Aktualisiert 01.06.2011 09:15

Fifa-Präsidium

«Blatters Zeit ist eindeutig abgelaufen»

Die überwiegende Mehrheit hält Sepp Blatter für korrupt, wie eine aktuelle Umfrage von 20 Minuten Online zeigt. Doch die Fifa hat ein noch weitaus grösseres Problem.

von
Olaf Kunz

Derzeit überschlagen sich die Ereignisse bei der Fifa - Korruptionsvorwürfe hier, Rücktritt da und Blatter selbst im Fadenkreuz der Kritik. 20 Minuten Online wollte daher von seinen Lesern wissen, wie sie über die Fifa denken. Die Ergebnisse zeigen ein überaus erstaunliches Bild. So stimmt die Mehrheit der Teilnehmer an der nicht repräsentativen Erhebung der Kommission im Fall Bin Hammam bei. 55 Prozent sind überzeugt, dass der Blatter-Herausforderer korrupt ist.

Was hingegen die weisse Weste von Sepp Blatter betrifft, so hat diese in den Augen der Öffentlichkeit ganz offensichtlich grosse, hässliche Flecken: Erschreckende 85 Prozent der rund 10 000 Umfrageteilnehmer sind sich sicher: Der Verbandschef hat sich ebenfalls der Korruption schuldig gemacht. Das ist mehr als eine blosse Verwarnung. Lediglich klägliche 3,3 Prozent teilen die Auffassung, dass sein Geschäftsgebahren ein ehrliches ist, so das Ergebnis einer nicht repräsentativen Umfrage von 20 Minuten Online. Doch das Glaubwürdigkeitsproblem hat noch deutlich gravierendere Dimensionen.

«Ein grober Fehler»

In einem Kommentar zu den Vorgängen der vergangenen Tagen rund um die Fifa spricht Leserin Gisi Vogt aus, was viele denken: «Ich persönlich traue niemandem vom Executive Committee. Der Eine zeigt auf den Anderen und sagt, er sei korrupt. Wirkt wenig vertrauenseinflössend.» Das belegen die Umfrageergebnisse eindeutig. So sollten die Teilnehmer auf einer Skala von 0 (überhaupt nicht) bis 10 (vollkommen) festlegen, für wie korrupt sie die Fifa insgesamt halten. Das erschütternde Ergebnis: Der Durchschnitt des gefühlten Korruptionslevels liegt bei 8,9. Und 54 Prozent der Befragten haben gar eine 10 vergeben. Die Fifa hat ein offensichtliches Glaubwürdigkeitsproblem. Allein: Sepp Blatter will davon nichts wissen. Bei der Medienkonferenz am Montagabend fragte er provokativ zurück: «Krise? Was ist eine Krise?» Diese Haltung kommt einem böswilligen Nachtreten gleich.

Dieser Meinung sind auch Krisen-Kommunikationsexperten: «Aus kommunikativer Sicht ist das Leugnen des offensichtlichen Problems ein grober Fehler. Die Strategie stärkt eher das öffentliche Misstrauen gegen die Fifa. Somit tut Sepp Blatter sich und dem Verband damit alles andere als einen Gefallen», ist Hanning Kempe, Geschäftsführer der PR-Agentur Gryling in Zürich, überzeugt. Für ihn hat die Fifa ein massives Transparenzproblem. Deshalb finde eine Vorverurteilung durch Aussenstehende statt. «Im Zweifelsfall urteilen die Leute nicht pro, sondern contra.»

«Der Fisch stinkt vom Kopf her»

Da nützt auch die eingesetzte Ethikkommission nicht. Ganz im Gegenteil: «Es ist eine Farce – der Fisch stinkt vom Kopf her». Dieser Aussage zur Glaubwürdigkeit dieses Untersuchungsgremiums stimmen knapp 70 Prozent zu. Davon zeugen auch viele Leser-Kommentare: «Ich glaube nicht, dass die Ethikkommission, welche von Blatter selbst ins Leben gerufen wurde, über ihren Napoleon richtet», schreibt zum Beispiel Stefan Glattbach. Und «Der Philosoph» setzt zur verbalen Blutgrätsche an: «Wie, die Ethikkommission gehört zur Fifa selbst? Also ein blosses Marketinginstrument, um zu demonstrieren, dass man intern doch noch etwas für die guten Werte tut.»

Der einzig mögliche Ausweg aus diesem Dilemma für den Kommunikationsprofi Kempe: «Der Verband müsste zunächst externe Personen ohne Glaubwürdigkeitskonflikte mit dieser Arbeit betrauen. Und diese Personen müssten alle Ecken beleuchten und anschliessend ein entsprechendes Regelwerk aufstellen dürfen. Das ist keinesfalls ungewöhnlich, sondern in Unternehmen und Regierungen sogar Usus.» Offenbar gibt es aber keine Pläne in diese Richtung. Zumindest gab es in der jüngsten Pressekonferenz keinerlei Anzeichen für eine solche Offensiv-Massnahme.

Schweizer würden Blatter nicht mehr wählen

Dennoch ist das Glaubwürdigkeitsproblem des Weltfussballverbands ganz offensichtlich auch ein persönliches des Fifa-Präsidenten: «Nach einem Auftritt wie gestern bei der Medienkonferenz müsste Blatter eine 180-Grad-Kehre hinlegen und sehr viele umfassende Massnahmen einleiten. Erfahrungsgemäss fällt das Personen in grossen Organisationen und Unternehmen, die ein System so lange geprägt haben, eher schwer», so Kempe. «Ich glaube nicht, dass der Fifa dies mit Sepp Blatter als Präsidenten gelingen wird.»

Diese Meinung scheint auch in der Öffentlichkeit weit verbreitet. «Blatters Zeit ist eindeutig abgelaufen», ist der Tenor in den Leser-Kommentare – auch wenn Einzelne das anders sehen und ein Loblied auf den Präsidenten anstimmen. Doch die nackten Zahlen sprechen eine klare Sprache: 75 Prozent der Befragten würden Sepp Blatter bei der für Mittwoch anstehenden Wahl ihre Stimme gänzlich verweigern. Weitere 19,6 Prozent würden lediglich dann für ihn als Präsidenten votieren, wenn es keinen Gegenkandidaten gibt – was seit dem Rückzug von bin Hammam der Fall ist. Dennoch haben Beobachter keinen Zweifel daran, dass der Walliser morgen wieder gewählt wird. Die Frage ist lediglich, mit wie vielen Stimmen.

Die grosse Fifa-Umfrage

Insgesamt haben sich an der nicht repräsentativen Umfrage auf 20 Minuten Online 11 151 Internetnutzer beteiligt. Davon 9980 Männer und 1164 Frauen. Unter allen Teilnehmern sind 17,3 Prozent aktive Fussballer. Die Umfrage wurde am Montag, 30. Mai, um 17 Uhr aufgeschaltet. Bis Dienstag, 13.15 Uhr, konnten die Leser teilnehmen.

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