Respektlose Chefs: «Bist du faul oder einfach inkompetent?»
Aktualisiert

Respektlose Chefs«Bist du faul oder einfach inkompetent?»

Er beleidigt seine Mitarbeiter gern und oft: Amazon-Gründer Jeff Bezos. Ist dieser Führungsstil seinem Unternehmen dienlich?

von
Laura Frommberg
Amazon-Gründer Bezos: Von den Angestellten gefürchtet.

Amazon-Gründer Bezos: Von den Angestellten gefürchtet.

Überempfindlichkeit ist bei Amazon fehl am Platz. Zumindest, wenn man sich den Chef des Unternehmens ansieht. Der amerikanische Journalist Brad Stone hat ein Buch geschrieben, in dem er genau erklärt, wie Jeff Bezos den Internetriesen zu dem gemacht hat, was er heute ist: «The Everything Store» – der Laden, der alles verkauft. In diesem Buch kommen auch Mitarbeiter des Riesenkonzerns zu Wort.

Jeff Bezos ist demnach alles andere als ein angenehmer Zeitgenosse. Es herrsche eine «Gladiatoren-Kultur». Nur, wer immer nur auf sich selbst achte und Arbeitskollegen im richtigen Moment zur Seite schubse, habe Erfolg.

«Du verschwendest meine Lebenszeit»

Der Umgangston ist eher rau. Die Huffington Post hat einige der Beleidigungen zusammengetragen, die sich Bezos' Angestellte von ihrem Chef anhören mussten. «Bist du faul oder einfach inkompetent?», soll er einmal gefragt haben.

Offenbar fürchtet Bezos um seine psychische Gesundheit. «Sorry, habe ich heute Idioten-Pillen genommen?» – «Warum verschwendest du meine Lebenszeit?», soll er schon einmal verzweifelt gefragt haben. In einem Brainstorming schmetterte er offenbar eine Idee mit den Worten «Wenn ich diese Idee nochmals höre, muss ich mich umbringen» ab.

Bezos auf dem Holzweg?

Kann ein solches Verhalten vielleicht sogar förderlich sein? Immerhin hat Bezos ein Multimilliarden-Imperium aufgebaut. «Ich würde sagen, dass so etwas nur in ganz seltenen Fällen gut tut», sagt Urs Jörg. Er leitet an der Zürcher Hochschule für angewandte Wissenschaften den Bereich «Leadership und Management» und bildet Führungskräfte weiter. Zwar könne eine kompetitive Umgebung zu Höchstleistungen antreiben. «Doch die sind meist eher auf der persönlichen und nicht auf Unternehmensebene verortet.»

Und wer wie Bezos seine Angestellten beleidigt, sei definitiv auf dem Holzweg. «Natürlich gibt es Grenzen», so Jörg. Respekt und Wertschätzung seien zentral, damit Arbeitnehmer sich gut fühlen. Wenn diese grundsätzlich fehlen, könne das zu psychischen und physischen Problemen wie Burnout oder Krankheiten führen.

Angelsächsische Kultur importiert

Wie die Angestellten behandelt werden, ist durchaus auch eine Kulturfrage. In der Schweiz etwa werde deutlich mehr Wert auf Sicherheit und Stabilität gelegt, Verhalten wie das von Bezos sei eine Seltenheit. In Grossbritannien und den USA sei das Umfeld von Konkurrenzkampf und einer höheren Risikobereitschaft geprägt.

Vor allem in der Finanzbranche halte die angelsächsische Kultur auch hierzulande zunehmend Einzug, berichtet Jörg. Das merken die Angestellten – und mögen das gar nicht. Beim Internetportal Kununu können Mitarbeiter ihre Arbeitgeber in verschiedenen Bereichen bewerten und Kommentare abgeben. «Kollegialität, Zusammenhalt und -arbeit wurden zugunsten einer Misstrauenskultur und Ellbogenmentalität abgeschafft», beschwert sich ein UBS-Angestellter. «Bei den Vorgesetzten sind es vor allem die Ja-Sager, die die besten Karrierechancen haben», heisst es von einem Mitarbeiter der Credit Suisse. Mehrfach bemängelt man die angelsächsische Herangehensweise.

«Im Zweifel Job wechseln»

Kein Wunder, so Urs Jörg. Gerade die Grossbanken seien auch durch den Import von Führungskräften massiv geprägt. Bei Raiffeisen oder der ZKB sehe das ganz anders aus. Mitarbeitern, die unter harten Bedingungen leiden, rät er, die Umgangsweise nicht zu sehr an sich heranzulassen. Wenn man negative Energien aus dem Privatleben fernhalte, liessen sich die negativen Auswirkungen auf Psyche und Gesundheit eingrenzen. Und wenn man das nicht schaffe? «Dann hilft im Zweifel nur der Jobwechsel.»

Was für eine Kultur herrscht an Ihrem Arbeitsplatz? Berichten Sie uns in den Kommentaren davon.

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