Aktualisiert 18.04.2014 17:25

«Die wollen Meriten ernten»Bizarrer Streit im syrischen Bürgerkrieg

Der Krieg in Syrien hat nichts an Brutalität eingebüsst. Auch an Absonderlichkeit nicht: Etwa dann, wenn Armee, Rebellen und Hisbollah-Kämpfer alle für denselben Anschlag verantwortlich sein wollen.

von
B. Mroue
AP

Die libanesischen Guerilla-Kämpfer beobachteten eine Villa im syrischen Kalamun und wussten genau, dass es syrische Rebellen sind, die dort ein- und ausgingen. Dann platzierten sie die Bombe und zündeten sie, als sie sicher waren, dass drei Sprengstoffexperten der Rebellen und vier Helfer im Haus waren. So berichtet die Hisbollah. Die Versionen der Rebellen und der syrischen Armee lauten ganz anders. Sicher ist nur eins: Von der Villa blieb nichts als ein Haufen Schutt übrig.

Kalamun liegt 20 Kilometer nördlich von Damaskus. Von hier sind es nur zwei Kilometer zur syrisch-libanesischen Grenze. Für libanesische Guerilla-Kämpfer ist es leicht, hier zu operieren. Sie unterstützen die syrischen Regierungstruppen des Präsidenten Baschar al-Assad. Ihre Erfahrung im blutigen Kampf gegen die Besatzung des Südlibanons durch Israel bis zum Jahr 2000 leistet ihnen wichtige Dienste. Sondieren, zuschlagen und abhauen, so lautet die Strategie der Hisbollah-Aktivisten.

«Die wollen die Meriten dafür ernten»

Die syrischen Rebellen haben eine andere Version von der Explosion in Kalamun: Ihre eigenen Bombenbastler hätten sich versehentlich selbst getötet, als sie an einem Sprengsatz arbeiteten. Einer der Rebellen, der sich am Telefon «Amer aus Kalamun» nennt, sagt: «Wenn die Hisbollah oder die syrischen Streitkräfte dafür verantwortlich wären, würden wir das sagen.» In den staatlichen syrischen Medien wird angegeben, dass es Regierungstruppen waren, die die Villa sprengten. «Die wollen die Meriten dafür ernten», sagt Amer.

Wer auch immer die Villa gesprengt haben mag – fest steht, dass der Bürgerkrieg in Syrien immer unübersichtlicher wird. Die Anschläge der Guerilla-erprobten Hisbollah-Milizen sind hoch effektiv, so schätzt es der Terrorexperte Charles Lister vom Brookings Doha Center in Katar ein: «Hisbollah weiss, dass sie selbst nur eine kleine Menge an Kämpfern haben», sagt Lister, der gerade an einem Buch über den syrischen Bürgerkrieg schreibt. Die Hisbollah könne dem Gegner mit geringen Mitteln schweren Schaden zufügen, sagt er, und Gegner seien die syrischen Widerstandskämpfer.

Das Schlüsselerlebnis der Hisbollah

Im vergangenen Juni gab es an der syrisch-libanesischen Grenze ein Schlüsselerlebnis, das die Hisbollah endgültig zur Bürgerkriegspartei machte: Nahe der Grenzstadt Kusair an der Strasse zwischen der syrischen Rebellenhochburg Homs und der libanesischen Bekaa-Ebene gerieten vier Top-Hisbollah-Kämpfer in einen Hinterhalt der syrischen Rebellen und wurden getötet. Zuvor war den Hisbolla-Kriegern von den syrischen Streitkräften gesagt worden, die Gegend sei sicher.

Seit diesem Vorfall geht die Hisbollah so vor, wie sie es auch früher schon immer getan hat: Sie verlässt sich auf keine Sicherheitszusagen, schickt eigene Kundschafter und schlägt dann schnell und präzise zu. Für die Kommentatoren der libanesischen Tageszeitung «Al-Akhbar» passt diese Taktik zum Anschlag von Kalamun. Sie beschreibt in ihren Berichten aber noch eine vierte Variante: Es sei die Hisbollah mit Unterstützung der syrischen Streitkräfte gewesen, die die Villa in Kalamun gesprengt habe.

Festnetztelefonleitungen in Syrien verlegt

Der Hisbollah-eigene Fernsehsender «Al-Manar», der Schwarz-Weiss-Bilder der Villa vor und nach dem Anschlag veröffentlichte, will wissen, dass die drei getöteten Sprengstoffexperten der Rebellen die Bomben für Selbstmordanschläge im Libanon gebaut haben. Das wäre eine Erklärung für die Beteiligung der Hisbollah an dem Angriff auf die Villa. Denn wenn es der Hisbollah gelänge, derartige Selbstmordattentate einzudämmen, könnte sie im Libanon ihren Einfluss mehren.

Sprecher der Hisbollah geben zu, dass sie im syrischen Bürgerkrieg eine Rolle spielen. Einer berichtet davon, dass sie sogar schon in Syrien dort Festnetztelefonleitungen verlegt haben, wo die Hisbollah aktiv ist. Sie wollen sich nicht auf die Kommunikation mit Mobiltelefonen verlassen, die zu leicht abgehört werden könnten.

Dass die schiitisch geprägte Hisbollah das Regime von Präsident Assad unterstützt, ist kein Geheimnis. Assad gehört einer Minderheit der Schiiten an, während der grössere Teil der Syrer und auch die meisten Rebellen den Sunniten angehören.

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