Blanke Nerven im Todespfleger-Prozess
Aktualisiert

Blanke Nerven im Todespfleger-Prozess

Der Richter nennt den Staatsanwalt «oberlehrerhaft», der Nebenklägeranwalt wirft der Kammer vor, gegen ihre eigenen Beschlüsse zu verstossen, und Strafverteidiger Jürgen Fischer ärgert sich über die langen Mittagspausen des Gerichts.

Am zweiten Verhandlungstag verfolgen die Angehörigen der Opfer das Schauspiel mit Kopfschütteln. Nur der Angeklagte Stephan L. beobachtet das Geschehen ruhig, auch wenn ihm die Reibereien sichtbar unangenehm zu sein scheinen.

Der Grund für die Gereiztheit der Beteiligten ist ein Antrag, den Rechtsanwalt Fischer bereits zu Prozessbeginn gestellt hat. Sein erklärtes Ziel ist es, dass sein Mandant lediglich wegen Totschlag verurteilt wird. Er fordert, dass alle früheren Aussagen des Krankenpflegers nicht in dem Prozess verwendet werden dürfen.

Stephan L. sei von den Polizisten bei seiner Festnahme nicht korrekt über seine Rechte aufgeklärt worden, sagte der Verteidiger. Man habe ihm vorgetäuscht, dass gegen ihn nur wegen Medikamentendiebstahls und nicht wegen Tötungsdelikten ermittelt werde. Ausserdem habe man ihn psychisch unter Druck gesetzt, indem die Staatsanwaltschaft dem Pfleger nahegelegt habe, wenn er alles gestehe, müssten die Leichen der Patienten nicht exhumiert werden, und den Hinterbliebenen bliebe zusätzliches Leid erspart.

«Exhumierungen zu verhindern, wurde ein zentrales Motiv für meine Geständnisse», hatte auch der 27-jährige Angeklagte zu Prozessbeginn in seiner von seinen Anwälten vorformulierten Erklärung betont. «Ich bin aber auch sicher, dass ich in einigen Fällen voreilig war und eine Tötung eingestanden habe, die ich in Wahrheit nicht begangen hatte», fügte der Stephan L. hinzu. Die Zahl der Tötungen liess er «auf Anraten meiner Verteidiger» bewusst offen.

Zwei Drittel der angeklagten Fälle mit Geständnis belegt

Das Problem für die Staatsanwaltschaft: Zwei Drittel der angeklagten Fälle beruhen hauptsächlich auf den Geständnissen des Pflegers. In 14 Fällen konnte die Münchner Rechtsmedizin das tödliche Medikament Esmeron bei den Leichen der Patienten nachweisen. Das andere tödliche Muskelrelaxans, das vermutlich verwendet wurde - Lysthenon - lässt sich mit heutiger Technik nach Angaben der Rechtsmediziner überhaupt nicht nachweisen. Die Ermittler haben als Indizien nur die zahlreichen von Stephan L. gestohlenen Ampullen der verschiedenen Medikamente.

Neben den 14 Esmeron-Fällen konnten die Toxikolgen zumindest in vier weiteren Fällen Spuren von Narkosemitteln nachweisen, die den Patienten nicht verschrieben worden waren, aber allein nicht tödlich sind. Dagegen wurden sechs der in der Anklage aufgeführten 29 Opfer nach ihrem Tod eingeäschert - ein rechtsmedizinischer Beweis war für die Ermittler somit unmöglich.

Eine der eingeäscherten Leichen ist ausgerechnet die desjenigen Patienten, den Stephan L. auf der Kliniktoilette getötet haben soll, nachdem er dessen stark verunreinigtes Bett sauber machen musste - für die Staatsanwaltschaft ein klarer Fall von Mord. Allerdings wertet die Staatsanwaltschaft auch drei der 14 Fälle, in denen Esmeron nachgewiesen wurde, als Mord und nicht nur als Totschlag aus Mitleid.

Darunter fällt die Tötung der Spanierin Pilar del R.; die Spanierin war das letzte Opfer der Tötungsserie. Die 73-Jährige sollte nach einem plötzlichen Atemnotsanfall wenige Tage zuvor, in Kürze entlassen werden. Stephan L. soll ihr am 10. Juli 2004 zuerst das Narkoseberuhigungsmittel Diazepam und dann das tödliche Esmeron gespritzt haben, das die Muskeln einschliesslich des Zwerchfells für die Atmung lähmt.

Staatsanwaltschaft und Nebenklage baten am Mittwoch um mehr Zeit für ihre Stellungnahme zu dem Antrag von Verteidiger Fischer. Bevor die Polizeibeamten zu den Geständnissen vernommen werden können, muss das Gericht seine Entscheidung bekannt geben. Den Termin liess Richter Harry Rechner offen. Der Prozess geht nächsten Dienstag weiter. (dapd)

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