Sichtbare Neigung: Blick ins Gehirn enttarnt Pädophile
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Sichtbare NeigungBlick ins Gehirn enttarnt Pädophile

Hartmut Bosinksi, Leiter des Uniklinikums Schleswig-Holstein, erklärt gegenüber 20 Minuten Online, wie man eine Pädophilie anhand bildgebender Verfahren erkennen kann.

von
Runa Reinecke

Ob ein Mann pädophil ist oder nicht, lässt sich mit bisherigen Methoden wie Befragung oder mittels der sogenannten Phallometrie (einem Verfahren zum Messen der Penisreaktion bei sexualmedizinischen Untersuchungen) herausfinden. Allerdings gelten diese Verfahren als äusserst fehleranfällig. Wissenschaftler des Universitätsklinikums Schleswig-Holstein nahmen sich deshalb der Erforschung einer neuen Diagnose-Methode an: Sie verglichen die Hirnaktivitäten von 24 pädophilen und 32 gesunden Männern mit Hilfe eines bildgebenden Verfahrens, einem sogenannten MRI (Magnetresonanztomographen). Während der Untersuchung zeigten sie den Männern für einige Sekunden Bilder von nackten Kindern und nackten Erwachsenen. Die pro Bild, beziehungsweise Mann gemessenen Hirnaktivitäten wurden entsprechend zugeordnet und gespeichert. Mittels dieser Zuordnung gelang es den Forschern, pädophile Testpersonen von nicht-pädophilen Probanden mit einer Trefferquote von 95 Prozent zu unterscheiden. Lediglich zwei Zuordnungen waren falsch.

Damit erreicht das MRI eine deutlich bessere Quote, als bisherige Methoden: «Die Zuordnungssicherheit liegt bei der Phallometrie bei lediglich 80 Prozent», erklärt Hartmut Bosinski, Leiter der Sektion für Sexualmedizin am Universitätsklinikum Schleswig-Holstein auf Anfrage von 20 Minuten Online. Anders als bei der Phallometrie gehe es bei der MRI-Messung nicht um den Aufbau sexueller Erregung (die sich dann durch die entsprechende Penisveränderung messen lasse), sondern vielmehr um das «Erkennen» im Sinne eines «das passt für mich», beziehungsweise «das passt für mich nicht».

Nicht nur Pädophile sind für Kinder gefährlich

Wäre es im Zuge der neuen Erkenntnisse nicht sinnvoll, bisherige Diagnose-Verfahren mit den MRI-Messungen zu kombinieren, um sich weiter an die Hunderprozent-Marke annähern zu können? «Eindeutig ja», meint Bosinksi und ergänzt, dass das Uniklinikum Schleswig-Holstein aus diesem Grunde «Methoden der Phallometrie, Tiefeninterviews und das Fragebogenverfahren» mit in die Messungen einschliesse.

«Das Thema ‹sichere Diagnostik einer pädophilen Neigung› ist ausserordentlich aktuell, hat es doch gravierende Auswirkungen auf die Behandlung», erläutert der Professor. Er ist sich sicher, dass es aufgrund des Echos in der «scientific community» Replikationsstudien geben wird. Dennoch hat die wissenschaftliche Pädophilie-Erkennung nicht immer positive Auswirkungen auf die Opfer, wie Bosinski betont: «Nur etwa die Hälfte der Männer, die Kinder sexuell missbrauchen, ist pädophil veranlagt. Bei der anderen Hälfte handelt es sich um sogenannte Ersatz- oder Gelegenheitstäter.»

Die Studie des Uniklinikums Schleswig-Holstein wurde im Fachjournal Archives of General Psychiatry veröffentlicht.

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