Aktualisiert 08.09.2009 17:35

FussballfinanzierungBloss nicht ständig gewinnen wollen

Dass Schweizer Fussballfans dieser Tage in Euphorie verfallen, hilft der Finanzierung der Fussballclubs wenig. Ex-Bayer-Leverkusen-Manager Ilja Kaenzig hält einen radikalen Denkwandel für nötig, damit die Clubs nachhaltig Gewinn schreiben können und erklärt, weshalb Meisterambitionen den Ruin bedeuten können.

von
Elisabeth Rizzi

Dem Schweizer Rekordmeister GC geht das Geld aus (20 Minuten Online berichtete). Der Club befindet sich in bester Gesellschaft. Selbst die weltweit umsatzstärksten Topmannschaften sind nicht davor gefeit: Bei Chelsea beläuft sich der Schuldenberg gegenwärtig auf 1,2 Milliarden Franken (Jahresumsatz 2008 laut Focus 449 Millionen Franken). Manchester United muss mit seinem Traumumsatz von 493 Millionen Franken Schulden in der Höhe von 1,17 Milliarden Franken tilgen. Und bei Liverpool stehen 678 Millionen Franken Schulden 335 Millionen Franken Umsatz gegenüber.

Von solchen Kennzahlen sind die Schweizer Clubs weit entfernt. So generiert etwa der Schweizer Meister FCZ gerade mal 1,9 Millionen Franken Erlös aus dem Trikot-Sponsoring und einen Gesamtumsatz von 23 Millionen Franken (Zum Vergleich Bayern München: Trikot-Sponsoring 31 Millionen Franken, Gesamtumsatz 448 Millionen Franken). Auch der Schweizer Umsatzführer FCB bringt es bloss auf 60 Millionen Franken Umsatz. Eine Kostenstruktur wie bei den Topclubs ist deshalb gar nicht möglich, selbst wenn sich letztere nicht verschulden würden. Bayern München gibt beispielsweise mehr als 160 Millionen Franken im Jahr für Löhne und Gehälter aus.

Massvollere Lohnpolitik

Kann Fussball also nur als Verlustgeschäft betrieben werden? Ja, glaubt Ilja Kaenzig, der ehemalige Manager von Bayer-Leverkusen und Hannover 96. Jedenfalls so lange der sportliche Ehrgeiz die ökonomischen Möglichkeiten übersteige. «Entsprechend sollten die Schweizer Clubs realistischer werden und Abschied nehmen von der Idee: 'Wir wollen unbedingt Meister werden'», findet er. Als positive Beispiele nennt er die Clubs Nürnberg oder Hannover, die sich damit abgefunden hätten im Mittelfeld zu bleiben. «Sponsoren und Fans akzeptieren auch ein Nischendasein», ist Kaenzig überzeugt und fordert von den Schweizer Clubs eine massvollere Lohnpolitik bei der Spielerrekrutierung.

Es sei eine Ausrede, Geldmangel für Misserfolg vorzuschieben, glaubt denn der Experte. Auch mit wenig Geld und ohne Ambitionen für die Topliga könne ein Club ein gutes Produkt sein. «Es geht schliesslich darum, im Stadion gute Arbeit zu zeigen», so Kaenzig. Im Fall GC hält er es für realistisch, dass der Club mit einem Budget von rund 10 Millionen Franken um die ersten Plätze in der Axpo-Superleague spielen könnte. Sei erstmal das Budget ausgeglichen, könnten Fussballclubs besonders mit Transfergebühren im zweistelligen Millionenbereich Geld erwirtschaften. Dann werde Fussball nicht nur für Spieler und Sponsoren, sondern sogar für die Vereine zur Goldgrube.

Mangelnde TV-Gelder

Das bezweifelt Hans-Willy Brockes, Geschäftsführer der Europäischen Sponsoringbörse (ESB). «Der Schweizer Fussball hat ein strukturelles Problem. Es mangelt an Fans und an TV-Einnahmen», sagt er. Tatsächlich machen TV-Gelder bei ausländischen Vereinen im Allgemeinen 30 bis 35 Prozent der Einnahmen aus. In der Schweiz muss man aber mit 5 Prozent zufrieden sein.

Der Grund: Während hierzulande in der Axpo-Superleague aktuell 10 und demnächst 12 Teams um die Gunst von 6 bis 7 Millionen potenziellen Fernsehzuschauern kämpfen, teilen sich in Deutschland 18 Clubs einen Zuschauermarkt von 80 Millionen Einwohnern. Ein ähnliches Verhältnis gilt für die Zuschauer und für die entsprechenden Einnahmen (Zuschauerdurchschnitt Bayern München 69 000, Zuschauerdurchschnitt GC 6992)

«Natürlich muss man als Club nicht Meister werden, um zu überleben», gibt Sportsponsoring-Experte Brockes zu, «aber ein regelmässiger Titel in der Axpo-Superleague gehört schon dazu. Und FCZ, YB sowie FCB sind klar das Mass der Dinge.» Entsprechend lässt sich seines Erachtens nicht endlos sparen. Grosszügige Mäzene seien nötig. «Ein Budget von 20 Millionen Franken ist die magische Grenze. Es fehlen Erfolgsbeispiele für Clubs mit massiv weniger Geld», glaubt er.

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