«Ich dachte, das sei seriös»Bitcoin-Betrüger zocken mit Berset-Masche Schweizer ab
Aufgrund eines Fake-Artikels glaubte H. N., Alain Berset sei mit Bitcoin Millionär geworden – und stieg mit über 18’000 Franken ein. Das Geld ist weg – und damit kam er noch glimpflich weg.
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Darum gehts
Betrugsfälle, bei denen mit hohen Renditen durch Bitcoin-Investments geworben wird, häufen sich in der Schweiz.
Eines der Opfer ist H. N.* Er verlor über 18’000 Franken – und hatte Glück, dass es nicht noch mehr wurde.
Expertinnen und Experten geben Tipps, wie man sich bei Investments richtig verhält und wo Vorsicht geboten ist.
H. N.* dachte sich nichts dabei, als er am 21. September wie jeden Tag auf der 20-Minuten-App die Nachrichten las. «Irgendwie bin ich dann auf den Artikel gekommen, in dem Bundesrat Alain Berset erzählte, dass er mit Bitcoins in kurzer Zeit an extrem viel Geld gekommen sei», erzählt N. «Ich dachte mir: Wenn selbst Alain Berset das empfiehlt, muss es eine seriöse Sache sein. Der Artikel war auch fehlerfrei und sehr gut geschrieben.»
20 Minuten sperrt Fake-Werbung sofort
20 Minuten ist das Problem von Fake-Werbung bekannt. Die Masche ist nicht neu, so wurde bereits 2019 mit Roger Federer Werbung für Bitcoin-Fakes gemacht. Neben 20 Minuten waren und sind auch diverse weitere Medienportale von der Fake-Werbung betroffen. «Diese betrügerische, irreführende Werbung erscheint im gleichen Layout wie ein Artikel auf 20min.ch. Sie kommt, wie andere reguläre Werbung, über einen programmatischen, vollautomatisierten Kanal bei 20 Minuten rein», sagte der damalige Leiter Werbeverkauf von 20 Minuten, Marco Gasser. Auch heute noch gilt: «Entdecken wir eine solche Fake-Werbung auf der Webseite, sperren wir den Absender sofort.»
Ein Redaktor habe das System laut dem Artikel selber ausprobiert. «Anfangs hätten ihn seine Kollegen ausgelacht, doch als er mit seiner Investition von 250 Euro plötzlich sehr viel Geld verdiente, hätten ihn die Kollegen plötzlich beneidet, stand da», sagt N. Also ging er nach Hause und richtete sich gemäss der Anleitung im Artikel auf der angegebenen Website ein Konto ein.
«Schon kurz darauf rief mich eine sehr nette Dame an, um mir zu sagen, dass mein Broker sich gleich bei mir melden würde. Das tat er auch.» Der Mann habe sich als Jochen W. vorgestellt und N. von den Vorzügen einer Investition überzeugen wollen. «Ich bin sonst kein dummer Mensch, aber er schaffte es tatsächlich, mich zu einer Überweisung von 18’000 Euro zu überreden. Ich bin ihm auf den Leim gekrochen», ist sich N. im Nachhinein klar.
«Konnte die ganze Nacht nicht schlafen»
Direkt nach der Überweisung habe ihn ein extrem schlechtes Gefühl befallen. «Ich konnte die ganze Nacht nicht schlafen», sagt N. Rund eine Woche später folgte dann der Schock: «Ich erhielt eine E-Mail, dass mein Handelskonto um 75 Prozent gefallen sei und ich Gefahr liefe, die ganze Investition zu verlieren. Kurz darauf rief auch Jochen W. wieder an. «Er überzeugte mich, noch einmal 4500 Euro zu überweisen. Ich tat das, weil ich Angst hatte, die ganzen 18’000 zu verlieren.»
Eine Woche später wiederholte sich das Spiel: «Dieses Mal rief mich Jochens angeblicher Chef an. Er sagte, mein Konto drohe unter 50 Prozent zu fallen und ich würde alles verlieren. Er bot mir aber einen Ausweg: Wenn ich erneut 12’000 Euro überweise, könne er mir den gesamten Betrag, den ich eingezahlt hatte, zurückgeben und das Ganze wäre abgeschlossen. Also tat ich auch das», sagt N.
