Aktualisiert 21.06.2019 18:11

SextortionBluewin-Kunden fürchten sich vor Erpresser-Mails

Eine neue Betrugsmasche verunsichert die Bevölkerung: Seit einigen Tagen kursieren Erpresser-Mails, die mit der Veröffentlichung von Masturbationsvideos drohen.

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mm
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Eine neue Betrugsmasche verunsichert die Bevölkerung: Seit ein paar Tagen kursieren Erpresser-Mails, die mit der Veröffentlichung von Masturbationsvideos drohen.

Eine neue Betrugsmasche verunsichert die Bevölkerung: Seit ein paar Tagen kursieren Erpresser-Mails, die mit der Veröffentlichung von Masturbationsvideos drohen.

Keystone/Martial Trezzini
«Masturbieren ist natürlich ganz normal, aber wenn deine Familie und Freunde davon zeugen, ist es natürlich eine grosse Schande»: So beginnt das Erpresser-Mail.

«Masturbieren ist natürlich ganz normal, aber wenn deine Familie und Freunde davon zeugen, ist es natürlich eine grosse Schande»: So beginnt das Erpresser-Mail.

M.S.
Betroffen sind vor allem Kunden mit einer Bluewin-Adresse. Die Verfasser drohen damit, heimlich aufgenommene Masturbationsvideos der Empfänger an alle E-Mail- und Social-Media-Kontakte zu verschicken.

Betroffen sind vor allem Kunden mit einer Bluewin-Adresse. Die Verfasser drohen damit, heimlich aufgenommene Masturbationsvideos der Empfänger an alle E-Mail- und Social-Media-Kontakte zu verschicken.

Soeren Stache

«Masturbieren ist natürlich ganz normal, aber wenn deine Familie und Freunde davon zeugen, ist es natürlich eine grosse Schande»: So beginnt ein Erpresser-Mail, das momentan viele verunsichert. Die Verfasser drohen damit, heimlich aufgenommene Masturbationsvideos der Empfänger an alle E-Mail- und Social-Media-Kontakte zu verschicken.

Wolle man dies verhindern, müssten 884 Euro an eine Bitcoin-Adresse überwiesen werden. Dafür hätten die Angeschriebenen 48 Stunden Zeit. Betroffen sind vor allem Kunden mit einer Bluewin-Adresse, wie die Melde- und Analysestelle des Bundes (Melani) schreibt.

«Mail in fehlerlosem Deutsch»

Leser M. S. erzählt, was ihm durch den Kopf schoss, als er das Erpresser-Mail öffnete: «Im ersten Moment war ich zu entsetzt, um gleich einen Fake zu vermuten. Denn das Mail war in beinahe fehlerlosem Deutsch geschrieben und kam anscheinend von meiner eigenen Adresse. Es schien so, als sei mein Computer wirklich gehackt worden und dass Fremde dadurch Zugriff auf meine Daten erhalten hätten. Das wäre auch geschäftlich verheerend gewesen.»

Er habe sich mit der Swisscom in Verbindung gesetzt, die ihm bestätigt habe, dass mit seiner Bluewin-Adresse alles in Ordnung sei und er alle Spam- und Virenfilter aktiviert habe. «Das beruhigte mich natürlich ein Stück weit.» Als er den Vorfall dem Bund melden wollte, habe er auf dessen Website eine Warnung vorgefunden. «Der Text stimmte genau mit dem Inhalt meines Mails überein.»

«Tausende werden zu Zielscheiben»

«Diese bösartige Energie macht mich einfach nur traurig. Es ist wirklich schlimm, dass es Menschen gibt, die versuchen, sich so Geld zu beschaffen», sagt der 59-Jährige. «Mit all diesen leicht auffindbaren, persönlichen Informationen im Netz werden Tausende Menschen zu Zielscheiben. Man fühlt sich beobachtet, so als würde heutzutage jeder in einem Glashaus sitzen.»

Der im Zürcher Säuliamt wohnhafte S. ist nicht der Einzige, der sich einen Moment lang verunsichern liess. Nebst der Kapo Aargau informierte auch die Schaffhauser Kantonspolizei am Mittwoch auf ihrer Website: «In den letzten Tagen häufen sich im Kanton Schaffhausen Meldungen über Betrugs- bzw. Erpressungsversuche mittels Mail.»

Polizei warnt Bevölkerung

Die Polizei rät, solche Mails sofort zu löschen und keinesfalls auf die Aufforderungen zu reagieren. «Zudem sollte man die üblichen Ratschläge zur Datensicherheit und Privatsphäre befolgen» (siehe Box).

Auch die Kantonspolizei Schwyz informierte in der Nacht auf Freitag via Twitter:

Der Bund ist ebenfalls aktiv

Dabei verweisen die Schwyzer in einem Link auf die Schweizerische Kriminalprävention. Im Rahmen ihrer Kampagne «Stop Sextortion» gibt die Kriminalprävention Betroffenen nützliche Tipps (siehe Box).

Auch die Melde- und Analysestelle Melani des Bundes ist über die Erpresser-E-Mails informiert: Zurzeit erhielten zahlreiche Bluewin-Kunden solche Mails mit dem Betreff: «48 Stunden zu zahlen». Die Behörden geben aber Entwarnung: Die Erpresser verfügen nicht über das Videomaterial, das sie zu besitzen vorgeben. Es handelt sich um eine leere Drohung.

«Kein spezifisches Bluewin-Thema»

Swisscom-Sprecherin Annina Merk sagt, es handle sich nicht um ein spezifisches Bluewin-Thema. Kunden aller Anbieter könnten betroffen sein. «Wir empfehlen den Kunden, diese Mails zu löschen, nicht darauf zu reagieren und auf keinen Fall Geld zu überweisen.»

Je nach Aufmachung seien die Mails geschickt getarnt und für den Spamfilter nicht als Spam erkennbar. Swisscom arbeite aber stetig daran, möglichst viele Spammails zu erkennen und herauszufiltern. «Auch die Spammer sind nicht untätig und passen ihre Mails laufend an. So ist es für die Filter schwieriger, solche Spammails zu erkennen», sagt Merk. «Es ist ein Katz-und-Maus-Spiel.»

Ratschläge zur Datensicherheit und Privatsphäre

In Endgeräten integrierte Kameras bei Nichtgebrauch abdecken.

Sicherheitsupdates regelmässig installieren.

Den vermeintlich bekannten Absender auf einem anderen Weg verifizieren.

Was ist Sextortion?

Gemäss der Schweizerischen Kriminalprävention (SKPPSC) handelt es sich um Sextortion, wenn Unbekannte in einem E-Mail behaupten, Zugang zu Computer und Webcam zu haben, und damit drohen, kompromittierendes Bild- oder Videomaterial zu veröffentlichen, sollte kein Lösegeld bezahlt werden. Dabei wird in der Regel eine Bezahlung in einer Kryptowährung gefordert.

Was kann man dagegen machen?

Laut SKPPSC könnten die in den Mails angegebenen Bitcoin-Adressen Hinweise auf die Täterschaft liefern. Deshalb sollten diese Mails an reports@stop-sextortion.ch weitergeleitet werden. Besonders wichtig: Man sollte nicht auf solche E-Mails reagieren. Ausserdem sollten Passwörter, die in einem solchen Sextortion-Mail genannt werden, dringend geändert werden.

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