14.07.2014 04:50

Psycho-Marken erreicht

Börsenparty bald vorbei - doch keiner will gehen

Dax 10'000 Punkte, Dow Jones 17'000 Punkte: Nach dem Erreichen magischer Marken könnten sich Anleger leicht blenden lassen. Experten mahnen zur Vorsicht.

von
Yves Hollenstein

An der Börse in Frankfurt wurde früher jede runde Marke mit einer Torte gefeiert. Dem ist längst nicht mehr so - und als der Deutsche Aktienindex Dax kürzlich die 10'000er-Marke knackte, kam bei den Händlern nur wenig Jubelstimmung auf.

Auch an der New Yorker Wall Street, wo der Dow Jones letzten Freitag erstmals die 17'000 Punkte übersprang, nahmen die Börsenprofis das nur noch mit einem Kopfnicken zur Kenntnis. Zu lange dauert die aktuelle Aktien-Hausse bereits, zu viele Torten wurden angeschnitten, als der Dax noch unter 4000 notierte und der Dow Jones unter 7000 Punkten.

Keine Euphorie auch bei den Anlegern: Sie strichen ihre Gewinne ein, wodurch die Kurse in den letzten Tagen deutlich nachgaben. Nach dem starken Anstieg stelle sich erst einmal ein gewisses Sättigungsgefühl ein, erklärt Jens Klatt, Chef-Marktanalyst von DailyFX, gegenüber 20 Minuten: «Viele haben sich genau diese Marken zum Ziel des Ausstiegs gesetzt.»

Viele wollen wieder einsteigen

Die Frage ist, was die Anleger nun tun werden. Ein Blick auf das Sentiment (eine Art Stimmungsindikator für die Markterwartungen der Teilnehmer) zeigt, dass immer noch viele Investoren gewillt sind, bei etwas tieferen Kursen wieder einzusteigen. Raiffeisen-Chefökonom Martin Neff schreibt dazu in seinem aktuellen Börsenkommentar: «Obwohl jeder weiss, dass die Party vielleicht bald zu Ende gehen wird, möchte kaum einer jetzt schon gehen.»

Niemand will verpassen, wenn die Börsen die runden Marken endgültig nach oben durchbrechen. Für den deutschen Börsenpsychologen Joachim Goldberg ist das, wie wenn Menschen plötzlich unbedingt zugreifen wollen, wenn im Supermarkt etwas 1,99 Euro kostet, was tags zuvor noch zwei Euro gekostet hatte. «Mit Vernunft hat das nichts zu tun, mit Psychologie dagegen sehr viel», sagte Goldberg zu Süddeutsche.de.

Doch genau diese Kaufeuphorie könnte zu Verlusten führen, zumindest wenn man die Historie betrachtet. Als der Dax im Jahr 2000 erstmals die 8000er-Marke knackte, platzte kurz darauf die Internetblase. Unzählige euphorische Anleger verloren innerhalb kurzer Zeit viel Geld. Das ist nur eines von vielen Beispielen, wo ein Grossteil der Marktteilnehmer grundlegend falschlag.

Verluste ausbügeln

Warum dies oft den immer gleichen Anlegern passiert, zeigt eine Studie des California Institute of Technology. Die Forscher haben herausgefunden, dass bei Investoren, die schon früher Verluste schrieben, im Gehirn eine Art natürliches Frühwarnsystem aussetzt. Mit anderen Worten: Sie wollen die Verluste ausbügeln und missachten dabei sämtliche Warnsignale. Erfolgreiche Investoren würden hingegen schon früh spüren, wenn etwas mit dem Markt nicht mehr stimme.

Philipp Jäggle, Technischer Analyst der Zürcher Kantonalbank, vertraut in dieser Hinsicht auf die Charts. Psychologischen Marken misst er wenig Bedeutung bei: «Auch wenn wir aktuell daran abprallen, ist der mittelfristige Aufwärtstrend noch intakt und lässt weiter steigende Kurse erwarten», sagt Jäggle. Erst bei einem nachhaltigen Bruch des Aufwärtstrends sei dieses Szenario überholt. Investoren rät er deshalb, bei Kursrückschlägen dazu zu kaufen.

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