Aktualisiert 21.05.2013 23:08

Verlierer, GewinnerBlei im Hintern, Dynamit in den Beinen

In Europas Fussball sind (fast) alle Entscheidungen gefallen. Zeit für ein Fazit. Das sind die Auf- und Absteiger.

von
Sandro Compagno

Mehr als 100 Fussballer mit rotem Pass sind in ausländischen Ligen engagiert, darunter das Stammpersonal von Ottmar Hitzfelds Nationalmannschaft. 20 Minuten nennt fünf Gewinner und fünf Verlierer der Saison 2012/13.

GEWINNER:

Blerim Dzemaili (Napoli): «Er hat Dynamit in den Beinen», sagt Napoli-Präsident Aurelio de Laurentiis über den Mittelfeld-Puncher. Monatelang musste sich der Zürcher in Neapel hinter seinen Landsleuten Valon Behrami und Gökhan Inler anstellen. Im Januar bat er deshalb um einen Wechsel. De Laurentiis auf «tuttonapoli.net: «Ich habe ihm gesagt, wo zum Teufel willst du hin?» Dzemaili blieb, spielte eine überragende Rückrunde und verdrängte Inler auf die Ersatzbank.

Timm Klose (Nürnberg): Kennen Sie Marcos Antonio? Der Brasilianer kam in der Sommerpause nach Nürnberg, wo er den zu Leverkusen transferierten Philipp Wollscheid ersetzen sollte. Er spielte exakt 15 Minuten. Grund dafür ist Timm Klose. Der Schweizer Innenverteidiger spielte eine derart überragende Saison, dass er bei den Franken nicht nur zum absoluten Publikumsliebling avancierte, sondern auch zum Spieler mit dem dritthöchsten Marktwert. Nürnberg möchte den 2014 auslaufenden Vertrag gerne vorzeitig verlängern, Klose möchte eine Ausstiegsklausel einbauen. Wer so gut ist, der kann Bedingungen stellen.

Xherdan Shaqiri (Bayern München): Natürlich hat der 21-jährige Basler in seinem ersten Jahr bei Bayern München nicht jedes Spiel absolviert. Trotzdem sind seine Daten in der aktuell stärksten Fussball-Mannschaft Europas beeindruckend: 26 Einsätze in der Bundesliga (4 Tore, 6 Vorlagen), 7 Einsätze in der Champions League (1/2), 4 Einsätze im DFB-Pokal (3/5). Der kleine Kraftprotz mit der linken Klebe hat sich in der Allianz-Arena zu einer Attraktion entwickelt. Dass die Konkurrenz im Münchner Star-Ensemble in der neuen Saison noch grösser wird (Götze), dürfte für den unerschrockenen Flügel kein Problem sein.

Valon Behrami (Napoli): Lange war der 27-Jährige mehr Leichtathlet denn Fussballer. «Heute laufe ich intelligenter. Ich renne nicht mehr wild in der Gegend herum», sagt der Mittelfeld-Puncher der SSC Napoli. Trainer Walter Mazzarri hat aus dem ungestümen Flügel einen defensiven Mittelfeldspieler von Weltformat geformt, der Bälle anzieht wie ein schwarzes Loch. Dank seiner «Grinta» erhält er Woche für Woche Bestnoten in den italienischen Gazetten.

Johan Djourou (Hannover 96): Lange, zu lange hinderte Arsène Wenger den schlaksigen Innenverteidiger an einem Transfer. Für den Arsenal-Manager war Djourou vor allem ein Botschafter, dass man es aus dem Nachwuchs der «Gunners» in die erste Mannschaft schaffen kann. Im Januar durfte Djourou endlich gehen. Er fand in Niedersachsen einen Klub, der auf ihn setzt, und ein Umfeld, das ihm und seiner Familie behagt. Sein Leihvertrag läuft aus, derzeit verhandeln Hannover und Arsenal über eine definitive Übernahme. Sie könnte an der Ablösesumme (rund 5 Mio. Euro) scheitern.

VERLIERER:

Gökhan Inler (Napoli): Der Aufstieg von Blerim Dzemaili ist der Abstieg von Gökhan Inler. Der Captain der Schweizer Nationalmannschaft kam in den letzten Runden der Serie A nur noch zum Einsatz, wenn seine Landsleute Behrami oder Dzemaili verletzt oder gesperrt waren. Eine ungemütliche Situation für den Mittelfeld-Spieler, aber auch für Nationaltrainer Ottmar Hitzfeld. Gemäss der Zeitung «Il mattino» liegt ein Abgang im Sommer durchaus im Bereich des Möglichen.

Tranquillo Barnetta (Schalke 04): Der Ostschweizer kam im Sommer ablösefrei von Bayer Leverkusen und machte eine im Fussball häufige Erfahrung: Was nichts kostet, ist nichts wert. (Gilt nicht für Online-Portale und Pendlerzeitungen!) Trainer Jens Keller sieht in Barnetta, der heute seinen 28. Geburtstag feiert, lediglich einen Ergänzungsspieler. Er stand zwar in 21 Bundesliga-Spielen auf dem Platz, kam dabei aber nur zu 456 Einsatzminuten, zusammengerechnet gerademal fünf Spiele. Sein Stammplatz war die Bank.

Granit Xhaka (Borussia Mönchengladbach): Dass sich der zentrale Mittelfeldspieler in der Schlussphase der Meisterschaft einen Platz in Lucien Favres Startelf erkämpfen konnte, täuscht nicht darüber hinweg, dass er sich sein erstes Jahr in der Bundesliga ganz anders vorgestellt hatte. Bis im Oktober spielte der 10-Millionen-Einkauf aus Basel in jedem Spiel, dann hatte Favre genug gesehen. Zu langsam, zu fehlerhaft. Seit April geht es wieder aufwärts. Nutzt Xhaka seine Chance im zweiten Anlauf? Man darf eines nicht vergessen, er ist immer noch erst 20-jährig.

Admir Mehmedi (Dynamo Kiew): Seit eineinhalb Jahren steht der Zürcher beim ukrainischen Traditionsverein unter Vertrag. Dynamo hat Geld und ein breites Kader und einen entsprechend harten Konkurrenzkampf. Die hängende Spitze spielt zwar immer mal, aber nur selten über 90 Minuten. Man wird das Gefühl nicht los, dass er an Ort tritt.

Eren Derdiyok (Hoffenheim): «Ich bin ganz unten», sagte der Stürmer im März in einem sehr offenen Interview mit 20 Minuten. Kein anderer Schweizer Angreifer ist mit so viel Talent gesegnet wie der 24-jährige Basler mit Wurzeln in der Türkei. Nur: Er bringt seine PS nicht auf die Strasse. 5 Millionen Euro überwies Hoffenheim im Sommer nach Leverkusen, dazu kommen laut Medienberichten monatlich 140 000 Euro an Salär. 2012/13 steht Derdiyok mit einem einzigen Tor zu Buche – es dürfte das teuerste Tor der Bundesliga-Geschichte sein. Offenbar würde HSV-Trainer Thorsten Fink den gross gewachsenen, technisch starken Stürmer, der in der Schweizer Nationalmannschaft trotz aller Probleme im Klub mit einer ausgesprochen mannschaftsdienlichen Spielweise als «Winkelried» in der Sturmspitze positiv aufgefallen ist, gerne an die Alster lotsen.

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