Bundesliga: «Blödsinn, an Titel zu denken» – das sagt Urs Fischer zum Mega-Hype um Union 

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Bundesliga«Blödsinn, an Titel zu denken» – das sagt Urs Fischer zum Mega-Hype um Union 

Urs Fischer schreibt im Osten Berlins seine ganz persönliche Heldengeschichte. Doch davon würde der Zürcher am liebsten gar nichts wissen. 20 Minuten hat mit ihm gesprochen.

von
Silvan Haenni
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Urs Fischer ist bekannt für klare Anweisungen. 

Urs Fischer ist bekannt für klare Anweisungen. 

IMAGO/Jan Huebner
Der Schweizer Trainer steht mit Union Berlin sensationell an der Tabellenspitze. 

Der Schweizer Trainer steht mit Union Berlin sensationell an der Tabellenspitze. 

IMAGO/Matthias Koch
In der Europa League läuft es bislang aber noch nicht nach Plan. 

In der Europa League läuft es bislang aber noch nicht nach Plan. 

IMAGO/Matthias Koch

Darum gehts

Eigentlich hätte sein sensationeller Höhenflug und die Bundesliga-Tabellenführung mit Union Berlin im Mittelpunkt des Gesprächs stehen sollen. Doch richtig emotional wird der Schweizer Trainer Urs Fischer erst, als er auf den tragischen Krebstod seines früheren Thun-Schützlings Nicolas Schindelholz angesprochen wird. «Das ist wahnsinnig traurig, da wird Fussball sofort zur Nebensache», sagt 56-Jährige im Gespräch mit 20 Minuten mit leicht gebrochener Stimme. Es bleibe ihm nur, den Angehörigen «einen Haufen Kraft zu wünschen.»

Es ist nicht der sportliche Erfolg oder die inzwischen fast europaweite Anerkennung, die für Fischer im Zentrum steht. «Gesundheit», antwortet der Zürcher auf die Frage, was für ihn am wichtigsten sei. Trotz sensationeller Tabellenführung in der Bundesliga hat der Union-Trainer jene bodenständige Art beibehalten, mit der er den FC Basel zu zwei Meistertiteln und einem Cupsieg führte.

Immer wieder diese «Basics»

Beim FCB musste Fischer trotz Erfolg und Titel seinen Platz räumen. Zu wenig spektakulär sei sein Fussball, hiess es damals 2017 hinter vorgehaltener Hand. Doch genau seine akribische Arbeit an den Grundlagen ist in den Jahren in Berlin zu seinem grössten Trumpf geworden. Die Arbeit mit den «Basics», wie Fischer im Gespräch den Begriff immer wieder verwendet. 

Auf die Bundesliga übersetzt dürfte dies etwa heissen: Mit Leistungs- und Laufbereitschaft, kompakter Organisation und der nötigen Effizienz soll Union im Kollektiv das nötige Wettkampfglück erzwingen, um Spiel für Spiel Punkte zu sammeln und so aufs nächste Level zu kommen.

Mit Hype «nicht ganz einverstanden»

In der noch jungen Saison geht das Arbeiten mit diesen «Basics» bisher noch besser auf als zuvor, als sich der Club aus Berlin-Köpenick unter dem Zürcher nach dem Aufstieg 2019 bereits zwei Mal für den Europacup qualifizieren konnte. Sehr viel besser: Union Berlin findet sich nach sieben Spieltagen überraschend an der Tabellenspitze der Bundesliga wieder. «Traum, Märchen, Magie», «Märchen mit Ansage», oder «das neue Leicester»: Kein Wunder wird Fischer von den deutschen Zeitungen zurzeit mit den ganz grossen Worten überschüttet.

