Aktualisiert 24.07.2006 11:37

Blutspenden: Schwule müssen lügen

Trotz des akuten Spendermangels besteht das Schweizerische Rote Kreuz auf den in der EU gültigen Richtlinien zum Blutspenden. Seit dem Auftauchen von AIDS dürfen Schwule nicht spenden. Weil sie eine «Risikogruppe» sind.

Offiziell halten sich alle an die Regel. In der Realität ist alles anders, wie Schwule gegenüber 20 Minuten bestätigen. Homosexuelle Männer sind zum Lügen bei der Geschlechtspräferenz gezwungen, wenn sie Blut spenden wollen.

Alain*, ein 44-jähriger Schwuler, spendet Blut seit er 18 ist und seit 10 Jahren gibt er sogar sein Knochenmark her. Er hat sich zum Lügen entschlossen: «Ich lebe keine Risikosexualität. Ich sehe nicht ein, wieso ich kein Blut spenden sollte. Aber mich ärgert die pauschale Abfertigung der Schwulen als Risikogruppe, das ist eine willkürliche Entscheidung.»

Er fragt sich, welche Grundsätze ihm verbieten sollen, Leben zu retten und empfindet die Regel als diskriminierend. Laut Alain halten es 20% der Schwulen die er kennt wie er und spendeten trotz des Verbots Blut.

Rotes Kreuz besteht auf Schwulen-Klausel

«Homosexuelle Männer dürfen seit dem Auftauchen von AIDS kein Blut mehr spenden, weil sie eine Risikogruppe sind», sagt Rudolf Schwabe, Direktor des Blutspendedienstes beim Roten Kreuz. «Ich bedauere es, aber es ist notwendig», fügt Schwabe an.

Auf der Website des Roten Kreuzes wird beteuert: «Ganz wichtig: Der Blutspendedienst SRK verbindet mit den hier aufgeführten Risikosituationen keine Werturteile.»

Prüft das Rote Kreuz die Angaben ihrer Spender überhaupt? «Das können wir natürlich nicht. Wir vertrauen auf die Ehrlichkeit der Leute in der Schweiz», bestätigt Dr. Schwabe den Verdacht. Hinzu kommt: Wer lügt, dem droht keine Strafe.

Unnötig Spender verschreckt?

Ein anderer Zeuge ist vom Roten Kreuz frustriert und lehnt es ab, zu lügen. «Ich habe vor meinem Coming Out während zehn Jahren Blut gespendet. Jetzt, als Schwulen, wollen sie micht nicht mehr. Von mir aus. Sie wollen etwas von mir, und nicht umgekehrt.»

Für all jene, die sich dieser Schwulenregel widersetzen, macht es wohl mehr Sinn, sich an die zweite Bedingung des Roten Kreuzes zu halten: Wer häufig wechselnde Sexualpartner hat oder weniger als sechs Monate mit dem neuen Partner zusammen ist, soll nicht spenden.

(sgi/asl)

Knappes Blut

Der im Juni festgestellte Mangel an Blutkonserven hat sich nach Aufrufen des Blutspendedienstes SRK zwar wieder leicht entschärft. Direktor Rudolf Schwabe sagte, dass aber weitere Spenden nötig seien, um gut über den Sommer zu kommen.

Der vergangene Juni hatte in den Lagern des Blutspendedienstes zum tiefsten Stand seit Februar 2000 geführt, als eine Grippewelle Spenden im normalen Rahmen verunmöglichte.

Die Fussball-WM und die Hitze hatten nach Einschätzung des Dienstes im Juni die Spendefreudigkeit der Schweizer Bevölkerung stark gedämpft. Dazu kamen ungewöhnlich viele Unfälle, die Blut benötigten.

Neben der Wintersaison mit vielen Grippefällen im Januar und Februar besteht in der Sommerferienzeit von Juli bis Mitte August die stärkste Gefahr von Engpässen im Blutspendewesen.

2005 spendeten 236 500 Personen Blut. In diesem Jahr wurden laut dem Roten Kreuz bereits 126 492 Blutportionen benötigt.

(AP/asl)

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