Aktualisiert 31.10.2011 17:20

SOS aus dem BunkerBlair-Witch am Albula - das Rätsel ist gelöst

Ein ominöser YouTube-Clip wird zum Startschuss für ein journalistisches Experiment: Wie gut sind Leser bei der Recherche? Ergebnisse einer kollektiven Spurensuche.

von
Olaf Kunz

In den vergangenen Tagen tauchte auf YouTube ein merkwürdiges Video aus der Schweiz auf. Es zeigt einen Wandersmann am Albula-Pass, der vor einem bösen Unwetter Unterschlupf in einem stillgelegten Bunker findet, dort aber schliesslich gefangen wird. Seine bisher unternommenen Rettungsversuche bleiben erfolglos. Wie geht die Geschichte weiter? Das Ende des Abenteuers bleibt für die Zuschauer offen. Ebenso die Frage, wer der Urheber des Videos ist und was damit bezweckt wird. Nach einer kurzen Anfangsrecherche, die nur bescheidene Ergebnisse zutage fördert, wird der Fall für 20 Minuten Online kurzerhand zu einem Crowd-Sourcing-Projekt. Bei solchen geht es darum, dass sich Leser aktiv an der journalistischen Arbeit beteiligen. Das Ergebnis des Experiments – das im Übrigen nicht als solches deklariert war - überrascht in mehrfacher Hinsicht.

So wurde das Rätsel – zumindest teilweise – innerhalb kürzester Zeit gelöst. Zum anderen zeigte sich, dass die 20-Minuten-Online-Leser kritisch sind und sich nicht mit einfachen Erklärungen abspeisen lassen. Und nicht zuletzt stellte sich heraus, dass Crowd-Sourcing auch eine grosse Schwachstelle hat. Doch der Reihe nach.

«Lost in Val Sinestra Reloaded»

Bevor es an die konkrete Detektiv-Arbeit ging, stutzten einige Teilnehmer ob der Tatsache, dass über ein solches Video überhaupt berichtet wird: «Das Video hat gerade mal 73 Aufrufe und schon bringt 20Minuten Online einen Artikel darüber? Verdächtig....», eröffnet Andy W. den Rätselreigen. Schnell aber drehte die Diskussion.

Es wurde darüber orakelt, was hinter dem Video steckt. Die Spekulationen überschlugen sich: Von einem neuen PC-Spiel über einen neuen Kinostreifen «Lost in Val Sinestra II» bis hin zu einem internationalen Werbefilm für den Schweizer Finanzplatz wurden dutzende von Erklärungen ins Feld geführt und von anderen Kommentatoren wieder ins Reich der Phantasie verwiesen. Oder wie Leser Hans analysiert: «Der Trailer stellt nur eine Projektionsfläche dar. Er ist in alle möglichen Richtungen interpretierbar, ähnlich dem thematischen Apperzeptionstest.»

«Im Dorf wurde darüber gesprochen»

Bei der Recherche stossen einzelne Besucher auf die Internetseite sos-albula.ch. Mittels einer Who-is-Abfrage findet Martin Bedacht heraus, dass der Besitzer der Internetadresse das Unternehmen SMLY ist. «Scheint eine Werbeagentur zu sein, welche auch schon für Schweiz-Tourismus gearbeitet hat», so sein Kommentar. User «Eray» ruft parallel dazu den Quellcode der Albula-SOS-Seite auf, die zu diesem Zeitpunkt noch frei zugänglich ist. Dabei stösst er auf eine weitere Spur: Ein Twitterlink zur Post.

Doch Zweifel kommen auf: «Nur weil die Page einen Twitterlink zur Post hat, heisst das nicht, dass die Post dahintersteckt. Die könnte für diesen Link bezahlen. Wir wissen genau gleich viel wie vorher!», so Leser Postniet. Dennoch: Die Mehrheit der Leser ist sich nach diesen Informations-Häppchen sicher, dass es sich um eine Kampagne handelt. Der Verdacht wird durch Leser Swissgr noch erhärtet: «Ich wohne am Albulapass und über die Dreharbeiten wurde im Dorf gesprochen. Mehrere Leute haben erzählt, dass die Produktion ein Auftrag der Post ist.» Und ein User mit dem Nickname «Pöstler» trumpft mit angeblichem Insider-Wissen auf: «Es ist definitiv die Post. Der Kurzfilm ist offenbar Teil eines Wettbewerbs: Wer dem Gefangenen erfolgreich dabei helfen kann, den richtigen Code zu finden, gewinnt einen Preis.»

