Strommangellage – Bau von neuen Mini-AKW in der Schweiz soll Blackout verhindern
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Strommangellage Bau von neuen Mini-AKW in der Schweiz soll Blackout verhindern

Der Bund warnt vor Stromknappheit. In der Politik wird jetzt nicht nur der Bau von Gaskraftwerken diskutiert, auch neue «Mini-AKW» sollen ein Blackout abwenden.

von
Pascal Michel
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In Frankreich setzt Präsident Emmanuel Macron bereits auf «Mini-AKW». Diese sogenannten Small Modular Reactors versprechen tiefe Kosten durch einfache Bauweise sowie weniger Risiken als grosse Reaktoren.

In Frankreich setzt Präsident Emmanuel Macron bereits auf «Mini-AKW». Diese sogenannten Small Modular Reactors versprechen tiefe Kosten durch einfache Bauweise sowie weniger Risiken als grosse Reaktoren.

20min/Matthias Spicher
Mini-AKW wie in Frankreich sieht FDP-Nationalrat Peter Schilliger auch für die Schweiz als Lösung. Zuerst könnten Gaskraftwerke die Stromlücke schliessen, sagt er. Längerfristig, in 15 bis 20 Jahren, brauche es aber andere Lösungen. 

Mini-AKW wie in Frankreich sieht FDP-Nationalrat Peter Schilliger auch für die Schweiz als Lösung. Zuerst könnten Gaskraftwerke die Stromlücke schliessen, sagt er. Längerfristig, in 15 bis 20 Jahren, brauche es aber andere Lösungen.

Natalie Boo
47 Stunden ohne Strom: Davor warnt eine Studie des Bundes.

47 Stunden ohne Strom: Davor warnt eine Studie des Bundes.

Getty Images/iStockphoto

Darum gehts

  • Im Winter droht eine Stromlücke.

  • Kurzfristig müssen wohl Gaskraftwerke den Bedarf decken.

  • Ein FDP-Nationalrat lanciert deshalb die Idee von «Mini-AKW».

47 Stunden dunkel. Im Extremfall gar 500 Stunden gar kein Strom: Davor warnt eine Studie im Auftrag des Bundesamts für Energie. Solche Blackouts im Winterhalbjahr drohen im Extremfall, wenn verschiedene Faktoren zusammenwirken: Etwa wenn wegen schlechten Wetters Solaranlagen zu wenig Strom liefern und gleichzeitig aufgrund des fehlenden Stromabkommens die Schweiz nicht aus den Nachbarländern Strom importieren kann. Aufgrund der düsteren Prognose ist nun der Bau von 2000 Gaskraftwerken wieder eine Option.

Für Peter Hettich, Professor für Öffentliches Wirtschaftsrecht an der Universität St. Gallen, kommt dies nicht überraschend. Bereits vor Jahren sei bekannt gewesen, dass es Gaskraftwerke brauche, um die Lücken im Winter zu überbrücken. «Die erneuerbaren Energiequellen wie Solaranlagen sind stark vom Wetter abhängig – das wurde offenbar unterschätzt», sagt er zu 20 Minuten. Hinzu komme jetzt die Unsicherheit beim Stromabkommen mit der EU.

Auch EU an Abkommen interessiert

Dort geht Hettich jedoch davon aus, dass auch die EU an einer technischen Lösung, die ohne das gescheiterte Rahmenabkommen funktionieren würde, interessiert sein müsste. «Wenn in der Schweiz die Lichter ausgehen, wären auch Süditalien oder Norddeutschland betroffen – das können weder die EU noch unsere Nachbarländer wollen», so Hettich. Mit einem solchen technischen Abkommen hätte die Schweiz zwar weiterhin keinen Zugang zur Strommarkt-Plattform, dafür gäbe es aber minimale Absprachen und einen Austausch von Informationen, damit der Import und Export nicht behindert würde.

