Aktualisiert 25.03.2016 22:51

Eis go zieh mit... Martin Candinas«Bis zur 4. Klasse sprach ich nur Romontsch»

Er kämpft für einen Vaterschaftsurlaub und gegen die Billag-Abschaffer. 20 Minuten traf Martin Candinas (CVP) auf ein Bier.

von
J. Büchi

Martin Candinas ist ein Verkäufer. Ob es um Sport geht («Kennen Sie das Skigebiet in Sedrun?») oder um Musik («Es gibt hervorragende Sänger aus dem romanischsprachigen Raum»), der 35-Jährige wirft alles in die Waagschale, was sein Kanton zu bieten hat. Wegen seines Einsatzes für die Bergregionen wurde er auch schon als «Subventionsjäger» betitelt.

Letztes Jahr gipfelte Candinas' Kampf für einen starken Service public in einer wochenlangen Medien-Schlacht um das neue Radio- und Fernsehgesetz (RTVG). «Das Telefon stand kaum mehr still», erinnert er sich bei einem Bier im Café Diagonal. Über Nacht wurde er damals zum wichtigsten Gegenspieler von Natalie Rickli, welche die Vorlage an allen Fronten bekämpfte. Über die SVP-Frau sagt er: «Aus Sicht der RTVG-Gegner hat sie einen tollen Job gemacht. Wenn ich ihr Arbeitgeber (ein privater Medienvermarkter, Anm. d. Red.) wäre, würde ich ihr glatt eine Lohnerhöhung geben.»

Dreifacher Familienvater

Sätze wie diese sind typisch für Candinas. Angriffe unter der Gürtellinie kennt man von ihm nicht. Vielmehr bodigt er seine Gegner mit einer entwaffnenden Gutmütigkeit und vergnügt vorgetragenen Argumenten. So etwa, als er von Bundesrat Alain Berset wissen wollte, warum ein HIV-Präventions-Manifest des Bundes zwar in kroatischer und tamilischer Sprache verfügbar war, nicht aber in unserer vierten Landessprache. «Dürfen die Rätoromanen davon ausgehen, dass sie abschliessend aufgeklärt sind und keine Kampagne benötigen?», fragte Candinas unschuldig. Berset liess sofort die Übersetzer antraben.

Mit seinen drei Kindern Laurin (5), Linus (3) und Lena (1) spricht Candinas ausschliesslich Rätoromanisch. Er selber denke und träume auf «Romontsch», sagt Candinas und lacht mit dem ganzen Körper, wie er es oft tut. Sehr weisse Zähne kommen zum Vorschein. Romontsch ist eines von fünf rätoromanischen Indiomen und wird in der Surselva gesprochen. Seine Mails beendet Candinas mit «cordials salids» (herzlichen Grüssen), auch wer seine Combox erreicht, wird in freundlichem Romanisch darüber informiert, dass er gerade nicht ans Telefon könne. Er habe erst in der vierten Klasse Deutsch gelernt, so Candinas. «Wir hatten Deutsch als Fach auf dem Stundenplan, am Anfang fand ich die Grammatik echt happig.» Fliessendes Bündnerdeutsch habe er erst in der Kantonsschule gesprochen.

Präsidium ausgeschlagen

Als junger Vater setzt sich Candinas im Parlament für einen zweiwöchigen Vaterschaftsurlaub ein. Während die Chancen zuerst intakt schienen, sprachen sich schliesslich die Kommissionen beider Räte dagegen aus. «Das ist schon enttäuschend, zumal ich den Vorstoss so wirtschaftsfreundlich wie möglich formuliert habe.» Bei durchschnittlich 1,5 Kindern hätte jeder Mann in seinem Berufsleben drei Wochen Ferien, rechnet er vor. «Heute gibts für eine Geburt gleich lang frei wie für einen Wohnungswechsel – einen Tag.»

Ihm persönlich sei es wichtig, genug Zeit mit Frau und Kindern zu haben, sagt Candinas, der als Verkaufsleiter bei einer grossen Krankenkasse arbeitet. Seine Freizeit verbringt er vorzugsweise in den Bündner Bergen. Die Familie war mit ein Grund dafür, warum er vor einigen Wochen die Kandidatur für das frei werdende CVP-Präsidium ausgeschlagen hat – zur Enttäuschung vieler Parteikollegen. «Manchmal muss ich aber auch sagen, gopf, es ist alles u huara schnell gegangen – äh, u huara müssen Sie dann nicht schreiben.»

Nachtbus als erster Erfolg

Tatsächlich verlief Candinas' Karriere steil: Mit 18 Jahren trat er der Jungen CVP bei, gründete eine Regionalsektion in der Surselva und kämpfte erfolgreich für einen Nachtbus, der die Jugendlichen an kalten Winterwochenenden vom Ausgang nach Hause bringt. Mit 25 wurde er Grossrat, mit 31 Nationalrat. Nach nur vier Jahren im Amt wurde er nicht nur bereits als Präsidentschaftsanwärter gehandelt – auch als möglicher Nachfolger von Doris Leuthard wurde er schon genannt.

Candinas winkt ab. Da gebe es andere Namen in der CVP. An die Zukunft seiner Partei, die schon so oft totgesagt wurde, glaubt er jedenfalls. Wieder spricht der Verkäufer aus ihm: «Wir müssen noch vermehrt lernen, das, was wir haben, einfacher und

verständlicher zu vermarkten.»

«Eis go zieh mit...»

Während den Parlamentssessionen trifft sich 20 Minuten jeweils mit Politikern verschiedener Parteien auf ein Bier. Oder auch auf ein Glas Wein, einen Kaffee oder einen Himbeersirup. Hauptsache, es entstehen spannende Gespräche, die auch einen Einblick in die Persönlichkeiten hinter der politischen Arbeit erlauben.

Fünf Fragen an Martin Candinas

Was hätten ihre Eltern gewollt, was Sie einmal werden?

Sie hätte mich nach der Matur gerne an der Uni gesehen, damit ich einmal einen rechten Job habe.

Ihr erster Job?

In den Schulferien arbeitete ich auf dem Bauernhof meines Onkels und/oder im Dachdeckergeschäft meines Vaters.

Ihr bester Entscheid?

Eine Familie zu gründen.

Das letzte Mal gespendet?

Ich spende fast monatlich für soziale, karitative und kulturelle Zwecke, so auch letzten Monat.

Wer macht bei Ihnen zuhause die Hausarbeit?

Ganz klar meine Frau. Sie managt den Haushalt hervorragend.

(jbu)

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