Gesicht der Revolution: Blauer BH und rote Jacke vereint gegen die Gewalt
Aktualisiert

Gesicht der RevolutionBlauer BH und rote Jacke vereint gegen die Gewalt

Als ägyptische Soldaten auf eine Studentin einprügelten und bis auf den BH entblössten, stellte sich ihnen eine Frau entgegen. Für ihre Zivilcourage zahlt sie bis heute einen hohen Preis.

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ske/kri

Das Bild der verschleierten Frau, die von ägyptischen Sicherheitskräften bis auf den blauen BH entblösst, geschlagen und getreten wurde, ging um die Welt. Passiert ist dies am 17. Dezember 2011 – ein Jahr nachdem der tunesische Strassenhändler Mohammed Bouazizi mit seiner Selbstverbrennung den Arabischen Frühling ins Rollen brachte. Die durch die Bilder entehrte konservative junge Frau möchte sich zu dem Erlebten in der Öffentlichkeit nicht äussern. «Es macht keinen Unterschied, ob ich mit den Medien spreche oder nicht», sagte sie dem ägyptischen Reporter Hassan Mahmud von der Zeitung «al-Badi». Dass die Soldaten sie entblösst und immer weiter geschlagen hätten, sei genug, um sie zu entlarven.

An die Öffentlichkeit getreten ist aber Azza Kamal Suleiman. Die 48-Jährige war zunächst neben dem Bild der entblössten Studentin kaum beachtet worden. Tatsächlich hat Azza Kamal Suleiman der jungen Frau mit ihrem Eingreifen vermutlich das Leben gerettet und für ihre Zivilcourage fast mit dem eigenen Leben bezahlt, schreibt «Welt Online». Azza warf sich schützend auf die bewusstlose Frau, worauf sie selbst zum Ziel der blindwütig dreinschlagenden Soldaten wurde.

Scharf geschossen

Sie habe versucht, die junge Frau fortzuziehen, aber das Militär habe immer weiter zugeschlagen, erzählt Azza dem US-Sender CNN im Spital. Nach Suleiman eilte auch der Geschäftsmann Ehab Schaban zu Hilfe. Auch er wurde geschlagen und sogar angeschossen. «Azza hat den nackten Körper der jungen Frau bedeckt», sagte er gegenüber «Welt Online». Er habe sie aufheben und in eine Feldklinik bringen wollen, habe aber einen Schmerz im Bein gespürt. «Azza und ich wurden unaufhörlich geschlagen.» Man habe ihn erst in Ruhe gelassen, als er regungslos liegen geblieben sei. Im Krankenhaus holten die Ärzte eine Kugel aus der Wade.

Bilder wie diese setzten den Obersten Militärrates unter Druck. Offene Gewalt gegen Frauen hatte man bislang in der islamischen Gesellschaft Ägyptens nicht gekannt. Der Militärrat musste sich nach dem Vorfall entschuldigen und versprach, die Täter zur Rechenschaft zu ziehen. Passiert ist bislang nichts.

Schlimme Schmerzen

Dafür ist Azza das Gesicht der Revolution geworden. Laut Mohammed Mari, einem ägyptischen Aktivisten, geht es ihr inzwischen etwas besser. Bis sie gesund sei, werde es aber noch lange dauern. Vor allem die Kopfverletzungen machen ihr zu schaffen, sagt Ehab Schaban: «Manchmal schreit sie vor Schmerzen.»

Über die Situation in ihrem Land ist Azza verbittert. Gegenüber CNN sagte sie, die selbst aus einer Offiziersfamilie stammt: «Was heute im Militär geschieht, ist schmutzig – Menschen ohne Gewissen, Gnade oder Menschlichkeit. Doch wir werden nicht schweigen. Wir werden den Staat nicht in dem verwahrlosten Zustand hinterlassen, in dem er sich zurzeit befindet.

Muslimbrüder vor klarem Wahlsieg

Bei der Parlamentswahl in Ägypten zeichnet sich ein haushoher Sieg der Islamisten ab. Bei der dritten Wahlrunde gewann die als moderat-islamisch eingestufte Partei der Muslimbrüder in sieben von neun Provinzen die meisten Stimmen. Die radikale Partei des Lichts sicherte sich in den restlichen beiden Provinzen eine Mehrheit. Das teilte das ägyptische Staatsfernsehen am Samstag mit. Da über die Vergabe von 43 Sitzen für Direktkandidaten eine Stichwahl entscheiden muss, wird mit der Bekanntgabe des amtlichen Endergebnisses erst Mitte des Monats gerechnet. Bereits in den ersten beiden Wahlrunden hatten sich die Islamisten rund zwei Drittel der zu vergebenden Sitze im Abgeordnetenhaus gesichert.

Zur ersten freien Wahl seit dem Sturz des langjährigen Machthabers Husni Mubarak im Februar 2011 waren rund 50 der 85 Millionen Ägypter aufgerufen. Zwei Drittel der insgesamt 498 Mandate sind für Listenkandidaten reserviert. Die restlichen Sitze gehen an Direktkandidaten. Die unter Mubarak jahrzehntelang verbotenen, aber tolerierten Muslimbrüder sind von allen ägyptischen Parteien am besten organisiert. Sie könnten nach bisheriger Auszählung mehr als 40 Prozent der Mandate erhalten. Auch die radikal-islamische Partei des Lichts schneidet nach vorliegenden Ergebnissen überraschend gut ab. Drittstärkste politische Kraft könnte die säkulare liberale Ägyptische Allianz werden. Sie war als Gegengewicht zu den islamistischen Parteien in die Wahl gegangen.

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