Ex-Funktionär Tognoni: «Blatter weiss, dass nicht alles koscher ist»
Aktualisiert

Ex-Funktionär Tognoni«Blatter weiss, dass nicht alles koscher ist»

Der ehemalige Fifa-Funktionär Guido Tognoni ist ein Fifa-Kritiker. Im Interview erklärt er, warum der gestrige Tag bei ihm dennoch keine Schadenfreude aufkommen lässt.

von
T. Bircher
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Jack Warner, ehemaliger Fifa-Vizepräsident, stand schon mehrmals unter Korruptionsverdacht.

Jack Warner, ehemaliger Fifa-Vizepräsident, stand schon mehrmals unter Korruptionsverdacht.

epa/Gary i Rothstein
Jeffrey Webb, Funktionär von den Cayman Islands und Präsident der Concacaf, sowie sein Attaché Costas Takkas wurden ebenfalls verhaftet.

Jeffrey Webb, Funktionär von den Cayman Islands und Präsident der Concacaf, sowie sein Attaché Costas Takkas wurden ebenfalls verhaftet.

epa/Szilard Koszticsak
Uruguays Funktionär und Fifa-Vizepräsident Eugenio Figueredo wurde auch aus dem Baur au Lac abgeführt.

Uruguays Funktionär und Fifa-Vizepräsident Eugenio Figueredo wurde auch aus dem Baur au Lac abgeführt.

epa/Andres Cristaldo

Sie haben lange an Sepp Blatters Seite gestanden. Wurden jedoch zwei Mal von ihm entlassen und äussern sich seither sehr kritisch gegenüber der Fifa und deren Führung. Empfinden Sie eine Art Befriedigung?

Schadenfreude ist kein Thema. Genugtuung habe ich durch die Bestätigung, dass die bisherigen kritischen Analysen über die Zustände in der Fifa richtig waren.

Die Fifa gibt sich als Opfer und behauptet, sie habe davon nichts gewusst. «Es ist die Fifa, die am Schluss darunter leiden wird», sagte Walter de Gregorio, Kommunikationsdirektor der Fifa, am Mittwoch. Sie sehe sich denn auch nicht als Beschuldigte, sondern als Geschädigte. Ist dies glaubwürdig?

Natürlich leidet die Fifa, aber ihr Ruf ist schon lange kaputt. Selbstmitleid ist fehl am Platz, denn an den Fehlentwicklungen haben die Entscheidungsträger während Jahrzehnten hart und offenbar erfolgreich gearbeitet.

Mussten die Verhafteten als Bauernopfer herhalten, damit die Fifa als sauberer Musterknabe dasteht, der auf Transparenz setzt und Blatter wieder gewählt wird?

Nein, das ist nicht so. Die Trennung zwischen den Angeschuldigten und der Fifa kann man nicht mit dem Lineal ziehen. Aber aufgrund des aktuellen Stands des Wissens sind viele, wenn nicht alle der von der amerikanischen Justiz vorgeworfenen Delikte nicht als Amtsträger der Fifa, sondern in den einheimischen Bereichen des Fussballs begangen worden.

Was wissen Sie über die Verhafteten?

Einige gehören gewissermassen zur «neuen Generation» der Fifa-Funktionäre, und sie mussten offenbar erfahren, dass das Geschäft in der Zwischenzeit härter geworden ist.

Wusste Blatter von den Bestechungen dieser konkreten sieben Funktionäre?

Blatter weiss bestens, dass nicht alles koscher ist, was im Fussball geschieht, aber dass er über die angesagten Machenschaften im Bilde war, glaube ich nicht.

Wieso wurde Blatter nicht festgenommen?

Er ist offensichtlich nicht in die Sache verwickelt.

Sie sagten kürzlich in der SRF-Sendung «Schawinski», Blatter habe über alle seine Leute Dossiers angelegt und wisse genau, wer sich von wem bestechen lasse – so könne er seine Mitarbeiter rechtzeitig entlassen. Was ist diesmal schiefgelaufen?

Es ist mir nicht bewusst, dass ich so etwas gesagt habe. Aber Sepp Blatter hat ein sehr gutes Gedächtnis und profitiert von vielen Zuträgern. Wir müssen festhalten: Es sind keine Mitarbeiter der Fifa verhaftet worden, sondern gewählte Funktionäre, die in ihren Verbänden und Konföderationen eine Rolle spielen.

Jeffrey Webb ist eine Art Ziehsohn von Blatter. Wie hart trifft seine Verhaftung den Präsidenten?

Blatter ist nicht sentimental, und seine Ziehsöhne sind es ohnehin nur temporär. Ich denke, sein Leidensdruck ist nicht riesig.

Wie sehen Sie die Chancen von Blatter für eine Wiederwahl nach diesem Skandal?

Nach wie vor 100 Prozent.

Wieso hat niemand eine Chance gegen Blatter?

Es ist praktisch unmöglich, einen amtierenden Präsidenten aus dem Amt zu heben. Ein Präsident der Fifa ist vier Jahre lang der Samichlaus des Fussballs und kann ständig Geschenke verteilen. Das liegt in der Natur des Amtes.

Hat Blatter jemals selbst Korruptionsgelder angenommen oder sich sonst etwas zu Schulden kommen lassen?

Bis und mit heute wurde ihm nie etwas nachgewiesen.

Was muss aus Ihrer Sicht nun passieren?

Die längst versprochene Null-Toleranz-Politik gegenüber Korruption und anderen Vergehen müsste auch durchgesetzt werden.

Und wie wird es tatsächlich weitergehen?

Zuerst wird Sepp Blatter gewählt, dann kommt das grosse Aufatmen nach einer stressvollen Woche. Und dann werden wir sehen, ob die Versprechungen mehr sind als nur Versprechungen.

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