Aktualisiert 19.06.2011 12:38

Neue Billettpflicht«Bleiben Sie Mensch, Herr Meyer!»

Dass in den Zügen keine Billetts mehr verkauft werden, löst bei den Lesern von 20 Minuten Online heftige Reaktionen aus. Von den SBB und deren Chef Andreas Meyer fordern sie insbesondere Kulanz.

von
mdr
«Wenn der Kontrolleur kommt, tun sie scheinheilig, sie bräuchten noch ein Billett», schreibt ein Leser. Billettautomat am Hauptbahnhof Zürich.

«Wenn der Kontrolleur kommt, tun sie scheinheilig, sie bräuchten noch ein Billett», schreibt ein Leser. Billettautomat am Hauptbahnhof Zürich.

Das sorglose Bahnfahren hat ab Dezember ein Ende - zumindest für Personen ohne Generalabonnement. Denn wer künftig ohne Billett in Fernverkehrszügen unterwegs ist, kann dieses nicht mehr einfach gegen einen Aufpreis im Zug lösen. Vielmehr gilt er als Schwarzfahrer und bezahlt eine happige Busse. Bei den Lesern von 20 Minuten Online löst diese Massnahme Diskussionen aus. Jedem könne es passieren, dass er knapp auf den Zug kommt und keine Zeit mehr habe, ein Billett zu lösen, ist eine weit verbreitete Meinung.

Wenn eine Billettpflicht bestehe, sollen die Kondukteure jedoch kulant sein - insbesondere bei Touristen. Dies sei nicht immer der Fall. Toni Kunz schreibt, dass er regelmässig beobachte, wie Touristen in den Nachtzügen eine Busse bezahlen müssten. «Die Touristen können kaum fassen, wie unverschämt sie von den SBB ausgenommen werden.» Ein anderer Leser hat sich sogar noch für zwei Japaner mit grossen Koffern eingesetzt - erfolglos, wie er schreibt. Die Kontrolleure, die kaum Englisch gesprochen hätten, liessen sich nicht erweichen und kassierten 160 Franken.

Aufruf an SBB-Chef

Kulanz fordern viele Leser auch bei falschen Tickets. Für die Fahrt von Zürich HB nach Winterthur gebe es zwei Streckenvorschläge, via Effretikon oder via Bülach, schreibt M.S. Wer nicht regelmässig diese Verbindung benützt, könne gar nicht wissen, welche Variante die richtige ist. «Wenn man nicht achtsam ist und nicht regelmässig Zug fährt, kann man leicht und ohne böse Absicht in die Falle geraten und wird von den SBB gebüsst», so M.S. Das sei nicht in Ordnung. Das gleiche Problem nennt Hansruedi für die Verbindung von Bern nach Luzern, die über Langnau oder Sursee führt. Unverständlich findet schliesslich Heinz Siegenthaler, dass eine Busse bezahlen muss, wer sich versehentlich in den falschen Zug setzt. Den Ruf nach Kulanz im Einzelfall bringt Bruno Siegenthaler auf den Punkt mit einem Aufruf an den SBB-Chef: «Bleiben Sie Mensch, Herr Meyer!»

Viele Kommentatoren weisen die SBB auf Unzulänglichkeiten im Zusammenhang mit den Billettautomaten hin. David K. schreibt, dass er einmal am Billettautomaten mit einer 100-Franken-Note bezahlen wollte, was aber nicht möglich war. Daraufhin sei er schwarz gefahren. Auch Hans Nötig fordert die SBB auf, ihre Billettautomaten bei den Bezahlmöglichkeiten aufzurüsten. Manche Leser fragen sich auch, was bei defekten Automaten zu tun sei. An ihrem Wohnort im Thurgau gebe es nur einen einzigen - und beim Umsteigen in Weinfelden reiche die Zeit nicht, um ein Ticket zu kaufen, schreibt Bianca S. «Soll das Service public sein, wenn man in Zukunft auch in solchen Fällen gebüsst wird?»

Mobile-Tickets nach Abfahrt lösen

Die Leser haben auch Ideen, wie die SBB ihren Service verbessern können. Einige schlagen vor, in jedem Zug einen Billettautomaten zu installieren - wie das teilweise bei Bussen üblich ist. Das würde Diskussionen mit dem Kondukteur erübrigen. Lauter ist die Forderung, Mobile-Tickets mit dem Smartphone auch noch lösen zu dürfen, nachdem der Zug bereits abgefahren ist. «Bei der Kontrolle kann ich es ja vorweisen», schreibt Pesche. «Das muss reichen.»

Doch die neue Billettpflicht stösst in zahlreichen Kommentaren auch auf Verständnis. Es gibt einfach zu viele Fahrgäste, die gezielt kein Ticket lösen und hoffen, der Kontrolle zu entgehen, schreibt Dänu D. «Im Notfall wird dann halt gelöst.» Ein GA-Besitzer nervt sich ebenfalls über Bahnfahrer ohne Ticket: «Wenn der Kontrolleur kommt, tun sie scheinheilig, sie bräuchten noch ein Billett.» Für Annika gibt es sowieso genügend Möglichkeiten, ein Ticket zu kaufen. Gleicher Meinung ist auch H.J. König: «Es gibt ja wohl nichts Einfacheres, als ein Billett am Bahnhof zu kaufen.»

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