Allein damit wäre ein drohendes Blackout aber noch nicht abgewendet. Als langfristige Lösung plädiert Hettich deshalb für den Bau neuer Atomkraftwerke. Diesen Weg beschreitet bereits Polen. Und auch Grossbritannien setzt auf AKW, um den CO2-Ausstoss bis 2050 auf Null zu bringen. «Die Versorgungssicherheit muss oberste Priorität haben», sagt Hettich. Zudem sei es aus Sicherheitsgründen besser, jetzt Kernkraftwerke der neuesten Generation zu planen, als die bestehenden noch Jahrzehnte weiter laufen zu lassen. Gaskraftwerke seien zudem aus Sicht des Klimaschutzes «nicht sehr prickelnd».

Macron plant mit «Mini-AKW»

In Frankreich setzt Präsident Emmanuel Macron bereits auf «Mini-AKW». Diese sogenannten Small Modular Reactors versprechen tiefe Kosten durch einfache Bauweise sowie weniger Risiken als grosse Reaktoren. Macron begründet die Investitionen in die neuen Nuklear-Technologien damit, dass Europa ansonsten niemals genügend saubere Energie für die Elektrifizierung des Verkehrs haben werde.

Mini-AKW wie in Frankreich sieht FDP-Nationalrat Peter Schilliger auch für die Schweiz als Lösung. Zuerst könnten Gaskraftwerke die Stromlücke schliessen, sagt er. Längerfristig, in 15 bis 20 Jahren, brauche es aber andere Lösungen.

Er erklärt, die Technologie der Mini-AKW habe jüngst «gewaltige Sprünge» gemacht. «Diese sind nicht mit einem Kraftwerk wie dem AKW Leibstadt vergleichbar. Die Risiken – etwa das einer Kernschmelze – sind praktisch nicht mehr vorhanden», so Schilliger. Wichtig sei, dass die Schweiz neuartige Reaktor-Technologien mit hoher Priorität erforsche. «So können wir loslegen, sobald diese Klein-Reaktoren erprobt sind.» Schilliger glaubt, dass die neuen AKW bei richtiger Kommunikation bei einer Volksabstimmung eine Mehrheit finden würden.

SVP-Aeschi will AKW-Laufzeit verlängern

Noch nicht unmittelbar ein Thema sind neue AKW bei SVP-Nationalrat Thomas Aeschi. Klar ist hingegen für ihn, wer für die drohende Strommangellage verantwortlich ist: die ehemalige Umweltministerin Doris Leuthard (Die Mitte) sowie die Zuwanderung. «Es rächt sich, dass wir rasch aus der Nuklearenergie ausgestiegen und sofort alle möglichen Bereiche elektrifiziert haben», so Aeschi. Es brauche jetzt eine Analyse, wie die Schweiz ein Blackout abwenden könne.

Eine Lösung mit der EU sei dabei nicht zwingend. «Es ist eine Illusion, dass uns das Stromabkommen mit der EU mehr Strom bringt. Niemand wäre verpflichtet, in die Schweiz zu liefern», sagt Aeschi. Er schlägt stattdessen vor: Die Laufzeit der bestehenden AKW verlängern, zwei bis fünf grosse Gaskombikraftwerke oder bis zu 2000 kleinere dezentrale Gaskraftwerke, wie dies bereits die Branche selbst vorgeschlagen hatte, zu bauen.

«Mini-AKW sind Science Fiction»

Kein Verständnis für Gaskraftwerke hat Felix Nipkow von der Schweizerischen Energiestiftung. «Im Kampf gegen die Klimakrise sind sie keine Lösung.» Dasselbe mit neuartigen AKW: «Das ist Science Fiction. Wir haben bereits 2025 ein Problem, da bringen uns diese Fantasien nicht weiter.»

So düster wie die Expertinnen und Experten des Bundes beurteilt Nipkow die Lage aber nicht. «Die Schweizer Wasserkraft allein kann die Schweiz über zwei Wochen versorgen. Dazu braucht es ein gutes Management der Reserven, welches der Bundesrat derzeit aufgleist», so Nipkow. Trotzdem müsse man vorsorgen. «Wir müssen bei der Solarenergie rasch zubauen. Es braucht einen Solarschub, um die Klimaziele sowie die Versorgungssicherheit zu erreichen.»

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