Baden AG: Blaufahrt? Spital «verpfeift» Retter
Aktualisiert

Baden AGBlaufahrt? Spital «verpfeift» Retter

Ein Aargauer brachte seine Tochter wegen Bauchschmerzen mit dem Auto in den Notfall. Weil die Ärzte bei ihm Alkohol zu riechen glaubten, schickten sie ihm prompt die Polizei nach Hause.

von
Deborah Sutter
Notaufnahme in Baden: Hier fuhr der Mann seine Tochter hin.

Notaufnahme in Baden: Hier fuhr der Mann seine Tochter hin.

Die 13-jährige Claudia krümmte sich vor Bauchschmerzen und weinte. Kurzerhand stieg ihr Vater, Marcel Beck, an jenem Abend – trotz zweier Feierabendbiere – ins Auto und fuhr zur Notaufnahme des Kantonsspitals Baden (KSB). «Claudia wurde etwa eineinhalb Stunden untersucht, dann konnten wir wieder nach Hause», erzählt Beck. Kaum waren sie daheim, tauchte die Polizei auf: «Eine Ärztin habe angerufen und gemeldet, ich hätte stark nach Alkohol gerochen», bestätigt Beck einen Bericht der «Aargauer Zeitung». Daraufhin musste er einen Atemlufttest machen und hatte nach eigenen Angaben «0,00 Promille». Beck empfindet das Vorgehen des Spitals als reine Schikane: «Die hätten mir doch nicht hinterrücks die Polizei auf den Hals hetzen müssen! Ausserdem stehen Ärzte unter Schweigepflicht – oder etwa nicht?»

Beim KSB ist man im Nachhinein gar nicht glücklich mit dem Vorgehen: «Es hat sich eine Eigendynamik entwickelt, die nicht hätte sein müssen», sagt der Sprecher Marco Bellafiore. «Eine Mitarbeiterin an der Notfallpforte war gerade mit der Polizei am Telefon und fragte, was man tun könne, wenn eine vermutlich alkoholisierte Person im Auto unterwegs sei.» Die Polizei folgte dem Hinweis: «Solche Meldungen sind wertvoll zur Gewährleistung der Verkehrssicherheit», sagt Kapo-Sprecher Bernhard Graser.

Herr Gibor*, hat der Vater der kranken Tochter etwas falsch gemacht?

David Gibor: Bei zwei Bier durfte er vermutlich bereits nicht mehr darauf vertrauen, dass er die Promillegrenze nicht überschritten hatte. Läge er über 0,5‰, verstiesse er grundsätzlich gegen das Strassenverkehrsgesetz.

Gibt es gar keine Umstände, die eine Fahrt trotzdem rechtfertigten?

Sein Verhalten ist durch die Beschwerden seiner Tochter motiviert und könnte durch die strafrechtliche Notstandsregel gerechtfertigt sein. Auf jeden Fall kann er wegen achtenswerten Beweggründen auf Strafmilderung hoffen: Er wollte ja seinem Kind rasch ärztliche Hilfe organisieren.

Wie beurteilen Sie das Verhalten der Ärzte?

Eine ärztliche Meldepflicht gegenüber der Polizei besteht grundsätzlich nicht, jedenfalls nicht bei Bagatellen.

Die Ärztin unterliegt gegenüber dem Vater aber auch ­keiner ärztlichen Schweigepflicht. Sie kann ihren Verdacht melden, muss dies aber nicht tun. sut

*David Gibor ist Strafrechtsexperte

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