Fehltage: Blaumachen muss nicht immer schlecht sein
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FehltageBlaumachen muss nicht immer schlecht sein

In der Schweiz ist blaumachen wenig verbreitet. Doch einmal zu Hause zu bleiben, statt arbeiten zu gehen, kann sich auch positiv auswirken.

von
F. Lindegger
Statt nicht arbeiten zu gehen und sich zu erholen, ist in der Schweiz eher der Präsentismus verbreitet.

Statt nicht arbeiten zu gehen und sich zu erholen, ist in der Schweiz eher der Präsentismus verbreitet.

20-Minuten-Leser sind keine Blaumacher. Diesen Schluss legt jedenfalls die Umfrage im Rahmen unseres Artikels zum Absenzen-Managment nahe: 60 Prozent der gut 16'000 Teilnehmenden gaben dabei an, noch nie gelogen zu haben, um freizunehmen. 36 Prozent der Antwortenden haben sich hingegen schon Freitage erschwindelt.

Diese Zahlen schätzt Achim Elfering, Professor für Arbeits- und Organisationspsychologie an der Universität Bern, als realistisch ein: «Neben einem formalen, schriftlichen Vertrag gibt es auch einen psychologischen Vertrag zwischen Arbeitnehmer und Arbeitgeber. Man fühlt sich verpflichtet, für das Erhaltene auch etwas zu leisten. In der Schweiz wird dieser psychologische Vertrag recht gut eingehalten.» Dies hänge vor allem mit dem Stellenwert der Arbeit im Leben zusammen, der in der Schweiz im Vergleich zu anderen Ländern hoch sei, so Elfering.

«Präsentismus» statt blaumachen

Bleibt man dann aber trotzdem zu Hause, weil man sich krank fühlt, so geschieht dies auffällig oft am Montag oder Freitag. Dass die Angestellten solche «Brückentage» machen, sei aber nicht per se schlecht, erklärt Elfering. «Bei kürzeren Absenzen gibt es Hinweise, dass die Arbeitnehmenden dies oft tun, um ihre eigene Gesundheit zu stärken. Man fühlt sich bereits krank und ausgelaugt und kann mit etwas Erholung den Krankheitsverlauf deutlich mildern. Das ist eigentlich ein proaktives Verhalten, das auch im Interesse der Arbeitgeber liegt.»

Doch oft ist das Gegenteil der Fall. Man geht arbeiten, obwohl man krank ist – und eigentlich besser zu Hause bleiben sollte. Etwa weil man sich verpflichtet fühlt, arbeiten zu gehen, oder sich nicht eingesteht, dass man wirklich krank ist. In der Fachsprache wird dies auch «Präsentismus» genannt. «Wenn man krank ist, sollte man zu Hause bleiben. Man ist nicht voll leistungsfähig und steckt im schlimmsten Fall die Kollegen am Arbeitsplatz an», sagt Elfering.

Unterschiede nach Branchen

Dieser Präsentismus scheint aber auch von der wirtschaftlichen Situation beeinflusst zu werden. Laut Elfering würden die Angestellten in wirtschaftlich schwierigen Zeiten weniger oft bei der Arbeit fehlen. Wohl weil man um seine Stelle fürchtet für den Fall, dass man zu oft krankheitsbedingt fehlt.

Doch nicht nur zwischen den einzelnen Ländern oder den wirtschaftlichen Umständen bestehen Unterschiede, was die Zahl der Absenzen betrifft, sondern vor allem auch zwischen den einzelnen Branchen: Laut dem Bundesamt für Statistik fehlten 2013 die Angestellten im Bereich Information und Kommunikation am wenigsten, nämlich 55 Stunden pro Vollzeitarbeitsstelle. Rechnet man mit einem täglichen Arbeitspensum von 8,5 Stunden, entspricht das rund sechseinhalb Tagen pro Jahr.

Am meisten Absenzentage fallen laut Statistik in der Branche Immobilien und sonstigen wirtschaftlichen Dienstleistungen an. Fast 13 Tage fehlten dort die Vollzeitangestellten durchschnittlich im Jahr 2013. Für alle Branchen gilt dabei, dass der allergrösste Teil der Absenzen auf Krankheit und Unfall zurückzuführen ist.

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