleginnen auf der Tour. Wir hatten eine super Zeit bei den Turnieren und beendeten fast gleichzeitig unsere Saison. Da fanden wir, wir gehen doch gemeinsam in die Ferien.

Haben Sie und Kiki in den Ferien nur entspannt oder auch trainiert?

Wir sind eigentlich fast jeden Tag auf den Platz und spielten Tennis. Ins Fitness gingen wir auch, wir lagen also nicht nur auf der faulen Haut.

Ist es typisch für einen Profi, in den Ferien nicht total abzuschalten und immer wieder den Schläger in die Hand zu nehmen?

Ja genau, wir brauchten das Training. Ich weiss nicht, wie es anderen Sportlern geht, aber wir konnten nicht ohne.

Mit Kiki verstehen Sie sich blendend. Wem gehen Sie auf der Tour aus dem Weg?

Eigentlich niemandem. Ich habe es ziemlich gut mit vielen Spielerinnen. Wir gehen freundschaftlich um miteinander in der Garderobe, aber mit Kiki habe ich es am besten.

Kommen wir auf die Saison 2015 zu sprechen. Wie war die in einem Wort zusammengefasst?

(überlegt etwas länger) Erfolgreich.

Weshalb lief es zu Beginn der Saison nicht so?

Ich spielte an den US Open 2014 ziemlich gut. Darauf setzten die Medien, die Öffentlichkeit, die Fans die Erwartungen etwas hoch an. Als ich zu Beginn einige Male in den ersten Runde verlor, wurde bereits von einer Krise gesprochen. Das wurde aber überdramatisiert. Ich wusste, was ich machen muss. Es gibt halt solche Phasen, in denen es nicht perfekt läuft. Ich begann in der Folge sehr gut zu trainieren, dann war es eine Frage der Zeit, bis die Resultate wieder stimmten. Auf Rasen fing es gut an und so bekam ich viel Selbstvertrauen und konnte den Schwung mitnehmen.

War das wiedergefundene Selbstvertrauen das Erfolgsrezept für eine hervorragende zweite Saisonhälfte?

Ja, es ist das Ziel aller Spieler, möglichst schnell Selbstvertrauen aufzubauen., das dauert aber seine Zeit. Und mit ein oder zwei schlechten Matches kann man es auch schnell wieder verlieren.

Wir war Ihre Gefühlslage nach dem ersten Turniersieg auf Profistufe in Eastbourne?

Ich war extrem erleichtert. Und unglaublich glücklich. Ich war sehr nervös, denn es ist schon sehr schwierig, den ersten Titel zu gewinnen, diesen Schritt zu machen.

Wie war Ihre Gefühlslage nach dem Sieg gegen Serena Williams in Toronto?

Fast noch besser. Es war ein ferner Traum, dies zu erreichen. Dass es mir gerade in Toronto gelang, war unglaublich.

Sie wurden für die Spielerin des Jahres nominiert, die sich am meisten gesteigert hat. Was bedeutet Ihnen diese Nomination?

Das ist schon cool, es wurden ja nur wenige Spielerinnen dafür nominiert. Ich bin glücklich über diese Nomination, sie ist aber nicht lebenswichtig für mich.

Auf der WTA-Tour haben die Spielerinnen die Möglichkeit, während des Spiels den Coach heranzubitten. Was reden Sie in diesen Momenten mit Ihrem Vater Ivan?

Meistens sind das taktische Dinge. Er beruhigt mich, sagt mir, was ich schlecht gemacht habe und in den nächsten Games besser machen muss, auf was ich mich konzentrieren muss. Es ist eine mentale und taktische Unterstützung.

Sie sprechen in diesen Pausen slowakisch zusammen. Weshalb nicht Schweizerdeutsch?

Weil wir zuhause slowakisch sprechen, meine Eltern stammen ja beide aus der Slowakei. Und ich finde es super, dass ich in der Kindheit noch eine zusätzliche Sprache lernen konnte.

Wenn Sie sich enervieren, fluchen oder motivieren, in welcher Sprache tun Sie das?

Hmm, beides, manchmal gibt es auch ein «Come on», das kann man nicht so steuern (lacht).

Tennisprofis sind für ihre Ticks bekannt. Welche Rituale haben Sie?

Auf dem Platz nicht so viele, ich verlange Bälle wieder, mit denen ich zuvor den Punkt gemacht habe. Das geht halt nicht immer. Zudem laufe ich immer gleich ein. Ich frühstücke dasselbe, ziehe mich immer auf dieselbe Weise an vor dem Spiel, wähle dieselben Ohrringe, Ketten oder die Frisur. Wenn es nicht läuft, wechsle ich diese wieder. Das sind so meine Rituale.

2014 haben Sie stark begonnen auf der WTA-Tour, 2015 die ersten beiden Turniere gewonnen. Was kommt 2016?

(lacht) Am besten wäre es, wenn ich die Erwartungen tief halte. Ich muss nun die gute Saison 2015 bestätigen. Ich habe im ersten halben Jahr nichts zu verteidigen, kann also reichlich Punkte sammeln und so im Ranking nach vorne kommen. Ich möchte mich aber nicht auf einen Platz im Ranking festlegen.

Was muss alles stimmen, dass es bereit 2016 für einen Grand-Slam-Titel reicht?

An das denke ich noch nicht, bis dahin ist es noch ein extrem langer Weg. Bei einem Grand-Slam-Turnier muss man sieben konstante Matches gegen Top-Spielerinnen gewinnen, schauen wir mal.

Mit den Fans haben Sie auch via Twitter Kontakt und sie dürfen Ihnen Fragen stellen. Was war bisher die dümmste Frage?

(lacht). Es gibt sehr viele dumme Fragen. Eine spezielle kommt mir aber nicht in den Sinn.

Und die Beste?

Das war nicht via Twitter, sondern in meiner ehemaligen Schule. Da haben die Kinder ganz interessante Fragen gestellt, besser als an vielen Pressekonferenzen. Beispielsweise fragte mich ein Kind, ob ich lieber in die Vergangenheit oder in die Zukunft reisen würde.

Welches war die beste Frage in diesem Interview?

(lacht) Natürlich diese letzte.

Treffen mit Belinda Bencic bei Caran d'Ache

Die Schweizer Tennisspielerin zeigt sich am Freitag, 27. November 2015 ihren Fans. Von 16.30 bis 18.30 Uhr präsentiert sich die 18-Jährige in der Caran d'Ache Boutique in Zürich zur Foto- und Signierstunde.

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