Leserschwarm als Sherlock-Holmes

Im Verlaufe der vergangenen vier Tage wurden so viele Puzzleteile im Fall richtig zusammen gesetzt. Medienwissenschaftler sprechen in diesem Zusammenhang von der sogenannten Schwarmintelligenz. Diese kollektive Intelligenz ist immer dann hilfreich, wenn die journalistische Recherche stockt, weil spezielles Expertenwissen gefragt ist, aber zu diesem Zeitpunkt nicht direkt verfügbar ist. Dies trifft auch auf das vermeintliche Blair-Witch-Video-Projekt am Albula-Pass zu.

Dennoch hat die kollektive Recherchearbeit auch ihre Grenzen. Das zeigt schon die an die Story angehängte Umfrage zum Fall: 9 Prozent der 1338 Teilnehmer vermuten hinter dem Clip die Swisscom. 12 Prozent Schweiz Tourismus, 17 Prozent die Post und 13 Prozent ein anderes Unternehmen. 21 Prozent glauben, es sei ein Trailer für einen Kinofilm und 22 Prozent an etwas ganz anderes. Es bedarf zwangsläufig einer weiteren Recherche seitens der Redaktion, um hier Licht ins Dunkel des Bunkers zu bringen.

«Der Eingang des Bunkers ist tatsächlich so wie im Film

Auf Anfrage von 20 Minuten Online bestätigt die Post, dass sie tatsächlich hinter dem Clip steckt: «Es handelt sich um eine gross angelegte Social-Media-Kampagne», so Roland Schwarz, Projektleiter Marketing-Kommunikation. «Die Aktion SOS-Albula wird ab dem 1. November auf sehr vielen Schweizer Medien laufen und ist sehr aufwändig.» Zahlen will Schwarz keine nennen. Dafür aber räumt er ein, dass auch die zweite Vermutung der kollektiven Spürnase richtig ist: «Es handelt sich um ein Gewinnspiel. Dabei geht es darum, Walter (der Protagonist im Video, Anm. d. Redaktion) aus der Kommandozentrale im Bunker zu befreien.»

Ärgert es ihn, dass die 20-Minuten-Online-Leser der Post so schnell auf die Schliche gekommen sind? «Ärgern nicht, nein. Aber es hat mich schon überrascht, dass einige User so clever waren. Alles haben sie ja trotzdem noch nicht rausgefunden. Die Kampagne wartet noch mit ein paar schönen Überraschungen auf», gibt sich Schwarz zuversichtlich.

Erstaunt hat ihn die Detailkenntnis einiger Leser. So wusste «Giorgio», dass die «Festungswerke am Albula leer geräumt sind». «Das ist absolut richtig. Der leere Bunker gehört zu einem Museum. Wir haben die gesamte Kommandozentrale nachgebaut und von dem Museum viele Requisiten erhalten, um das Ganze für den dreitägigen Dreh möglichst originalgetreu nachzustellen», offenbart er. Keinerlei Veränderungen hingegen wurden am Eingang vorgenommen. «Der ist tatsächlich so, wie in dem Clip gezeigt.» Der Darsteller im Film ist übrigens Napoleon Ryan, ein Schauspieler aus England, der in den USA lebt. Immerhin hat das die Schwarmintelligenz nicht herausgefunden. Der Clip unten zeigt, wie Ryan als Walter den dritten Tag im Bunker zubringt.

Was wusste die Redaktion?

Als die Story mit dem Video am 27. Oktober ins Netz gestellt wurde, war dem Autor bekannt, dass es sich bei dem Youtube-Filmchen um eine Kampagne handelt. Durch die Macher des Films war er soweit eingeweiht. Auch über den Startzeitpunkt der Post-Kampagne. Indes wusste der Schreiber zu diesem Zeitpunkt noch nicht, wie der gesamte Plot aussehen würde. Auch war ihm nicht bekannt, dass es eine spezielle Internetseite zum Wettbewerb gab. Durch eine Vorrecherche und diverse Anfrage konnten einige Unternehmen ausgeschlossen werden. Diese Infos wurden auch allen Lesern zugänglich gemacht.

Um das gesamte Experiment transparenter zu machen, haben wir unten nochmals die Kommentare der ersten Story («Blair-Witch-Projekt am Albula-Pass») angehängt. (oku)

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