Realist Fischer ist der Wirbel «fast ein bisschen viel», wie er selbst sagt. Klar sei die Fussball-Laune in Ostberlin zurzeit ausgezeichnet – und die erste Saisonphase in der Liga und im Pokal als sehr gut zu bewerten. Aber Urs Fischer wäre nicht Urs Fischer, wenn er nicht auch gleich die zwei Niederlagen in der Europa League gegen Braga und Saint-Gilloise herausheben würde. «Da dürfen wir schon nicht ganz einverstanden sein», so der 56-Jährige.

Ohne Präzision an die Spitze

Ebenfalls nicht einverstanden ist Fischer mit der mangelnden Präzision seines Teams: 69 Prozent Passgenauigkeit – in Europas Top-5-Ligen ist nur Augsburg noch ungenauer. «Man muss nicht immer den Ball haben, aber wenn du den Ball hast, mach etwas draus», so der ehemalige FCZ-, Thun und FCB-Trainer. Fischer mahnt aber gleichzeitig: «Diese Quote darf nicht sein, da müssen wir uns verbessern.» Schliesslich sollte man sich irgendwo in den 80 Prozent bewegen, aber das erreiche man nicht von heute auf morgen. 

Dafür ist Fischers Team bei den «Basics» top: Mit im Schnitt 118 Kilometern pro Spiel ist in dieser Saison kein Team mehr gelaufen, keines ist vor dem Tor effizienter. Die Konsequenz: Ein phänomenaler Saisonstart mit fünf Siegen in sieben Ligaspielen (zwei Remis). Auch, weil man nach einer starken Vorsaison gewichtige Abgänge wie Max Kruse, Taino Awoniyi oder Grischa Prömel umgehend auffangen konnte. Fischer: «Sportchef Oliver Ruhnert ist insofern ein grosses Lob auszusprechen, als dass die meisten Neuen bereits bei Vorbereitungsstart dabei waren.»

Spieler gehen, Fischer bleibt

Und da kommt es wieder: «Das hilft extrem, wenn es um die Erarbeitung der Basics geht.» Ein gutes Beispiel dafür sei Jordan Siebatcheu, der Torschützenkönig der Super League der vergangenen Saison (22 Tore). Fischer: «Seine Qualitäten hatte er bei YB ja schon zur Genüge unter Beweis gestellt, nur stellte sich die Frage, wie gut er zum Union-Ansatz passen würde.» Die Antwort: Sehr gut, nach schneller Integration hat der US-Franzose voll eingeschlagen. Vier Tore und zwei Assists in acht Pflichtspielen stehen zu Buche. 

Dem letzten FCB-Meistertrainer gelingt es also, Jahr für Jahr eine neue Erfolgstruppe zusammenstellen und durchschnittliche Profis zu Top-Spielen formen. Liegt so in mittlerer Frist gar der Meistertitel drin? «So etwas überhaupt im Kopf zu haben, innert vier bis fünf Jahren Meister zu werden, wäre absoluter Blödsinn», tritt Fischer auf die Bremse. Union sei ein junger Bundesligist, bei dem es seit dem Aufstieg konstant aufwärts gegangen sei.

«Grösste Fehler bei Erfolg»

«Es werden auch mal weniger erfolgreiche Zeiten kommen», ist sich der vierfache Nationalspieler bewusst. Dennoch: «Aufgrund der momentanen Situation wäre das nicht das falsche Ziel, aber im Grossen und Ganzen nicht realistisch.» Heisst: «Weiterhin Spiel für Spiel nehmen. Das gilt für Union und für meine Karriere. Man neigt dazu, die grössten Fehler zu machen, wenn man Erfolg hat.»

So bleibt Urs Fischer auch im fünften Jahr in Berlin auf dem Boden. Der ehemalige Abwehr-Stratege mag es in Deutschlands Hauptstadt. Auch wenn seine Frau und die beiden Töchter im 900 Kilometer entfernten Zürich leben. «Jeder vermisst sein Zuhause, das ist klar», meint Fischer. Aber man könne bekanntlich nicht alles haben. Vieles aber, wenn man sich stets auf die «Basics» rückbesinnt.

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