Aktualisiert 23.12.2008 12:46

Forschung SchweizBlinder nimmt Gegenstände unbewusst wahr

Gemeinsam mit Forschern aus Holland und Grossbritannien führten Wissenschaftler der Universität Genf einen ungewöhnlichen Versuch durch: Sie liessen einen blinden Mann durch einen Parcours laufen - mit überraschendem Ergebnis.

Bei dem Mann handelt es sich um einen Arzt, bei dem zwei Schlaganfälle die gesamte Sehrinde im Gehirn ausgeschaltet haben. Seine Augen und Sehnerven funktionieren zwar normal, trotzdem kann er weder Farben noch Hell-Dunkel-Unterschiede wahrnehmen. Er ist auf einen Blindenstock und einen Blindenführer angewiesen.

Gemeinsam mit Kollegen aus Holland und Grossbritannien testete Alan Pegna vom Universitätsspital Genf nun, ob der Mann tatsächlich sein Orientierungsvermögen verloren hat. Die Forscher stellten in einen langen Korridor Stühle und Kisten als Hindernisse und baten den Mann, den Parcours ohne Stock oder fremde Hilfe zu absolvieren.

Spontaner Applaus

Erstaunlicherweise sei der Mann sämtlichen Hindernissen problemlos ausgewichen, schreiben die Wissenschaftler im Fachblatt «Current Biology». Augenzeugen hätten gar spontan applaudiert. Als Beweis legten sie ihrer Publikation ein Video des Hindernislaufs bei.

Die Demonstration zeigt laut den Forschern, dass Informationen, die zur Orientierung nötig sind, nicht im Sehzentrum des Gehirns allein verarbeitet werden. Welche neurologischen Vorgänge den blinden Patienten die Hindernisse «sehen» lassen, sei nicht ganz geklärt, sagte Alan Pegna auf Anfrage der Nachrichtenagentur SDA.

Besonderer Fall

Sicher sei aber, dass die Informationen zuerst ganz ins Innere des Hirns gelangten, zum sogenannten Thalamus, der als eine Art Relaisstation diene. Der Thalamus leite die Information dann wahrscheinlich in die Hirnregionen weiter, die bei der visuellen Steuerung von Bewegungen und der Erkennung von Reizen eine Rolle spielten.

Laut Pegna ist der blinde Patient, den die Forscher «TN» nennen, ein besonderer Fall. Wenn jemand erblinde, weil Augen oder Sehnerven kaputt gehen, sei ein solches «blindes Sehen» natürlich nicht mehr möglich.

Patient erkennt auch Emotionen

Pegna hatte bereits vor ein paar Jahren nachgewiesen, dass «TN» Gesichtsausdrücke erkennen kann. Bei Versuchen unterschied er - ohne sich dessen selbst bewusst zu sein - beispielsweise Bilder, die traurige Gesichter zeigten von solchen mit glücklichen Menschen.

In einer kürzlich im Fachblatt «International Journal of Psychophysiology» publizierten Studie wies Pegna zudem nach, dass auch Menschen ohne Gehirnverletzungen Emotionen unbewusst erkennen. Testpersonen reagierten auf Bilder mit Menschen in Angst selbst dann, wenn sie ihnen so kurz gezeigt wurden, dass sie die Photos gar nicht bewusst sehen konnten.

Darüber, wie sich gesunde Menschen bei der räumlichen Orientierung auf automatische und unbewusste Wahrnehmungen stützen, ist laut dem Forscher aber nichts bekannt.

(sda)

Deine Meinung

Fehler gefunden?Jetzt melden.