Aktualisiert 11.01.2012 11:53

Deutliches Verdikt«Blocher lügt, Hildebrand sagt die Wahrheit»

Eine überwältigende Mehrheit der Leser von 20 Minuten Online steht hinter dem Ex-Notenbanker. Ebenso klar ist die Ablehnung Christoph Blochers: 80 Prozent halten ihn für unglaubwürdig.

von
Kian Ramezani
Christoph Blocher obsiegt gegen Philipp Hildebrand, doch die Bevölkerung scheint das Manöver nicht zu goutieren.

Christoph Blocher obsiegt gegen Philipp Hildebrand, doch die Bevölkerung scheint das Manöver nicht zu goutieren.

Grosse Genugtuung für Philipp Hildebrand: Der ehemalige Präsident der Schweizerischen Nationalbank geniesst offenbar trotz der Affäre um seine Person grossen Rückhalt in der Bevölkerung. In einer nicht repräsentativen Umfrage von 20 Minuten Online, an der 7536 Personen teilnahmen, bedauern 73 Prozent seinen Rücktritt. 27 Prozent begrüssen den Schritt – was exakt dem Wähleranteil der SVP entspricht, die am lautesten seinen Kopf gefordert hatte.

Was die Gründe anbelangt, die Hildebrand für den Rücktritt geltend machte, zeigen sich die Leser von 20 Minuten Online hingegen gespalten. Der Banker hatte erklärt, dass es unmöglich sei, seine Unschuld zweifelsfrei zu beweisen. 56 Prozent sind mit dieser Umkehrung der Unschuldsvermutung nicht einverstanden: Nicht er, sondern seine Widersacher hätten Beweise für ihre Anschuldigungen vorlegen müssen. 44 Prozent halten die rein juristische Schuldfrage indes für irrelevant, da seine Glaubwürdigkeit infolge der Affäre zu sehr gelitten habe.

Nur Hildebrand verfügt über Glaubwürdigkeit

Philipp Hildebrand beteuerte an seiner Rücktritts-Pressekonferenz, während der Affäre «im Unterschied zu vielen anderen» nie gelogen zu haben. Tatsächlich widersprechen sich die Akteure in wichtigen Punkten. Christoph Blocher etwa will den Datendieb nie persönlich getroffen haben, wie sein Parteikollege Hermann Lei behauptet. 20 Minuten Online wollte daher wissen, wie es um die Glaubwürdigkeit der Beteiligten bestellt ist.

Der mit Abstand glaubwürdigste Akteur in der Affäre ist der Leidtragende selbst: Philipp Hildebrand halten 72 Prozent für glaubwürdig. Genau umgekehert werden seine Widersacher und Kritiker beurteilt: 79 Prozent misstrauen SVP-Nationalrat Christoph Blocher, 72 Prozent SVP-Grossrat Hermann Lei und ebenfalls 72 Prozent der «Weltwoche». Einzig bei R.T. fällt die Bilanz zwiespältig aus: 44 Prozent nehmen ihn als glaubwürdig wahr, während 29 Prozent dem Whistleblower misstrauen. Über ein Viertel konnte sich über den IT-Mitarbeiter der Bank Sarasin keine Meinung bilden.

Bankgeheimnis unantastbar

Selbst Hildebrand-Fans räumen ein, dass die Affäre auch ihr Gutes hatte: Die Verschärfung des internen Reglements der Nationalbank. Dass dafür das Bankkundengeheimnis verletzt werden musste, ist für eine deutliche Mehrheit dennoch inakzeptabel. Fast zwei Drittel (63 Prozent) halten es für unantastbar. Nur 26 Prozent finden, der Zweck heilige in diesem Fall die Mittel. 12 Prozent sind unentschieden.

71 Prozent glauben, R.T. habe gegen das Bankkundengeheimnis verstossen. Daneben stehen weitere Straftatsbestände im Raum. So sind 72 Prozent überzeugt, dass Christoph Blocher widerrechtlich erworbene Bankdaten weitergegeben hat. 69 Prozent beschuldigen Hermann Lei des gleichen Vergehens. Lediglich 26 Prozent sehen bei Philipp Hildebrand den Straftatsbestand des Insiderhandels erfüllt.

Komplott zwischen SVP und «Weltwoche»

Neben den juristischen stellt sich auch die Frage nach den beruflichen Konsequenzen. 42 Prozent geben an, dass die Affäre für niemanden ausser Hildebrand berufliche Konsequenzen haben wird. 40 Prozent sehen hingegen Hermann Leis Anwaltkarriere am Ende. 39 Prozent glauben, Christoph Blocher werde seine Ämter als Nationalrat und SVP-Vizepräsident abgeben müssen. Und 29 Prozent halten Roger Köppels Tage als Chefredaktor der «Weltwoche» für gezählt.

A propos «Weltwoche»: Drei von vier glauben an ein Komplott zwischem dem Magazin und der SVP, Philipp Hildebrand zu stürzen. Bereits Ende 2010 hatte Chefredaktor Roger Köppel in einem Editorial gefagt: «Wer stoppt Philipp Hildebrand?» Damals ging es um die Eurokäufe in Milliardenhöhe, mit denen die Nationalbank die Aufwertung des Frankens bremsen wollte. Christoph Blocher bezichtigte Hildebrand damals, Milliarden «verspekuliert» zu haben und forderte seinen Rücktritt.

Die Umfrage fand vom 9.1.2012 bis 10.1.2012 (nach dem Rücktritt von Philipp Hildbrand) statt. Die Detailauswertung finden Sie hier.

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