«Time-Out»: Bob Hartley, der ungehobelte Krueger
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«Time-Out»Bob Hartley, der ungehobelte Krueger

Die ZSC Lions haben mit ihrem neuen Trainer Bob Hartley die perfekte Notlösung gefunden. Die bange Frage ist nur: Was ist, wenn auch er scheitert?

von
Klaus Zaugg

Der SC Bern verhandelte mit ihm und entschied sich dann für Larry Huras. Lugano wollte ihn. Die ZSC Lions haben ihn bekommen: Wer ist Bob Hartley?

Nun, ein erfolgreicher NHL-Coach mit französischer Muttersprache, der Englisch mit einem leichten französischen Akzent spricht. Mit Colorado (und Ersatzgoalie David Aebischer) gewann er den Stanley Cup (2001), Atlanta führte er in die Playoffs (2007). An beiden Orten endete die Amtszeit des 50-jährigen Kanadiers mit Karacho. Er wurde gefeuert.

Hartley verfügt also über das Herrschaftwissen der Coaches: Er weiss, wie man Meisterschaften gewinnt. Aber die Schweiz ist nicht Nordamerika, die NLA nicht die NHL, Zürich nicht Denver oder Atlanta. Die Frage ist also: Wie arbeitet Hartley? Welcher Trainertyp ist er? Tief in seiner Seele glaubt Hartley an die klaren Hierarchien und Befehlsketten des nordamerikanischen Sportes. Er kennt die für unser Hockey so typische Widerspruchskultur noch nicht.

Aber da ist auch die andere Seite: Hartley gehört zu einer neuen Generation von Coaches, die sehr wohl wissen, dass Spieler nicht nur Sportsoldaten sind, dass sich Kommunikation nicht auf Befehlsausgabe beschränkt. Hartley ist ein charismatischer Bandengeneral, ein hoch begabter Kommunikator und Motivator und in diesem Bereich so gut wie Krueger. Aber sein Umgangston ist rauer und direkter als jener der europäischen Coaches. Am ehesten lässt sich Hartley als ungehobelte Version von Ralph Krueger bezeichnen.

Er ist die richtige Notlösung für die ZSC Lions. Denn die ZSC Lions haben das Talent zum Gewinn der Meisterschaft und die Leistungskultur für die Playouts 2012. Gutes Zureden hilft in dieser antiautoritären Selbsterfahrungsgruppe Oerlikon nicht mehr. Es braucht jetzt einen harten Hund. Aber einen mit Intelligenz und hoher Hockeyfachkompetenz. Einen wie Bob Hartley.

Das bedeutet konkret: Ab sofort ist Schluss mit «Seger-Flüstern», «Wichser-Flattieren» und «Sulander-Voodoo». Mit Hartley wird bei den Spielern das Primat der guten Beziehungen durch das Primat der Leistung abgelöst.

Kann es funktionieren? Die ZSC Lions sind durch eine antiautoritäre Kultur geprägt: Seit Kent Ruhnke (Vertrag nach dem Titel 2000 nicht mehr verlängert) haben in Zürich durchwegs Trainer gearbeitet, die schlau, sorgsam und manchmal auch ängstlich auf die Befindlichkeiten der wichtigen Spieler Rücksicht genommen haben. Coaches, die schweizerisch und kompromissbereit geworden sind: Larry Huras, Pekka Rautakallio, Christian Weber, Harold Kreis, Sean Simpson und, als vorläufiger Höhepunkt, der brave Soldat Schwejk Colin Muller. Auch Bent-Ake Gustafsson gehört letztlich in diese Kategorie Coaches, die auf die Selbstverantwortung der Spieler setzen. Selbst Sean Simpson, der so grantlig sein konnte, hat es nie gewagt, mit Stars wie Mathias Seger Tacheles zu reden.

Bei Bob Hartley beginnt jeder wieder ganz von vorne. Er ist durch keine Schweizer Vergangenheit belastet. Dass Spieler hinter seinem Rücken Intrigen einfädeln könnten, kommt ihm nicht einmal in den Sinn. Es wird nun kalt in Oerlikon. Für die Spieler wird es ungefähr so sein, wie wenn einer nach der Rudolf-Steiner Schule in die US-Militärakademie von West Point einrückt.

Aber wenn das Management Bob Hartley den Rücken stärkt, wenn Sportchef Edgar Salis und Manager Peter Zahner jeden Spieler, der in ihren Büros über den Trainer maulen will, sofort rauswerfen und darüber hinaus noch gut hörbar die Türe zuknallen, dann kann der neue Trainer Erfolg haben. Denn anders als so viele NHL-Trainerdinosaurier betreibt er keine Machtspiele. Es geht ihm immer ums Eishockey.

Oder wir können es ganz einfach sagen: Wenn es Bob Hartley nicht schafft, bei den ZSC Lions wieder eine Leistungskultur aufzubauen - wer dann?

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