Aktualisiert 17.03.2009 08:20

Interview mit Roger Federer

«Bislang war heiraten nicht notwendig»

Sechs Wochen nach dem verlorenen Australian-Open-Final und zwei Tage nach der Ankündigung, im Sommer Vater zu werden, kehrte Roger Federer auf die ATP-Tour zurück.

Rolf Bichsel unterhielt sich in Indian Wells mit dem 27-jährigen Schweizer Tennis-Ass.

Herzliche Gratulation zum Baby, das unterwegs ist. Ich nehme an, Sie werden von Reaktionen überschwemmt.

Roger Federer: Merci vielmal. Die Resonanz ist natürlich riesig. Wir fühlen uns total glücklich. Alle Leute um uns rum sagen: 'Wow, was für grossartige Neuigkeiten!'. Aber den engsten Freunden hatten wir schon vorher von unserem Glück erzählt. Nun sind alle froh, dass die News offiziell 'draussen' sind, dass man endlich auch darüber reden darf.

Das Kind wird im Sommer erwartet. Sommer ist lange.

Ich weiss, dass Sommer ein weiter Begriff ist. Aber Mirka und ich haben abgesprochen, dass wir im Moment nicht mehr dazu sagen. Und wenn ich jetzt darüber rede, ob und wie das meine Turnierpläne ändern könnte, wäre der Termin draussen. Also lassen wir das beiseite.

Haben Sie sich schon Gedanken gemacht, wie das Kind Ihre Karriere beeinflussen wird?

Ich weiss es noch nicht. Aber seit ich die Nummer eins bin, träumte ich davon, wenn ich ein Kind kriege, dann hoffentlich früh genug, dass es mich noch spielen sieht. Genauer gesagt war es Mirka, die immer sagte, du spielst so toll, unser Kind muss dich unbedingt spielen sehen. Ein eigenes Kind war bei uns seit zwei, drei Jahren ein Thema. Nun freue ich mich riesig, dass es geklappt hat. Wir erleben sicherlich eine grossartige Zeit im Moment. Aber man sieht plötzlich vieles aus einer anderen Optik. Früher witzelte man über das Thema, jetzt hofft man nur noch, dass alles gut läuft.

Und der Einfluss auf Ihr Tennis?

Ich gehe nicht davon aus, dass sich wegen des Kindes meine Einstellung zum Tennis gross ändern wird. Schon jetzt ist es so, dass ich, wenn ich nicht an einem Turnier bin, völlig abschalten kann. Und wenn ich irgendwo spiele, hat Tennis oberste Priorität. Es ist eine Frage der Organisation. Wir werden das Ganze sicher genau durchgehen, aber grössere Probleme sollte es keine geben. In der Regel bin ich sehr gut organisiert - in den Hotels, beim Fliegen. Wir sind auch in der glücklichen Lage, dass wir uns finanziell alles leisten können, was gut für unser Kind ist.

Sie gehen also weiter davon aus, noch lange Tennis zu spielen.

Auf jeden Fall! Ich plane langfristig. Deshalb habe ich auch auf den Davis Cup verzichtet. Ich will noch sehr lange spielen. Und mit dem Kind wird die Motivation, so lange wie möglich zu spielen, eher noch grösser.

Thema Davis Cup. Nicht alle haben Ihre Absage verstanden.

Es ist mir klar, dass die Schweizer Fans, die eine Reise in die USA gebucht haben, enttäuscht waren. Auch habe ich gelesen, dass sich der eine oder andere geäussert hat. Aber ich habe mit offenen Karten gespielt. Ich habe im Herbst gesagt, dass ich spielen werde, weil die erste Davis-Cup-Runde gut in den Kalender zu passen schien. Dann kamen später im Herbst die Rückenprobleme hinzu. Ich musste nach dem Australian Open einen Entscheid fällen: Entweder weiter spielen und riskieren, die Rückenprobleme zu verschlimmern, oder eben die Pause. Auch habe ich nie gesagt, dass ich in diesem Jahr den Davis Cup gewinnen will.

Wie schnell konnten Sie das Australian Open abhaken?

Das war schnell abgehakt. Schon am nächsten Morgen war ich wieder voll motiviert, denn ich weiss, ich werde wieder die Chance kriegen, gegen ihn (Nadal) zu spielen. Und dann werde ich ihn hoffentlich schlagen. Nadal ist die grösste Herausforderung, die ich in meiner Karriere hatte. Diese Finals gegen ihn, vor allem jene über fünf Sätze, beinhalten einfach alles. Soll ich frustriert sein, weil ich verloren habe? Ich glaube, ich habe in Melbourne viereinhalb Sätze lang ausgezeichnet gespielt. Es ist für mich ermutigend, dass ich auch über fünf Sätze mit ihm mithielt, obwohl ich sehr schlecht aufschlug. Nur ganz wenige Ballwechsel gaben in Wimbledon und Melbourne leider gegen mich den Ausschlag.

Und jetzt ist Nadal an Ihnen vorbeigezogen. Kann er sogar den Grand Slam schaffen?

Unmöglich ist das nicht. Als Nächstes folgt Roland Garros, und dort war Rafa in den letzten Jahren nicht zu schlagen. Nach der Sandsaison strotzt Nadal jeweils vor Selbstvertrauen, dass er auch in Wimbledon ein heisser Anwärter ist. Und mit dem Sieg in Australien hat er bewiesen, dass er auch auf Hartplatz ein Grand-Slam-Turnier gewinnen kann. Ich denke, dass es möglich ist, den Grand Slam zu holen. Jetzt wieder eher als vor ein paar Jahren, weil die Spielbedingungen langsamer geworden sind. Auch ich war ja unglaublich nahe dran (am Grand Slam). Nadal kann es schaffen. Aber ich und ein paar andere werden alles daran setzen, dass es ihm nicht gelingt.

Sie scheiterten bislang stets in Paris - wie Becker, Edberg, Sampras, McEnroe ...

Aber ich weiss, dass ich keinen Sand-Komplex habe. Ich bin auf Sandplätzen aufgewachsen. Mein Problem ist nicht der Sand. Mein Problem auf Sand ist Rafael. Das ist ein grosser Unterschied. Wenn Nadal nicht wäre, würden wir über dieses Thema anders reden.

Auf dem Weg zu weiteren Rekorden ist Nadal der Störfaktor.

Ja, aber ich mag Rafa. Ich komme gut mit ihm aus. Er spielt im Moment das Tennis seines Lebens. Und alles begann damit, dass er mich am letzten French Open im Final so klar schlug (6:1, 6:3, 6:0). Seither scheint er vergessen zu haben, wie man verliert. Aber ich kann nicht sagen, ob er überhaupt noch besser spielen kann. Und ich war in Australien und Wimbledon ebenbürtig, obwohl er das Tennis seines Lebens spielte. Ich erachte das als gutes Zeichen.

Werden Sie und Mirka eigentlich noch heiraten, bevor das Baby zur Welt kommt?

Wer weiss ... Bis jetzt haben wir nicht geheiratet, weil immer alles zu stressig war. Bis jetzt war es aber auch nicht notwendig zu heiraten. Ich bin selber gespannt, wies weitergeht (lächelnd).

(si)

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