So erkennst du Betrüger
Generell rät das National Cyber Security Center (NCSC), im Internet vorsichtig zu sein und nicht alles zu glauben, was einem angeboten wird, insbesondere bei Angeboten, die grosse Gewinne in kurzer Zeit versprechen. Vorbeugend hält man sich am besten an Folgendes:
• Je grösser die versprochene Rendite ist, desto grösser ist in der Regel auch das Risiko.
• Lassen Sie sich von Verkäufern nie unter Druck setzen.
• Überprüfen Sie, ob der Finanzdienstleister von der Finanzmarktaufsicht (FINMA) bewilligt ist.
• Ist ein Finanzdienstleister nicht bewilligt, ist besondere Vorsicht geboten. Überprüfen Sie den Finanzdienstleister anhand von Erfahrungsberichten im Internet.
Bei Investmentbetrug gilt:
• Leisten Sie keine weiteren Zahlungen, auch nicht für angebliche Gebühren, die notwendig seien, um das Geld zurückzuholen.
• Seien Sie vorsichtig, wenn sich plötzlich Anwälte melden, die versprechen, das Geld zurückzuholen und dabei wiederum Gebühren verlangen.
• Erstatten Sie Anzeige bei den Strafverfolgungsbehörden.
«Ich schämte mich dafür»
Nachdem die Überweisung getätigt war, kam es am Telefon zum Streit, schliesslich hängte der vermeintliche Chef von Jochen W. das Telefon auf. «Ich war am Boden zerstört. Ich dachte mir: Wenn tatsächlich all das Geld weg ist, kann ich mir gleich die Kugel geben», sagt N. Mit Freunden habe er darüber nicht gesprochen. «Es war mir peinlich und ich schämte mich dafür.» Auch die Polizei informierte N. nicht: «Im Internet habe ich gelesen, dass das eh nichts bringt.»
Doch N. hat Glück: «Kurz darauf rief mich die Raiffeisenbank an und sagte, sie hätten verdächtige Zahlungen von meinem Konto aus entdeckt. So konnte ich wenigstens die letzte Zahlung von 12’000 Euro noch stoppen.» Als N. definitiv klar geworden sei, dass er Betrügern aufgesessen war, rief er erneut Jochen W.s Chef an: «Ich sagte ihm meine Meinung, beschimpfte ihn als Gauner.» Wenige Minuten später sei sein «Handelskonto» aufgelöst geworden. «Ich erhielt immerhin den Restbetrag von etwas über 4000 Franken noch zurück. Trotzdem hat mich die ganze Misere über 18’000 Franken gekostet», sagt N.
*Name der Redaktion bekannt
«Solange es Opfer gibt, werden die Betrüger weitermachen»
Giesla Kipfer ist Medienverantwortliche des NCSC. «Uns sind ähnliche Fälle bekannt», sagt sie. Das zeigt sich auch im Wochenbericht der NCSC: «Mit diesen erfundenen Erfolgsgeschichten wollen die Betrügerinnen und Betrüger das Vertrauen potenzieller Opfer erschleichen und missbrauchen, was leider immer wieder gelingt, wie auch der geschilderte Fall zeigt.» Weshalb im vorliegenden Fall N. am Ende Geld zurückerhalten habe, könne das NCSC nicht beurteilen: «In manchen Fällen wird aber auch Geld zurückbezahlt, um das Vertrauen der Opfer erneut zu wecken und sie so zu weiteren Investitionen zu bewegen.» Eine beliebte Masche sei zudem, dass sich nach dem Betrug ein angeblicher Anwalt oder eine angebliche Finanzaufsicht melde, die verspreche, das Geld zurückzuholen. «Dafür wird eine Gebühr verlangt. Das Opfer wird damit ein zweites Mal betrogen. Die Gelder werden natürlich nicht zurückgeholt.»
Die Chance, das Geld zurückzuerhalten, ist laut Kipfer sehr gering. «Einmal bezahlt, ist das Geld meistens weg. Die wohl einzige Chance würde in einer Strafanzeige bestehen. Ob bei einer Verhaftung der Täter das Geld aber noch verfügbar hat, ist fraglich.»
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