Aktualisiert 08.12.2011 21:41

NGO klagt an

«Blutdiamanten-Kontrolle ist gescheitert»

Mit dem Kimberley-Prozess sollte der weltweite Handel mit Blutdiamanten bekämpft werden. Nun ist eine beteiligte NGO ausgestiegen – und erhebt schwere Vorwürfe.

von
pbl
Arbeiter im Marange-Feld in Simbabwe. Dieses war Auslöser für den Ausstieg von Global Witness.

Arbeiter im Marange-Feld in Simbabwe. Dieses war Auslöser für den Ausstieg von Global Witness.

Der Handel mit so genannten Blutdiamanten ist ein besonders trübes Kapitel der jüngeren Geschichte. In mehreren Ländern Afrikas haben Rebellen in den 90er Jahren Bürgerkriege auf diese Weise finanziert. In Sierra Leone, Liberia, Angola, im Kongo und an der Elfenbeinküste brachten sie Minen unter ihre Kontrolle und finanzierten Waffenkäufe mit Diamanten-Schmuggel. Aber auch diktatorische oder autokratische Regime in Afrika und Lateinamerika sollen teilweise bis heute von der Ausbeutung der Rohstoffe profitieren.

In unseren Breiten wurde das schmutzige Geschäft mit den edlen Steinen spätestens durch den erfolgreichen Film «Blood Diamond» mit Leonardo Di Caprio aus dem Jahr 2006 zum Thema. Letztes Jahr sorgte zudem die Aussage von Supermodel Naomi Campbell im Kriegsverbrecherprozess gegen den ehemaligen liberianischen Diktator Charles Taylor für Aufsehen. Campbell hatte von diesem mehrere mutmassliche Blutdiamanten erhalten.

Mit Zertifikaten belegen

Schätzungen zufolge machten Blutdiamanten in den späten 90er Jahren etwa 3,7 Prozent des weltweiten Rohdiamantenumsatzes aus. Bei einem Handelsvolumen von 7,5 Milliarden Dollar waren das rund 280 Millionen. Nach weltweiten Protesten vereinbarten Regierungen, Handel und Nichtregierungsorganisationen unter der Schirmherrschaft der Vereinten Nationen den im Jahr 2003 in Kraft getretenen «Kimberley-Prozess».

Mit dem in der südafrikanischen Diamantenstadt Kimberley beschlossenen System aus Herkunfts-Zertifikaten wollen die 75 beteiligten Länder den Weg der Edelsteine «von der Mine zum Finger» lückenlos belegen. Noch an der letztjährigen Konferenz in Jerusalem wurde der Prozess als Erfolg dargestellt. Nach offiziellen Angaben sind heute 99,8 Prozent der globalen Rohdiamanten-Produktion durch Zertifikate abgedeckt.

Sichere Herkunft nicht gewährleistet

NGOs kritisieren jedoch Lücken wegen Korruption und unzureichender Kontrollen. Sie beschuldigen die beteiligten Regierungen, ihnen fehle der Wille, sich gegenseitig auf die Finger zu schauen. Die Diamanten-Industrie wiederum benutze den Prozess als Vorwand, um die Augen zu verschliessen. Nun hat die Nichtregierungsorganisation Global Witness die Konsequenzen gezogen. Sie kündigte ihren Rückzug aus dem Prozess an.

«Wir müssen erkennen, dass das System, das mit so vielen guten Absichten gestartet war, viel Nützliches erreicht hat, aber letztendlich doch gescheitert ist», sagte Global-Witness-Gründungsdirektor Charmian Gooch am Montag. Fast neun Jahre nach dem Start sei «die traurige Wahrheit, dass die meisten Käufer weiterhin nicht sicher sein können, woher ihre Diamanten stammen und ob sie Waffengewalt oder repressive Regime finanzieren», sagte Gooch.

Umstrittene Minen in Simbabwe

Auslöser für den Rückzug von Global Witness war den Angaben zufolge die Entscheidung von Juni, den Handel mit Diamanten aus zwei Minen in Simbabwe wieder zuzulassen. Das so genannte Marange-Feld steht unter der Kontrolle des Militärs, rund 200 Menschen sollen dort getötet und Bewohner der Region zur Arbeit in den Minen gezwungen worden sein. Die Entscheidung zu Simbabwe habe «ein internationales System zur Konfliktprävention in ein zynisches Akkreditierungssystem für Firmen verwandelt», sagte Gooch.

Auch der Handel mit Blutdiamanten aus der Elfenbeinküste und eklatante Verstösse in Venezuela hätten nicht verhindert werden können. Dadurch sei Global Witness zuletzt zum Komplizen beim Weisswaschen schmutziger Diamanten geworden. Andere Teilnehmer fordern, der Kimberley-Prozess müsse überholt werden. Er sei zu sehr auf Rebellengruppen und zu wenig auf Regierungen – wie im Fall von Simbabwe – ausgerichtet.

Ein Sprecher der EU-Aussenbeauftragten Catherine Ashton räumte gegenüber der «New York Times» ein, der Kimberley-Prozess sei «vielleicht kein perfektes Instrument». Es sei aber das bestmögliche, und alle Parteien, darunter die Zivilgesellschaft, müssten mitarbeiten, es effektiv zu gestalten: «Ein Ausstieg hilft nicht, das gemeinsame Ziel zu erreichen.» (pbl/sda)

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